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14. Oktober 2011
Arbeitstag der Mitarbeiter des Caritassozialdienstes im Landkreis
Hilferufe am laufenden Band: Ein Arbeitstag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Caritassozialdienstes im Landkreis.
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Verstehen sich als Anwälte der Benachteiligten, die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen des Caritassozialdienstes (von links): Wolfgang Busse, Birgit Trapp, Bernadette Schlosser, Benedikt Burget, Carmen Walker, Andrea Elsäßer und Christoph Schlosser (Fachbereichsleiter) Foto: privat
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Bei aller Not: Respekt und Wahrung der Würde sind wichtig. Foto: privat
LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Am kommenden Montag ist der UNO-Tag der Armut. Mit solch einem Tag verbindet man zunächst einmal die Armutsregionen in Afrika oder in Asien. Doch auch in unserer Wohlstandsgesellschaft gibt es an jedem Tag und an fast jedem Ort Notlagen. Da gibt es Menschen, die arm dran sind und Hilfe brauchen. Viele der Hilferufe gehen beim Caritassozialdienst im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ein, dessen Helferinnen und Helfer versuchen, den Hilfesuchenden unabhängig von Alter, Religionszugehörigkeit und Nationalität mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und ihnen wieder eine Perspektive zu geben.
Wie ein Tag der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen aussieht, schildern sie in den folgenden Beispielen. Die Namen der Hilfesuchenden sind geändert, die Fälle indes, so die Caritasleute, sind authentisch – also ein durchaus realistischer Blick auf Notlagen bei Menschen in verschiedenen Gemeinden des Landkreises.Müllheim, 8.00 Uhr: Anna Jauch hat noch keine Nachricht, ob ihr das Jobcenter den Umzug nach Freiburg in die günstigere Wohnung bezahlt. In drei Tagen ist der Umzugstermin. Der Sozialpädagoge Benedikt Burget führt verschiedene Telefonate mit Personen aus dem Hilfenetzwerk. Er erreicht, dass ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Frau helfen wird, ihre Möbel zu verpacken und wieder aufzubauen. Offen ist, wer die Kosten für den Umzugswagen übernimmt. Vorsorglich stellt Burget einen Eilantrag bei der Bürgerstiftung.
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Freiburg, 8.30 Uhr: Sergej Tesch ruft aus dem Dreisamtal an. Er hat Probleme mit dem Vermieter. Seit zwei Monaten hat er die Miete nicht bezahlen können, da sein Arbeitgeber ihm keinen Lohn ausbezahlt hat. Der Vermieter will die Wohnung kündigen. Der Sozialarbeiter Wolfgang Busse schlägt Tesch vor, am Nachmittag in die Sprechstunde in das Außenbüro nach Kirchzarten zu kommen: Vermittelnde Gespräche mit Arbeitgeber und Vermieter stehen an.
Müllheim, 9.00 Uhr: Anna Jauch ist mit ihren Nerven völlig am Ende. Sie weint, hat Angst, dass der ganze Umzug ins Wasser fällt. Über ein Telefonat kann erreicht werden, dass die Patentante sich während des Umzugs um die Kinder kümmert. Sozialpädagoge Burget versucht, nochmals mit dem Jobcenter zu sprechen und eine Antwort auf den Eilantrag zu erhalten. Kurz vor Ende des Gesprächs erwähnt Frau Jauch eher beiläufig, dass sie noch einige Geldschulden hat.
Neuenburg, 9.15 Uhr: In der Beratungsstelle Soziale Bürgerdienste Neuenburg/Caritassozialdienst geht ein Anruf von Sigrid Schmitt, einer pflegenden Angehörigen ein. Sie pflegt ihren 87-jährigen Vater, der an Demenz erkrankt ist. Sigrid Schmitt ist berufstätig und wohnt im selben Haus wie der Vater. Die Sorge, dass ihr die Doppelbelastung Beruf und Pflege über den Kopf wächst, lässt sie nachts nicht mehr schlafen. Die Fachwirtin für Sozialwesen und Gesundheitspädagogin Andrea Elsäßer bietet Sigrid Schmitt für den Nachmittag einen Hausbesuch an.
Breisach, 10.00 Uhr: Nicole Müller, alleinerziehende Mutter einer dreijährigen Tochter aus einer Kaiserstuhlgemeinde kommt in die Beratungsstelle. Sie weiß nicht, wie sie die kommenden 10 Tage des Monats finanziell überbrücken soll. Die junge Mutter erhält vom Jobcenter Alg II, das aber meist nicht den ganzen Monat ausreicht, da noch ein Kredit bezahlt werden muss. Und nun ist gestern auch noch ihre Brille zerbrochen. Dringend bräuchte darüber hinaus die Tochter ein Kinderbett. Die Sozialarbeiterin Birgit Trapp beruhigt Nicole Müller zunächst einmal, um dann die Haushaltssituation zu analysieren. Unterm Strich hat die Familie 200 Euro im Monat für Lebensmittel und Bekleidung zur Verfügung: eindeutig zu wenig. Sozialarbeiterin Trapp erläutert der Mutter, wo sie Kosten im Haushaltplan einsparen kann. Zur Linderung der aktuellen Not erhält Müller einen Gutschein für den Breisacher Tafelladen. Sie kennt die Tafel, weiß aber nicht, welche Mahlzeiten sie mit den dort angebotenen Lebensmitteln zubereiten soll. Ein gerade stattfindender Kochkurs des Caritasverbandes in Breisach soll hier Abhilfe schaffen. Der Umgang mit den Kosten für Brille und Kinderbett sowie mit den Kreditraten wird über Telefonate mit Stiftungen und Gläubigern zu klären sein.
Titisee-Neustadt, 11.00 Uhr: Beratungstermin mit Franziska Paul, die allein erziehend ist und nach einem Unfall Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht. Die Rente reicht nicht aus, um den mehrtägigen Schulausflug der Tochter zu bezahlen. Sie leide, wie sie sagt, sehr darunter, ihrer Tochter nicht einmal mehr Taschengeld geben zu können. Im längeren Gespräch mit der Sozialpädagogin Carmen Walker sieht Paul Perspektiven und Ausblicke aus der Krise. Ganz allmählich kann sie sich etwas beruhigen, ein Antrag auf Übernahme der Kosten für den Schullandaufenthalt auf den Weg gebracht.
Müllheim, 11.50 Uhr: Anna Jauch ruft beim Sozialpädagogen Burget an und berichtet aufgelöst, dass sie gerade bei der Bank Geld abheben wollte, jedoch das Konto aufgrund einer Kontopfändung gesperrt sei. Burget nimmt Kontakt mit dem Gläubiger, einem Versandhandel auf. Es gelingt ihm, die ursprüngliche Forderung von 430 Euro auf einen Vergleichsbetrag von 150 Euro herunterzuhandeln. Der Betrag wird als zinsloses Darlehen aus einem Nothilfetopf gezahlt und die Kontosperre soll am Nachmittag aufgehoben werden. Für die Erfassung und Regulierung der zahlreichen anderen Schulden wird Burget mit Anna Jauch gesonderte Termine vereinbaren müssen.
Titisee-Neustadt, 12.00 Uhr: Anruf von Nadine Decker. Sie möchte mit ihrem Partner zu einem Beratungsgespräch kommen. Das Ehepaar habe neben Beziehungsproblemen große finanzielle Schwierigkeiten, sagt die Anruferin. Außerdem sei sie in der 17. Woche schwanger. Sozialarbeiterin Bernadette Schlosser vereinbart mit der Schwangeren und ihrem Partner einen Termin für den folgenden Montag um 19 Uhr. Mutterpass, Einkommensnachweise und Ausweis sind für einen Antrag bei der Stiftung "Familie in Not" zum Gespräch mitzubringen.
Titisee-Neustadt, 14.00 Uhr: Rainer Warg, in Teilzeitarbeit, kommt in die Beratung, weil er immer zum Monatsende hin kein Geld mehr zum Leben zur Verfügung hat. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden 5 und 7 Jahre alten Töchtern von seinem Lohn, Kindergeld und ergänzendem Alg II. Beide Eltern bemühen sich, nur die preiswertesten Lebensmittel einzukaufen, aber das Geld reiche nie, sagt Warg.
Manchmal würden sie sich Geld von Freunden leihen, was auch immer wieder zu Problemen führe, weil sie es ja nicht zurückbezahlen könnten und wenn gar nichts mehr gehe, dann gebe es halt nur noch Brot oder Reis. Rainer Warg bekommt von der Sozialpädagogin Bernadette Schlosser eine "Tafelkundenkarte". Damit kann er zwei Mal wöchentlich in der Hochschwarzwälder Tafel Lebensmittel zu einem geringen Preis kaufen. Auch in diesem Fall muss über eine Haushaltsanalyse abgewogen werden, ob es in der Familie noch Einsparmöglichkeiten gibt, oder in wie weit das Einkommen, möglicherweise über einen Wohngeldantrag, gesteigert werden kann.
Kirchzarten, 15.00 Uhr: Sergej Tesch hat seine Mittagspause ein bisschen nach hinten verlegen können und kommt ins Alte Rathaus nach Zarten. Hier hat die Gemeinde Kirchzarten der Caritas ein Beratungsbüro zur Verfügung gestellt. Tesch ist vor Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Er fühlt sich mit seiner Familie im Dreisamtal sehr wohl. Aber die aktuelle Situation mit der Wohnung setzt ihm sehr zu. Er kennt seine Rechte nicht und fühlt sich wie gelähmt, wenn er die in Amtsdeutsch verfassten Miet- beziehungsweise Arbeitsverträge wieder einmal nur halb versteht. Die Firma hat – nach einer telefonischen Anfrage durch Sozialarbeiter Busse – tatsächlich Schwierigkeiten, den Lohn auszuzahlen. Von der Möglichkeit, über das Jobcenter ein Darlehen zur Sicherung der Wohnung zu beantragen, kann zunächst abgesehen werden, da der Vermieter im nächsten Telefonat Verständnis zeigt und die Kaution als Sicherheit bereit liegt. Aber was ist, wenn die Firma in die Insolvenz geht …?
Titisee-Neustadt, 15.30 Uhr: Hatice Schwab kommt auf Empfehlung ihres Hausarztes zur Vermittlung einer Mutter-Kind-Kur, da sie sowohl körperlich als auch psychisch erschöpft und überlastet ist. Nach der schwierigen Trennung vom Ehemann und dem Umzug mit den beiden Kindern fühlt sich die Frau überfordert und ausgebrannt. Hatice Schwab und die Kinder haben bereits Beratungsgespräche in der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche geführt. Eine stationäre Kur scheint zusätzlich dringend erforderlich. Sozialpädagogin Walker informiert über Möglichkeiten und Grenzen einer Mutter-Kind-Kur und stellt einen Antrag bei der zuständigen Krankenkasse.
Neuenburg, 16.00 Uhr: Andrea Elsäßer, die Gesundheitspädagogin der Caritas, trifft in der Wohnung von Sigrid Schmitt ein. Zusammen gehen die beiden ein Stockwerk höher in die Mietwohnung des Vaters. Dieser liegt im Bett. Caritas-Mitarbeiterin Elsäßer versucht, Vater und Tochter das Einmaleins der Pflegeleistungen verständlich zu vermitteln. Nach zwei Stunden sind einige Anträge auf den Weg gebracht und die Empfehlung, die Leistungen des Caritas-Pflegedienstes in Anspruch zu nehmen, als Gedankenanstoß weitergegeben worden.
Titisee-Neustadt, 19.00 Uhr: Sozialarbeiterin Bernadette Schlosser geht in die Online-Beratung des Deutschen Caritasverbandes für Schwangere. In der ersten Anfrage geht es um Informationen rund ums Elterngeld. Die zweite Chatterin befindet sich in einem Schwangerschaftskonflikt und möchte anonym ihre Sorgen und Ängste besprechen, um so einer guten Entscheidung näher zu kommen. Die dritte Anfrage kommt von einem Mann, der Auskunft über seine Rechte als nichtehelicher, sorgerechtsloser werdender Vater erhalten möchte.
Professionelle Sozialarbeit versuche immer, nicht nur eine kurzfristige Feuerwehrfunktion wahrzunehmen, sagen die Caritas-Leute. Vielmehr solle, indem die um Rat Fragenden aktiv in den Beratungsprozess mit ein bezogen werden, mittelfristig eine nachhaltige Lösung erreicht werden. So appellieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas immer auch an die Eigenverantwortung und Eigeninitiative der Hilfesuchenden, sehen sich gleichwohl aber auch als Anwälte dieser in vielfacher Hinsicht Benachteiligten und Schwachen.
Caritasbezirksstelle Freiburg-Land: 0761-8965-421
Caritasbezirksstelle Müllheim: 07631-748277-0
Caritasstelle Breisach: 07667-299 (nur Di-Vormittag)
Soziale Bürgerdienste Neuenburg 07631-705504
Caritasbezirksstelle Hochschwarzwald 07651-9118-0
Autor: bz


