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27. Januar 2012
Zwischen Verachtung und Faszination
BUCH IN DER DISKUSSION: Klaus-Michael Bogdal schreibt eine Geschichte der Diskriminierung der Romvölker in Europa.
Ihre Herkunft liegt im Dunkel – plötzlich waren sie da: die fremden Menschen, die nach 1400 vor den Toren der Städte standen. Der Illustrator der "Spiezer Chronik" hat sie Mitte des 15. Jahrhunderts mit Turbanen und Spitzhüten vor der Stadtbefestigung von Bern dargestellt. Denn man musste die Zigeuner, wie sie im deutschen Sprachraum bald hießen, irgendwie in ein bekanntes Schema einordnen. Da blieben zwei Möglichkeiten: Pilger oder (im ungünstigen Fall) Späher der feindlichen Türken oder Tataren. Sicher war, wo sie in der Rangordnung hingehören: ganz nach unten.
Diese lange Geschichte zeigt jetzt der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal. In seinem Buch "Europa erfindet die Zigeuner" beschreibt der Bielefelder Professor die Romvölker und den Umgang der Gesellschaft mit ihnen als ein europäisches Phänomen, das "wegen seiner vermeintlichen Bedeutungslosigkeit nie Eingang ins historische Gedächtnis hat finden können". Immer bewegt sich die Sichtweise auf dieses fremde Volk zwischen der Faszination für ihre exotischen Bräuche und der Verachtung für ihr Anderssein. Wie schmal der Grat mitunter war, zeigt Bogdal am wohl erschütterndsten seiner vielen Beispiele: Während sich die Adelsdamen Ende des 17. Jahrhunderts bei einem Ball im Dresdner Schloss mit einer "Zigeunermaskerade" in orientalischen Gewändern vergnügen, werden nur wenige Kilometer entfernt Romafrauen als Gesindel am Galgen gehenkt.
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Es wurde den Romvölkern zum Verhängnis, dass ihre Geschichte von anderen geschrieben wurde, sie konnten es nicht: Ihre Überlieferungen waren mündlich. Diese fehlende Schriftkultur ist immer wieder das Hauptargument für die Abgrenzung von dem Naturvolk. In einem detailreichen Werk zieht der Autor mit diesem Argument auch eine deutliche Trennlinie zwischen dem Zigeunerhass und dem Antisemitismus, die beide – vor allem nach dem Holocaust – oft im selben Atemzug genannt werden. Der Grund für die Ausgrenzung der Juden war der Neid auf das, was sie an finanziellem und geistigem Reichtum erreicht haben. Die Roma dagegen standen für das, was die Europäer für überwunden glaubten: die Kulturlosigkeit, das Wilde. Von diesem Bild der unzivilisierten Horde ist es nicht mehr weit zu Allmachtsphantasien und der Vernichtung als "minderwertige Rasse".
Der Autor zeigt auf, dass die Zigeuner unter diesen Bedingungen nie eine Chance hatten. Ob sie als bedrohlich beschrieben wurden oder romantisierend als Naturvolk, stets bemühten sich Schriftsteller, Philosophen und Ethnologen um die Betonung der Unterschiede. Einigermaßen wohlwollend – oft nur als folkloristische Staffage – werden die Zigeuner von Dichtern im 18. und 19. Jahrhundert betrachtet: Achim von Arnims "Isabella von Ägypten", Walter Scotts "Guy Mannering", Puschkins "Die Zigeuner" und schließlich Victor Hugos "Glöckner von Notre-Dame". Gerade in diesem Roman verfestigt sich mit der schönen Esmeralda der Mythos von der liebeshungrigen Zigeunerin, der Männer zum Opfer fallen.
Nicht gut kommt in Bogdals fundierter Studie auch die Nachkriegsliteratur weg: Christa Wolf, Günter Grass und Ingeborg Bachmann scheuen sich nach dem Massenmord nicht, auf die bekannten Zigeunerfiguren zurückzugreifen. "Sei es, um an die Kindheitsängste von Raub und Entführung zu erinnern oder der romantischen Sehnsucht nach Freiheit Ausdruck zu verleihen", schreibt Bogdal. Martin Walser und seiner Romanversion des Tatort-Krimis "Armer Nanosh" von 1989 gebührt gar die zweifelhafte Ehre eines "Höhepunkts diskriminierender Darstellung in der deutschen Nachkriegsliteratur". Denn hier würden "gezielt und offen Stereotype über Sinti verbreitet".
Schockierend, wie der Autor schildert, dass die Beamten, die die Entschädigungsanträge für die Holocaust-Verfolgten bearbeiteten, oftmals die gleichen waren, die wenige Jahre zuvor die Deportationen organisierten. Mit den unfassbaren Erfahrungen in Auschwitz endet auch die Sprachlosigkeit der Zigeuner. Sie beschreiben ihre Erinnerungen und setzen sich mit ihrer Existenz auseinander.
600 Jahre Zigeuner in Europa – ihr Platz ist geblieben, wie es die Gesellschaft wollte: ganz am Rand, ganz unten. Zehn Millionen Sinti und Roma gibt es in Europa. Beim Blick auf die alltägliche Diskriminierung, Verachtung und Ausgrenzung kommt Klaus-Michael Bogdal resigniert zu dem Schluss: "Das Buch endet hier, nicht jedoch die Geschichte, die es erzählt hat."
Autor: Berthold Georg Merkle
