"Der früheste Herbst"

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Fr, 28. September 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband zieht in Wolfenweiler eine erste Bilanz des Weinjahres 2018.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Rund 70 Prozent der Rebfläche in Baden sind genossenschaftlich. 74 Winzergenossenschaften gibt es derzeit im Badischen. Jüngst war der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes (BWGV), Roman Glaser, in der Winzergenossenschaft Wolfenweiler, um einen ersten Ausblick auf das laufende Weinjahr zu wagen sowie über den Weinmarkt und den Strukturwandel im Weinbau zu berichten. Markant im Jahre 2018 war nicht zuletzt die außergewöhnliche Witterung.

Alljährlich findet die Herbstpressekonferenz des BWGV in einer anderen Winzergenossenschaft statt. Heuer war die WG Wolfenweiler in Schallstadt Gastgeberin. Im "Wolfskabinett", der Probierstube inmitten des Weinkellers, standen Präsident Roman Glaser, Wein-Fachberaterin Ute Bader und Pressesprecher Thomas Hagenbucher für den Verband, sowie WG-Vorstandsvorsitzender Matthias Meier, der derzeitige Geschäftsführer der Genossenschaft mit dem Wolfsmaskottchen, Ernst Nickel, dessen designierter Nachfolger Florian Joos und WG-Kellermeister Felix Vogelbacher von Seiten des Gastgebers den Pressevertretern Rede und Antwort.

Der Wein

Tief saß der Schock vom letzten Jahr. Durch die Frostnächte im April hatte es erhebliche Ernteeinbußen gegeben. "Wir liegen in diesem Jahr zehn Prozent über der Normalernte", verkündete nun aber ein strahlender Roman Glaser. Hatten die badischen Genossenschaften 2017 gerade einmal 72,4 Millionen Liter Wein einlagern können, liegt die Erntemenge dieses Herbstes bei voraussichtlich rund 100 Millionen. Zu den "ordentlichen Mengen" kämen, fuhr Glaser fort, "außergewöhnliche Qualitäten", die nicht zuletzt dem langen Hitzesommer und der extremen Trockenheit geschuldet seien.

Wie "ein Turbo gewirkt" hätten die immer noch sommerlichen Bedingungen der letzten Wochen, die die Mostgewichte in ungeahnte Höhen getrieben hätten. "Die Trockenphase hat das Tempo etwas rausgenommen, sonst hätten wir noch früher lesen müssen", erläuterte Matthias Meier. Dennoch sei man drei Wochen früher dran, als gewöhnlich. "Der früheste Herbst, den wir je hatten – das ist schon verdächtig", sagte Meier. Bis zur ersten Oktoberwoche wird die Lese bei der WG Wolfenweiler abgeschlossen sein. Eine "überdurchschnittliche Qualität und Menge" bestätigte auch Ernst Nickel. Mit Blick auf das vergangene Jahr freute er sich, dass heuer die Vermarktungsobergrenze von 90 auf 100 Hektoliter je Hektar angehoben würde. "2017 sind wir an leeren Tankreihen vorbeigelaufen", erinnerte er sich. "100 Grad Oechsle Kellerdurchschnitt beim Spätburgunder – das habe ich in 30 Jahren nicht erlebt", sagt Nickel über die außergewöhnlich hohen Mostgewichte, die Alkoholgehalte von bis zu 14,5 Volumenprozent mit sich bringen könnten. "Die sehe ich noch nicht", sagte Ute Bader, die über eine Entalkoholisierung zumindest für diesen Jahrgang noch nicht nachdenken wollte. "Aber wir sehen schon den Klimawandel und reifere Ernten", machte sie deutlich. "Extreme Wetterlagen werden zunehmen", war sich auch der Verbandspräsident sicher. Er forderte deshalb von der Politik eine steuerfreie Rücklage zum Risikoausgleich für Landwirte.

Der Markt

"Es freut uns alle, dass sich die Arbeit der Winzer jetzt endlich auszahlt", sagte Roman Glaser. So war der Absatz der badischen Wintergenossenschaften im ersten Halbjahr 2018 um 9,1 Prozent auf 42,9 Millionen Liter Wein und Sekt angestiegen, der Umsatz hatte sich um 3,4 Prozent auf 127,1 Millionen Euro erhöht. "Die Vermarktung kann der einzelne Winzer kaum bewältigen", meinte Glaser mit Blick auf die zentrale Rolle der Genossenschaften. "Die jungen Kunden sind sehr preissensibel", sagte Ute Bader. Allerdings zeichne sich auch bei dieser Zielgruppe ein "sehr starker Trend zur Regionalität" ab. Dennoch gebe es einen großen "Verdrängungswettkampf aus dem Ausland", räumte sie ein. "Unsere Zukunft liegt darin, die Altersgruppe zwischen 30 und 45 zu erreichen. Die sind unwahrscheinlich offen, aber auch sehr mobil", gab Ernst Nickel als Parole aus. Auch würde man "gerne über die Region hinausgehen", aber "da sind auch andere", so der WG-Geschäftsführer. "Wir waren immer stark vor der Haustür", wusste er über einen Verkaufsanteil von 65 Prozent in Baden. "Wir werden angreifen und den Weinmarkt aufmischen", kündigte Nachfolger Florian Joos an.

Seit Jahren aufgemischt präsentiert sich die Weinanbaustruktur. Immer weniger Betriebe bearbeiten immer größere Flächen. Innerhalb von 18 Jahren hat sich die Zahl der Weinbaubetriebe in Baden-Württemberg von 25 480 auf 13 250 nahezu halbiert. Am stärksten betroffen seien die Nebenerwerbsbetriebe, bedauerte Roman Glaser. Konstant präsentiere sich indes die genossenschaftliche Rebfläche in Baden. Kontinuierliche Flächenzuwächse konnte Ernst Nickel für die WG Wolfenweiler vermelden, die derzeit über zirka 330 Hektar Ertragsrebfläche verfügt. "Gerade im Nebenerwerb fehlt es an Nachwuchs." Betriebsgrößen von 15 bis 20 Hektar seien "heute schon fast Standard". Der Gewinner des Jahres 2018 sei, war man sich einig, in jedem Falle der Kunde. Die Genossenschaften müssten versuchen, stabile Preise auch in Zeiten ausreichender Mengen zu halten.