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01. Juli 2010
Das macht stark und das macht Mut
Angehörige von psychisch Kranken leiden oft genau so wie die Betroffenen selbst – in der Gruppe finden sie Verständnis und Hilfe.
BAD KROZINGEN. Alle vierzehn Tage treffen sie sich, um sich auszutauschen. Sieben Frauen und manchmal auch ein Mann. Alle Schicksale sind an einer Stelle deckungsgleich: Ein Familienmitglied ist psychisch krank. Das treibt nicht selten in die Isolation. In der Gruppe indes wird man aufgefangen und fühlt: Ich bin nicht allein.
Treffen kann es jeden. Noch bevor die Krankheit einen Namen hat, ist sie ständig präsent. Das Umfeld reagiert mit Rückzug, Skepsis, Unverständnis oder oberflächlichen Bemerkungen. Ärzte haben wenig Zeit, um auf die Problematik einzugehen. Sie stellen die Diagnose und wissen: Kinder, Geschwister, Eltern und Partner von psychisch Kranken leiden oft nicht weniger als die Betroffenen selbst. Mehr als 65 Prozent der Angehörigen werden behandlungsbedürftig. Und doch sind sie in akuten Krankheitsphasen für den Patienten oft der einzige stabile Faktor, tragen doppelte Last. Zumeist trifft es die Mütter. Das spiegelt auch die Gruppe wider.Die Sozialpsychiatrischen Dienste von Caritas und Diakonie bieten in mehreren Beratungsstellen kostenfreie Unterstützung, Gespräche und Vermittlung sozialer Hilfen an. Daraus hat sich 1991 in Bad Krozingen zusätzlich ein begleiteter Kreis von Angehörigen etabliert. Der einzige im Landkreis. Aber nur acht bis zehn Personen nutzen ihn. Vielleicht ist er zu wenig bekannt. Möglicherweise hemmt die Schwellenangst. Die Leitung hatten jeweils über längere Zeiträume verschiedene Sozialpädagogen inne.
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Seit Oktober 2007 ist die Sozialarbeiterin und Supervisorin Ilona Köhler Ansprechpartnerin. "Die Gruppe kann die Angehörigen entlasten", sagt sie. Denn allzu oft belasten sie sich neben den Sorgen um den Kranken mit Scham, quälenden Selbstvorwürfen und Minderwertigkeitsgefühlen. "Hier erleben sie, dass sie weder versagt haben, noch schuldig geworden sind", betont Köhler. In der Gruppe darf man die eigenen Grenzen und Empfindlichkeiten benennen. Was gesprochen wird, unterliegt der Schweigepflicht. Das Auf und Ab der Krankheit wird transparenter. Die Angehörigen entwickeln einen Sinn für realistische Einschätzungen und die Fähigkeit, über all dem verzweifelten Weinen das Lachen nicht zu vergessen.
Karin* ist seit drei Jahren dabei. "Ich war am Ende", gesteht sie. Dabei galt ihr Sohn als unauffällig. Nach der Fachhochschulreife traten Angstzustände auf. Der Schritt ins Erwachsenwerden wollte nicht gelingen. Alles Neue wirkte bedrohlich. Nach dem Zivildienst verkroch er sich daheim. "Seither geht nur noch etwas, wenn er gezwungen wird", erzählt die Mutter. Er sträubte sich gegen jede Untersuchung. "Wir sind durch die Hölle gegangen", sagt sie. Irgendwann wurde er zwangseingewiesen in die psychiatrische Klinik. Inzwischen geht er in eine Ambulanztherapie, wird zunehmend gesprächiger und zugänglicher. Einige Zeit machte sie sich Vorwürfe. Inzwischen ist sie dankbar für die hoffnungsvolle Entwicklung. Die Gruppe braucht sie trotzdem. "Das ist noch lange nicht durchgestanden", ahnt sie.
Susanne* nickt. Viele Jahre war die mehrfache Mutter alleinerziehend. Als sie 1989 wieder heiratete, bekam ihr jüngster Sohn mit 22 Jahren manisch-depressive Zustände. Die Mutter wandte sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI) und gehörte zu den ersten Gruppen-Müttern. Sie empfand es als Erleichterung, sich anderen mitteilen zu können, denen solche Situationen nicht fremd sind. Heute gehe ihr Sohn mit seinem Krankheitsbild sehr ernsthaft um, berichtet die Mutter. Er ist sogar irgendwie anhänglich, sagt Susanne. Das war nicht immer so. Sie erinnert sich an die Zeit, als der große stattliche Mann sehr renitent auftrat und so manchen Polizeieinsatz heraufbeschwor, der ihn in die Psychiatrie brachte. "Wir haben furchtbare Angst ausgestanden und es manchmal nicht mehr ausgehalten", gesteht die Mutter.
Der jüngste Sohn von Luise* war schon immer etwas langsamer. Sonderschule, Berufsfindung und Berufsbildungswerk waren seine Lebensstationen. Er lernte Bau- und Metallmaler. Zehn Jahre ging das Arbeitsverhältnis gut, bis heftige Konzentrationsschwierigkeiten auftraten. Er bekam Medikamente und danach Angstzustände. Arbeitslos und ohne Tagesstruktur war die Situation für alle unbefriedigend. Ein paar Mal musste er kurzfristig in der Psychiatrie untergebracht werden. Doch seit drei Jahren arbeitet er in einer Caritas-Werkstatt. Die Gruppe ist der Mutter dennoch wichtig. "Jetzt bringt es manchmal nicht mehr viel", räumt sie ein. "Aber man hört die anderen und ist zufrieden."
So weit ist Stephanie* noch nicht. Seit anderthalb Jahren genießt sie das "Verstanden-werden" in dieser Runde. Das Mitfühlen: "Ich hab‘ an Dich gedacht." Das Nachfragen: "Wie geht es seit dem letzten Mal?" Sie ist die einzige in der Runde, deren Partner betroffen ist: Persönlichkeitsstörung. Stephanie und den beiden Kindern ging es zunehmend schlechter. Immer wieder schaltete sie Psychologen und Erziehungsberatungsstellen ein.
Die Familie lebte 20 Jahre in sozialer Isolation. Besuch war tabu, weil das Verhalten des Vaters als unangenehm und peinlich empfunden wurde. Jetzt gibt ihr die Gruppe Halt. Die Scheidung läuft. Mit den Kindern versucht sie die "neue Familie" zu leben. Ganz so einfach gestaltet sich das nicht. Doch die regelmäßigen Bestandsaufnahmen in der Gruppe beweisen ihr, dass sich etwas bewegt – zum Positiven. Das macht stark und Mut.
*Die Namen wurden geändert
Autor: Sabine Model
