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20. Januar 2012
"Die Landschaft ist unser Kapital"
BZ-INTERVIEW mit Helmut Unseld und Peter Jehle vom Landratsamt zur Gründung eines Landschaftspflegeverbands.
BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Oben Tannen, unten Reben – nicht viele Landkreise haben landschaftlich so viel zu bieten, wie der Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. Doch diese Vielfalt verpflichtet auch: Pflege und Offenhaltung der Kulturlandschaften sind aufwendig und teuer. Künftig wird diese Aufgabe von einem gemeinnützigen Landschaftspflegeverband übernommen. Seiner Gründung hat der Kreistag in der jüngsten Sitzung zugestimmt. Tanja Bury hat sich mit dem ersten Landesbeamten Helmut Unseld und dem Kreis-Ökologen Peter Jehle über den neuen Verband unterhalten.
BZ: Was ist Landschaftspflege überhaupt und was macht sie so aufwändig?Helmut Unseld: Es geht darum, sich um artenreiche, einzigartige Flächen dauerhaft zu kümmern und somit Pflanzen und Tieren wichtige Lebensräume zu bieten. Die Natur, die Landschaft – das ist unser Kapital. Landwirtschaft und Tourismus, beides wichtige Faktoren für unseren Landkreis, profitieren davon. Und deshalb nimmt die Landschaftspflege auch solch eine zentrale Rolle in der Arbeit des Landkreises ein.
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BZ: Und was wird für dieses Geld gemacht?
Jehle: Einiges. In der historischen Terrassenlandschaft des Kaiserstuhls beispielsweise geht es um den Erhalt der Böschungen. Das sind rund 600 Hektar. Dort gibt es Magerrasen, auf dem sich Schmetterlinge, Heuschrecken und viele andere Insekten wohl fühlen und der Lebensraum für etliche Vögel ist. Um die Kleinode zu erhalten und im besten Fall zu verbinden, dürfen die Böschungen nicht mit Gehölzen oder verwilderten Reben zuwachsen. Zum anderen sollen sich dort keine Neophyten ansiedlen und ausbreiten. Es muss an den Steillagen also aufwändig gerodet werden – auch mit Hilfe von Feuer.
Unseld: Die Böschungspflege ist wirklich eine Wissenschaft für sich: Nicht alle Bereiche sind gleich wertvoll, es darf nicht zu viel und nicht zum falschen Zeitpunkt gemäht werden. Das könnte nämlich genau das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich gewollt ist.
Jehle: Im Schwarzwald geht es vor allem um artenreiche Mähwiesen, die von je her landwirtschaftlich genutzt werden. Doch das Interesse der Landwirte daran lässt nach: Grund dafür sind der Mehraufwand und der Minderertrag. Doch die Flächen müssen laut Gesetz erhalten bleiben, es gibt sogar ein Verschlechterungsverbot.
Unseld: Viele von ihnen sind von der EU ausgewiesene Schutzgebiete. Werden die Vorgaben aus Brüssel nicht eingehalten, könnten empfindliche Strafzahlungen die Folge sein. Man sieht: Landschaftspflege ist ein weites Feld, das viel Fachwissen und Organisation erfordert.
BZ: Und in einem Landschaftspflegeverband soll das nun gebündelt werden?
Unseld: Mit unserer jetzigen personellen Ausstattung liegen wir hinter den umfangreichen Aufgaben zurück. Deshalb haben wir beim Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz vorgesprochen – Naturschutz ist nämlich eine staatliche Aufgabe. Es soll aber nicht zusätzliches Personal bei uns im Landratsamt geben, sondern aus Stuttgart wurde die Gründung eines eigenen Landschaftserhaltungsverbands angeregt. In diesem Verband sollen neben dem Landkreis auch die Kreisgemeinden, die Naturschutzverbände und der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) vertreten sein – also alle, die mit Landschaftsschutz befasst sind. In ganz Deutschland gibt es solche Landschaftserhaltungsverbände, in Baden-Württemberg sind es bislang sechs. In unserem Nachbarkreis Emmendingen beispielsweise gibt ihn schon seit 20 Jahren. Die Erfolgsbilanzen sind sehr gut, das oft nicht ganz leichte Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Naturschutz hat sich durch die Arbeit der Verbände entspannt.
Jehle: Der Verband soll die Landwirte in Sachen Landschaftspflege beraten – individuell auf deren Flächen bezogen: Was ist zu tun, was ist zu lassen, wie bleibt der Wert der Fläche erhalten, wie wird gefördert, wie groß ist der Pflegeaufwand, passt eine solche Pflege ins Betriebskonzept des Hofs und vieles mehr.
BZ: Wie ist der Verband organisiert? Wo hat er seinen Sitz?
Unseld: Der Vorstand wird sich paritätisch aus Vertretern von Naturschutz, Landwirtschaft und Behörde (Kreis und Gemeinden) zusammensetzen. Es wird einen hauptamtlichen Geschäftsführer geben, der noch nicht bestimmt ist. Wo der Verband seinen Sitz haben wird, ist auch noch nicht geklärt: Im Landratsamt in Freiburg haben wir ein Platzproblem, doch soll der Verband dicht am amtlichen Naturschutz und der Landwirtschaft sein.
BZ: Und wie wird das Ganze finanziert?
Unseld: Das Land stellt Mittel für eineinhalb Stellen zur Verfügung. Der Verband aber wird mit zwei hauptamtlichen Stellen ausgestattet. Die Kosten für die halbe Stelle und die Geschäftskosten wird der Verband selbst tragen, wobei der Landkreis hier den Löwenanteil bringen wird. Wir rechnen mit 50 000 Euro. Auch die Gemeinden und die Landwirtschaft- und Naturschutzorganisationen werden einen Mitgliedsbeitrag zahlen. Allerdings wird der sich sehr in Grenzen halten – die Verbände sollen sich vor allem mit ihrem Know-how einbringen.
BZ: Und wann geht’s mit der Arbeit los?
Unseld: Von den Naturschutzbänden haben wir positive Rückkopplungen, der BLHV ist mit dabei, der Kreistag hat sein Okay gegeben – was jetzt noch fehlt, sind die Zustimmungen aus den Kreisgemeinden. Die werden wohl in den nächsten Monaten kommen. Wir wollen im Sommer arbeitsfähig sein.
BZ: Was ist, wenn Gemeinden eine Mitgliedschaft ablehnen?
Unseld: Das wird, denke ich, nicht passieren. Die Landschaft zu erhalten ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wie gesagt: Natur und Landschaft sind unser Kapital.
ZUR PERSON: HELMUT UNSELD (64)
ist seit 1995 Erster Landesbeamter am Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, Dezernent für Wirtschaft und Ländlicher Rum (Forst, Struktur- und Wirtschaftsförderung, Flurneuordnung und Landentwicklung, Vermessung und Geoinformation, Landwirtschaft) Betriebsleiter des Eigenbetriebs Abfallwirtschaft.
ist seit 2001 Kreisökologe bei der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt und stellvertretender Fachbereichsleiter.
Autor: tab
Die Landschaft im Kreis
Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald hat auf seiner Gesamtfläche von knapp 138 000 Hektar Anteil an den Naturräumen Hochschwarzwald, Freiburger Bucht, Südöstlicher Schwarzwald, Markgräfler Rheinebene, Markgräfler Hügelland, Baar und Alb-Wutach-Gebiet und Kaiserstuhl. Zudem ist der Kreis reich an Wäldern und hat eine große Vielfalt an landwirtschaftlichen Kulturen von Sonderkulturen bis Grünlandwirtschaft zu bieten. 46 Prozent der Kreisfläche werden landwirtschaftlich genutzt.
Flora-Fauna-Habitat-Flächen: 14,2 Prozent (Landesdurchschnitt 11 Prozent)
Vogelschutzflächen: 18,91 Prozent (Landesdurchschnitt 10,90 Prozent)
Naturschutzgebiete: 4,02 Prozent (Landesdurchschnitt 2,4 Prozent)
Landschaftsschutzgebiete: 47,42 Prozent (Landesdurchschnitt 22,6 Prozent)
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