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19. Oktober 2011

Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich

Viele Anstrengungen, aber wenig Erfolg

BZ-SERIE JUGENDARBEITSLOSIGKEIT (TEIL V): Frankreich versucht, das duale Ausbildungssystem Deutschlands nachzuahmen.

An Einsatz und Entschlusskraft fehlt es nicht. Unermüdlich legt Nicolas Sarkozy Krisenpläne auf, erlässt Notmaßnahmen, stellt Sonderbeauftragte ab. Kaum ein französischer Staatschef ist so entschlossen gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu Felde gezogen wie er. Allein, es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Der um die Gunst der Jugend buhlende Präsident steht im Wahlkampf mit leeren Händen da. Hatten vor zwei Jahren 23,9 Prozent der 15- bis 24-Jährigen keine Arbeit, sind es heute 23,3 Prozent. Diejenigen, die fündig geworden sind, müssen nicht selten weiterbangen. Mehr als die Hälfte von ihnen ist befristet beschäftigt oder in Teilzeit.

Besonders düster sieht es in den von hohem Ausländeranteil gezeichneten Vorstädten der großen Metropolen aus. In den 751 Problemvierteln des Landes haben 43 Prozent der männlichen und 37 Prozent der weiblichen Angehörigen dieser Altersgruppe keinen Job. Oft genügt dort ein Funke, und der Zorn der auf dem Arbeitsmarkt Zu-Kurz-Gekommenen entlädt sich auf der Straße: Jugendliche setzen Autos in Brand, werfen Scheiben ein, greifen Polizisten an.

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Aus Sicht der Grünen-Chefin Cécile Duflot ist das gewaltsame Aufbegehren schlicht Gegenwehr. "Den jungen Leuten keine Perspektive zu bieten, das ist brutal, das ist ebenfalls eine Form von Gewalt", sagt Duflot. Der Befund ist umso beunruhigender, als es an staatlichen Instrumenten, die Jugendlichen zum Job verhelfen sollen, nicht fehlt. Rund 50 Fördermaßnahmen gibt es bereits. Zum einen zielen sie darauf ab, Unternehmen mit finanziellen Anreizen wie Steuerentlastung oder Sozialabgabenbefreiung für die Ausbildung und Anstellung von Berufsanfängern zu gewinnen. Zum anderen dienen sie dazu, die materielle Not junger Erwerbsloser zu lindern und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit staatlich finanzierten Fortbildungsangeboten oder Berufseinsteigerstellen im öffentlichen Dienst zu erhöhen. So wurden 2009 etwa 1,3 Milliarden Euro zur Subventionierung von Lehrstellen und Praktika bereitgestellt. Arbeitslose Jugendliche, die es mit ihren Jobs auf insgesamt drei Jahre Beschäftigung bringen, erhalten Sozialhilfe. Damit junge Leute fern des Wohnorts anheuern können, gibt es Fahrtkostenzuschüsse oder Wohngeld.

Angesichts des gemessen am Einsatz geringen Ertrages hat Sarkozy außerdem nach neuen Wegen Ausschau gehalten, wie er den bereits vor 30 Jahren von Premier Raymond Barre ausgerufenen Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit gewinnen könnte. Zumal beim deutschen Nachbarn ist der Präsident fündig geworden. Nachahmenswert erscheinen dem Franzosen das duale Ausbildungssystem und der in Deutschland gepflegte soziale Dialog. Ein Anfang ist gemacht.

Abitur und Hochschulabschlüsse sind inflationär und deshalb wenig wert

Im vergangenen Jahr haben 24 Prozent der beschäftigten Jugendlichen eine Lehre oder eine praxisnahe betriebliche Ausbildung mit der Aussicht auf Anstellung absolviert. Gewerkschaften und Unternehmerverbände haben Verhandlungen aufgenommen, wie sie Stellen für Jugendliche schaffen könnten. Arbeitnehmervertreter bemängeln aber, dass sie – von schönen Worten abgesehen – wenig Entgegenkommen spürten. Unternehmer versuchten in Krisenzeiten lediglich, ihre Beschäftigten zu halten. Neu auf den Arbeitsmarkt drängende Jugendliche hätten das Nachsehen. Hinzu kommen müsste eine Reform, wenn nicht eine Revolution der Bildungs- und Hochschulpolitik.

Wenn sich junge Franzosen auf dem Arbeitsmarkt schwer tun, dann nicht zuletzt deshalb, weil ihre Diplome dort wenig wert sind. Ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Abiturienten und Akademikern hat zur Folge, dass Gymnasial- und Hochschulabschluss in Frankreich nicht als Ausweis herausragender Fähigkeiten gelten. Hinzu kommt, dass der für die Renten- und Sozialkassen hochwillkommene Kindersegen auf dem Arbeitsmarkt unerfreuliche Folgen zeitigt. Eine Geburtenrate von zwei Kindern pro Frau – Tendenz stetig steigend – bedeutet eben auch, dass in Frankreich proportional mehr junge Leute einen Job suchen als in den meisten anderen Ländern der EU. So entschlossen der Präsident auch gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu Felde zieht: Das Kinderkriegen will er seinen Landsleuten nicht ausreden. Sarkozys 43-jährige Gattin Carla wird im Oktober ein weiteres Kind zur Welt bringen. Es ist Sarkozys viertes.

Bisher erschienen: Spanien (27. 9.), Italien (30. 9.), Griechenland (5. 10.), Großbritannien (13. 10.). Der nächste Teil: Niederlande

Autor: Axel Veiel