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03. Februar 2012
Der Klimafußabdruck der Erdbeere
Agrarökonom David Mild untersucht die CO2-Bilanz des Erdbeeranbaus in Südbaden – und setzt auf die Verbraucher.
FREIBURG/HARTHEIM. Vor einigen Jahren wurden die südbadischen Obsterzeuger und ihre Genossenschaften von den Ergebnissen einer Studie der Universität Bonn aufgeschreckt: Äpfel aus Übersee verbrauchen auf dem Weg in deutsche Haushalte kaum mehr Energie als heimische Früchte. Der Agrarökonom David Mild aus der Ortenau hat sich nun die heimischen Erdbeeren vorgenommen – und ihren Kohlendioxid-Fußabdruck vorgelegt.
Seit knapp einem Jahr ist der 25-jährige Agrarökonom und Betriebswirt David Mild auf dem Hollihof der Familie Reinhard und Irmgard Dietsche in Hartheim beschäftigt. Die Dietsches kultivieren Erdbeeren auf einer Fläche von 15 Hektar und liefern den größten Teil ihrer Ernte an den genossenschaftlichen Erzeugergroßmarkt Südbaden (EGRO) in Vogtsburg.David Mild hat den Prozess von der Pflanzung über die Kulturführung und Ernte bis zur Ladentheke betrachtet. Dabei hat er ermittelt, wie viel Kohlendioxid (CO2), Lachgas und Methan entstehen – alles Gase, die zum globalen Temperaturanstieg beitragen. "Für die Produzenten ist wichtig zu wissen, was sie tun können, um den Ausstoß der Gase zu verringern, die den Klimawandel ausgelöst haben. Denn sie selbst leiden unter den Folgen ", erklärte Mild bei einer Informationsveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft südbadischer Obsterzeuger im Freiburger Regierungspräsidium. Zunehmend richteten Verbraucher ihre Kaufentscheidung auch danach aus, welchen CO2-Fußabdruck eine Ware hinterlassen hat.
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Mild hat bei seinen Untersuchungen zwei Anbaumethoden (die Pflege der Kulturen war jeweils gleich) und die beiden Vermarktungsformen Direktabsatz und Verkauf über den Groß- und Einzelhandel unterschieden. Weiter hat er verglichen, ob eine Kultur zwei Jahre hintereinander auf dem Feld steht oder nach einer Ernte abgeräumt wird. Die Quellen waren Datenbanken, eigene Messungen und Erfahrungswerte von Fachberatern.
Jedes Detail fließt in die komplexe Berechnung mit ein. Beispielsweise hat Mild berechnet, wie viel Diesel der Traktor bei der Vorbereitung des Pflanzbetts verbraucht hat, wie viel Energie für die Herstellung und Ausbringung von Pflanzenschutz- und Düngemittel und auch zur Produktion von Bewässerungsschläuchen und Folien verbraucht wurde.
Manche Erzeuger, auch Reinhard Dietsche, pflanzen Erdbeeren auf Dämme, die mit schwarzer Folie umhüllt sind, weil das Pflanzenschutzmittel spart, Unkrautwuchs bremst und die Früchte gesünder bleiben. Dietsche legt wie die meisten anderen Produzenten Folien über einen Teil seiner Felder, um im Frühjahr die Fruchtreife zu beschleunigen.
Ein wichtiger Faktor ist die Erntemenge. "Der Energieverbrauch im Produktionsprozess ist beim jeweiligen Anbauverfahren unveränderlich. Bei einem großen Ertrag verteilt er sich aber auf mehr Früchte", erklärt David Mild.
Die Mengen der anfallenden Gase hat er in Kohlendioxidäquivalente (Einheit CO2eq, siehe Info-Box) umgerechnet. Denn das Maß an Kohlendioxidäquivalent, das sich pro Kilogramm am Ende der Wertschöpfungskette Erdbeere aufsummiert hat, ist letztlich der Vergleichsmaßstab. Das zentrale Ergebnis: Die Spannweite ist groß – pro Kilogramm Frucht entstehen 0,49 bis 1,05 Kilogramm CO2eq . Zum Vergleich: Für ein Kilogramm heimische Äpfel gilt beispielsweise ein Durchschnittswert von 0,5; für einen Liter Wein 1,9 Kilogramm CO2eq.
Offenbar ist bei Erdbeeren das Minderungspotenzial schon auf Seiten der Produktion und Vermarktung recht groß. Zum Beispiel ist die Pflanzung auf Foliendamm weitaus emissionsintensiver als die im offenen Feld. Wenn es jedoch gelingt, das höhere Ertragspotenzial der Erdbeerpflanzen auszureizen, mindern sich die Emissionen merklich. Bei Dammkulturen sind Erträge von bis zu 24 Tonnen pro Hektar möglich, bei Kulturen im offenen Feld beträgt der durchschnittliche Ertrag in Südbaden zwölf Tonnen. Im Bereich der Kulturführung ist die Wasserversorgung eine wichtige Stellschraube. Zwar wird bei der Tropfbewässerung weniger elektrische Energie als bei einer Beregnungsanlage benötigt, wegen der kurzen Lebensdauer der Schläuche – sie sind aus Polyethylen – ergeben sich jedoch unter dem Strich höhere Emissionen.
zum Erdbeerkauf
Nicht verwunderlich ist, dass eine zweijährige Kultur deutlich emissionsarmer ist, als eine einjährige, weil die Bodenbearbeitung entfällt. Die Züchter sollten demnach Sorten anstreben, die auch im zweiten Jahr große Früchte liefern und deren Pflanzen widerstandsfähig gegen Wurzelkrankheiten sind. Solche Infektionen und Qualitätsmängel sind der Hauptgrund für den Umbruch nach der ersten Ernte.
Bis zu 50 Prozent der Emissionen entfallen auf die Vermarktung. Die Direktvermarktung schneidet nur dann günstig ab, wenn der Verbraucher ohne Auto auf den Hof kommt. Denn nach nur zwei Kilometern Autofahrt verwischen sich schon die Unterschiede, die sich auf Seite der Erzeugung und Vermarktung ergeben haben. Ob die Erdbeere auf dem Foliendamm gewachsen ist oder nicht, ob sie von einer ein- oder mehrjährigen Kultur stammt: Wenn die Verbraucher nicht mehrheitlich mit dem Rad, zu Fuß oder mit dem Bus einkaufen gehen, ist das letztlich egal.
KOHLENDIOXIDÄQUIVALENT
Diese Einheit (CO2eq) gibt an, wie viel eine festgelegte Menge eines Treibhausgases in einem Zeitraum von 100 Jahren zur Erderwärmung beiträgt. Beispielsweise beträgt das Kohlendioxidäquivalent für Methan 25, was bedeutet, dass ein Kilogramm Methan 25-mal stärker zum Treibhauseffekt beiträgt als ein Kilogramm Kohlendioxid. Die Emissionen, die durch die Ernährung eines Deutschen verursacht werden, betragen im Schnitt 1,65 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr.
Autor: sf
Autor: Silvia Faller


