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06. April 2009

Viel freie Hand für Randalierer

In Straßburg brennen vier Gebäude, aber die französische Innenministerin sieht den Polizeieinsatz dennoch als Erfolg

  1. Straßburger Hotel in Flammen – in Brand gesteckt von Randalierern Foto: dpa

  2. honorarpflichtig Konto 10326478, Sparkasse Karlsr4uhe, BLZ 660 50101 Foto: Heck

STRASSBURG. Gewalttätige Ausschreitungen haben den Nato-Gipfel insbesondere in den Straßburger Vororten am Rhein begleitet. Gestern begann die Suche nach Erklärungen, warum die Situation derart eskalieren konnte.

Der Angestellte des Ibis-Hotels sitzt am Straßenrand. Er ist fassungslos. "Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte", sagt er. Um ihn herum sieht es am Samstagabend im Straßburger Rheinhafenviertel aus wie im Krieg. Sein Hotel brennt lichterloh, der Dachstuhl ist eingebrochen. Die Feuerwehr ist seit anderthalb Stunden weg; sie hat vor Randalierern die Flucht ergriffen.

Gegenüber ist von der Apotheke und der Touristinfo ein Haufen gekrümmten Metalls übrig, im Innern lodern Flammen. Der Boden ist übersät mit Tränengaskartuschen und Scherben einer Bushaltestelle. Die Bilanz der Straßburger Ausschreitungen zum Nato-Gipfel am Samstag: Vier Gebäude sind abgebrannt, 50 Verletzte, ein Dutzend Festnahmen. Die Präfektur schätzt die Zahl der Randalierer auf 2000, die Nato-Gegner sprechen von 500. Tatsächlich dürften es rund 1000 gewesen sein.

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Weil etliche Zugänge zum Demonstrationsort von der Polizei gesperrt wurden, haben Tausende Nato-Gegner nicht zum Kundgebungsort kommen können. Die Schuld für die Eskalation geben die Organisatoren den Behörden. Die Präfektur dagegen erklärt, die Organisatoren des Protests seien von Anfang an völlig überfordert gewesen. Die französische Innenministerin nennt den Einsatz einen Erfolg. Und die baden-württembergische Polizei wundert sich laut, warum die Franzosen ihr Hilfsangebot nicht angenommen haben, als die Lage eskalierte.

Es geht auch anders – wie im Straßburger Ortsteil Schiltigheim. 150 Demonstranten blockieren dort am Samstag gegen elf Uhr eine Kreuzung und Tramgleise. Ein Mann spielt auf dem Dudelsack Beethovens "Ode an die Freude", gegenüber stehen 20 Polizisten herum und plaudern entspannt. "Die Leute haben auf dem Boden geschlafen, so ruhig war es", sagt Kathrin Vogler aus Emstetten. Nun wollen die Ersten nach vier Stunden ihre Sitzblockade wieder beenden.

"Warum macht ihr das?",

fragt ein Demonstrant

die Randalierer

Auf der Brücke zur Rheininsel zwischen der Straßburger Innenstadt und dem Übergang nach Kehl kippt die Stimmung. Ein Heer von Polizisten steht mit Einsatzwagen bereit. In der Ferne steigen an einer Brücke weiter südlich Tränengaswolken auf, das explosionsartige Knallen der Blendgranaten schallt über den Rhein. Die Nato-Gegner werden den Behörden tags darauf vorwerfen, die Zugänge zur Rheininsel zwei Stunden später als vereinbart freigegeben zu haben, was Demonstranten hinderte, zum Sammelplatz zu kommen. Dort ist es gegen 12.45 Uhr leer, obwohl das Kulturprogramm gleich losgehen soll. Dafür rennen plötzlich mehrere Hundert vermummte Menschen in Richtung Europabrücke. Kurz darauf brennt dort die Zollstation.

"Warum macht ihr das?" Ein junger deutscher Demonstrant versucht, vermummte Krawallmacher davon abzuhalten, Stühle auf die brennenden Barrikaden auf der Europabrücke zu werfen. Dahinter wartet der deutsche Demonstrationszug, der zur Hauptkundgebung über den Rhein kommen will. Die Vermummten verständigen sich auf Englisch und halten kurz inne, bis der junge Mann weg ist. Dann machen sie weiter.

Minuten später beginnt das Ibis-Hotel etwa 200 Meter weiter zu brennen. Alle Gäste werden gerettet, es gibt keine Verletzten. Die französische Polizei ist nicht zu sehen. Die Flammen fressen sich auch durch die nahe Touristinformation, an die eine Apotheke angeschlossen ist. Als die französischen Einsatzkräfte anrücken, wüten die Randalierer seit 40 Minuten. Die Polizei greift sie mit Tränengas und Blendgranaten an, sie schießen mit Raketen zurück und werfen Steine.

Auf dem Kundgebungsplatz daneben wird das Kulturprogramm abgebrochen, als Tränengas die Menge trifft. Die Demonstranten nehmen einen Weg, der nicht zur abgesprochenen Route gehört. An der Abzweigung Richtung Innenstadt verlassen erste Demonstranten den Zug. "Uns ist das zu gefährlich", sagt ein Mann, der eine Friedensfahne zusammenfaltet.

Die Menge, rund 14 000 Menschen, unter die sich die Randalierer gemischt haben, läuft den Rhein entlang Richtung Norden. Hinter dem Zug, der in eine Sackgasse geraten ist, weil die Polizei und das brennende Hotel ihm den Weg abschneiden, errichten die Randalierer mit Holzpaletten eine Barrikade. Die Demonstranten beginnen, zurückzulaufen. Ihnen steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Viele gehen mit erhobenen Händen. Immer noch setzt die Polizei Tränengas ein. Es gibt erste Festnahmen, bei denen die Polizisten auch Knüppel einsetzen.

Straßburgs Bürgermeister Roland Ries erwartet nun Erklärungen der Polizeikräfte zum Einsatz. Am Sonntagnachmittag hat die Polizei laut Nato-Gegnern Fahnen, Prospekte und anderes Material in dem Camp beschlagnahmt. Dort wollten am Abend noch 100 Personen übernachten.

Autor: Constance Frey