Konzertkritik

Kraftklub in Freiburg: Diese ganz normale Indie-Band

Simon Langemann

Von Simon Langemann

So, 25. März 2018 um 11:23 Uhr

Rock & Pop

Kraftklub aus Chemnitz spielten vor 5000 Fans in der Freiburger Sick-Arena.

"Einer von uns hat gesagt: Wenn ich an meinem Geburtstag schon arbeiten muss, dann will ich das im Breisgau tun." So kündigt Sänger Felix Brummer den Mann des Tages an. Drummer Max Marschk wird heute 30 Jahre alt, zündet sich genüsslich eine Zigarette an und lässt sich vom Publikum ein inbrünstiges Ständchen singen. Bühnenhelfer bringen ein Glücksrad herbei, auf dem ein paar Wunschtitel des Schlagzeugers stehen. Brummer bittet einen Fan namens Hannah nach oben, denn sie hat sich die Mühe gemacht, ein Schild mit der Aufschrift "Darf ich das Rad drehen?" zu basteln. Die Wahl fällt auf den Titel "Scheissindiedisko" – "ein Song aus unserer spätpubertären Phase", bekennt der Sänger.

Es sind Minuten, an denen sich so ziemlich alles ablesen lässt, was das Phänomen Kraftklub ausmacht: Selbstironie, simple Show-Einlagen und überaus glaubwürdige Publikumsnähe. Dazwischen Indie-Rock im Stile der frühen 2000er, eingängige Refrains des Gitarristen Karl Schumann und die gerappten Strophen Felix Brummers. Auf diese Kombination kam in Deutschland niemand vor ihnen – ein nicht zu vernachlässigender Grund für den Hype, dank dem die die Band heute nicht in kleinen Clubs, sondern vor knapp 5000 Menschen in der Sick-Arena spielt. Was für Kraftklub-Verhältnisse dieser Tage schon ein Konzert der kleineren Sorte darstellt.

Im Grunde hatten sich die fünf Chemnitzer bereits vor sechs Jahren mit ihrem völlig überraschenden Nummer-eins-Debüt "Mit K" im deutschsprachigen Mainstream festgesetzt. Sechs Jahre später, beim Finale ihrer Tour zur aktuellen Platte "Keine Nacht für Niemand" in Freiburg, scheint wenig dafür zu sprechen, dass sie ihren Platz im Pop-Olymp so schnell wieder räumen müssen. Man gönnt es ihnen, obwohl oder gerade weil sie nicht die prototypischen Rockstars sind: Sie bleiben eben diese ganze normale Indie-Band, die bodenständigen Jungs aus dem Osten, die selbst nicht so genau wissen, warum sie eigentlich berühmt geworden sind. Dass sie nicht müde werden, dies in Interviews und Songtexten zu thematisieren, macht sie sympathisch. Über die Problematik, dass ihre Lieder – auch mit mittlerweile drei Alben im Repertoire – für eine 100-minütige Live-Show einfach zu gleichförmig klingen, kann es jedoch nicht hinwegtäuschen.

Auf ihrer aktuellen Platte "Keine Nacht für Niemand" haben Kraftklub versucht, der Vorhersehbarkeit mit einigen Zitaten aus der Pop-Geschichte entgegenzuwirken. Das funktioniert mal besser, etwa wenn der Die Ärzte-Klassiker "Sklave", intoniert von Felix Brummer im Sadomaso-Kostüm, auf eine Kritik an freiwilliger Ausbeutung umgemünzt wird – und mal gar nicht: Der Element of Crime-Klassiker "Am Ende denk ich immer nur an dich" wirkt in der mitgrölbaren Kraftklub-Version seltsam entstellt.

Wie sehr einen der Indie-Rock-Einheitsbrei letztlich einlullt, spürt man, so- bald die Band ihn zwischendurch einmal hinter sich lässt, sei es auch nur aus Spaß. Etwa beim satirischen HipHop-Song "500K", mit dem sich die Karl-Marx-Städter einst für eine halbe Million Facebook-Fans abfeierten. Oder beim Cover des Icona Pop-Megahits "I love it", für den der Schweizer Supportact Faber als Gast auf die Bühne zurückkehrt, um mit Unterstützung zweier innig knutschender Männer ein Statement gegen Homophobie zu setzen. "Liebe ist für alle da", resümiert Brummer. Kurz darauf taucht er plötzlich auf der Tribüne für Rollstuhlfahrer und Kinder auf und verabschiedet sich nach kurzem Besuch mit rührender Herzlichkeit. Er liebt das Publikum, und das Publikum liebt ihn. Eher mit Ekstase als mit Ablehnung sind die leeren Bierbecher zu erklären, die immer wieder auf die Bühne fliegen. Das bleibt zumindest zu hoffen – den Kraftklub-Jungs etwas Böses zu wünschen, fällt schwer. Denn eines ist nicht erst seit der inbrünstigen Anti-AfD-Ansage gegen Ende klar: Sie gehören zu den Guten.