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11. Februar 2012 16:28 Uhr

Erst Weihrauch, dann Tanz

  1. Dem Pfarrer der Freiburger Gemeinde (links) lässt Bischof Konstantin ein Purpurband übergeben, als Würdigung seiner Arbeit. . Foto: Manfred Frietsch

  2. Dem Pfarrer der Freiburger Gemeinde (links) lässt Bischof Konstantin ein Purpurband übergeben, als Würdigung seiner Arbeit. . Foto: Manfred Frietsch

  3. Am Ende des Gottesdienstes wird das heilige Brot gegessen Foto: Manfred Frietsch

  4. Bischof Konstantin im Gespräch mit Pfarrer Jovan Gataric und seiner Frau Vera sowie Dekan Bratislav Bozovic. Foto: Manfred Frietsch

  5. In der Halle der Vigeliusschule feierte die serbisch-orthodoxe Gemeinde mit Tanz, Musik und Essen. Foto: Manfred Frietsch

  6. In der Halle der Vigeliusschule feierte die serbisch-orthodoxe Gemeinde mit Tanz, Musik und Essen. Foto: Manfred Frietsch

Weihrauchduft in einer evangelischen Kirche? In der Thomaskirche in Herdern gibt es das an jedem Wochenende, wenn dort serbisch-orthodoxe Gottesdienste abgehalten werden. Besonders oft wurde das Rauchfass geschwungen, als jetzt die orthodoxe Pfarrgemeinde das Fest ihres Gemeindepatrons, des heiligen Sava, feierte. Dazu war auch das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche für Deutschland und Mitteleuropa, Bischof Konstantin Djokic gekommen. Entsprechend feierlich fiel die Liturgie aus, der über hundert Gläubige beiwohnten.

Samtene, dunkelrote Altardecken, ein ebenso überzogenes Lesepult, dazu zwei Fahnen mit Porträts des Heiligen: Es braucht nicht viel, um den eher nüchternen evangelischen Kirchenraum für eine orthodoxe Liturgie herzurichten. Unverzichtbar und darum zentral positioniert sind zwei große Ikonen: rechts ein Christusbild, links die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Arm. Zwischen ihnen und dem Altar spielt sich die Liturgie ab, der die Gottesdienstbesucher stehend folgen.

Für Pfarrer Jovan Gataric ist es ein besonderer Tag. Der junge Familienvater ist seit 2007 Geistlicher der Freiburger Gemeinde. Er feiert das Patrozinium nicht nur mit seinem Oberhirten, sondern auch mit vier weiteren, nach Freiburg gekommenen Priestern. Bei aller Festlichkeit ist die Stimmung im Kirchenraum nicht steif: Kleine Kinder tapsen in den Altarraum, um das leuchtende Ornat des Bischofs anzuschauen. Später eintreffende Besucher werden mit Zurufen ermuntert, weiter nach vorne zu kommen. Einer der Priester zückt einige Male die Kamera – so eine feierliche Messe gibt es schließlich nicht jede Woche. Am Ende, wenn zur Kommunion das heilige Brot verteilt wird, drängen sich die Besucher im Pulk nach vorne. Die Feier mündet in einen Plausch, zu dem sich auch Bischof und Priester noch während dem Ablegen ihrer Messgewänder gesellen.

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Bischof Konstantin, geistliches Oberhaupt der rund eine viertel Million serbisch-orthodoxer Christen in Deutschland, ist ein Mönchspriester, erkennbar an seinem Vollbart und der Kopfbedeckung. Die Priester sind weltliche Geistliche, allesamt noch jung, in den 30ern.

"Das ist aber Zufall, nicht der ganze Klerus unserer Kirche ist so jung" erklärt Bratislav Bozovic. Er ist ein schwäbischer Serbe, aufgewachsen in Stuttgart als Kind von Eltern aus der Gastarbeitergeneration. Als Dekan für Süddeutschland ist er auch Sprecher aller acht serbisch-orthodoxer Gemeinden in Baden-Württemberg. Auf rund 50 000 wird die Zahl der hier lebenden, getauften Kirchenangehörigen geschätzt. Etwa 20 Prozent davon nehmen am Gemeindeleben teil. In Freiburg wurde erst 2003 eine eigene Gemeinde gegründet, die seit 2007 die Thomaskirche für ihre Gottesdienste nutzt. Die anderen serbischen Gemeinden haben eigene Kirchen, meist frühere evangelische Gotteshäuser. Da es keine Kirchensteuer gibt, sind das Gemeindeleben und auch das Einkommen des Pfarrers von den Zahlungen der Gläubigen abhängig. Rund 300 Familien sind es, die im Einzugsbereich der Freiburger Gemeinde zwischen der Schweizer Grenze und der nördlichen Ortenau regelmäßige Beiträge oder gelegentliche Spenden beisteuern.

Spenden werden auch am Mittag in der Halle der Vigeliusschule gesammelt. Denn dort ist Feiern angesagt, schließlich ist ja Patrozinium. Zum gemeinsamen Mittagessen kommen auch die Priester und der Bischof. Es dauert nicht lange, und die ersten Tanzreigen ziehen durch die Halle. Selbst einige Jugendliche stecken ihr Handy weg und reihen sich ein. Außer Serbisch wird auch Deutsch unter den Besuchern gesprochen. Denn viele leben schon seit Jahrzehnten hier, ihre mit zum Fest gekommenen Kinder und Enkel sind hier aufgewachsen. Einen serbischen – oder gar jugoslawischen – Verein gibt es seit langem nicht mehr in der Region. Um so wichtiger wird da die Pfarrgemeinde, um noch den Kontakt untereinander zu pflegen. Der Pfarrgemeinderat – eine Gruppe freiwilliger Helfer – bietet darum nach den sonntäglichen Messen auch einen Treff im Gemeindesaal der Thomaskirche an. Dort finden auch diejenigen Serben Anschluss, die erst nach den Bürgerkriegen der 90er Jahre gekommen sind, viele davon aus Bosnien.

Als Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen wie im Bund der orthodoxen Gemeinden lege seine Kirche großen Wert auf Austausch mit den anderen Konfessionen, betont Dekan Bozovic. Für ihn, der nach seinem deutschen Schulabschluss zur Priesterausbildung in Serbien war, Theologie aber wiederum in München studierte, ist es keine Frage, dass Integration in Deutschland und serbisch-orthodoxe Identität zusammenpassen.

Ein großes Ziel sei es, den Religionsunterricht in das deutsche Schulwesen einzubauen. Er soll für alle orthodoxen Nationalkirchen – also außer für Serben auch für Griechen, Rumänen, Russen, Ukrainer – gemeinsam angeboten werden, "selbstverständlich in deutscher Sprache", betont der Dekan. Die Kirche wolle auch die dritte Generation der hier lebenden Serben erreichen. In Freiburg gibt es Religionsunterricht bisher nur einmal im Monat, ergänzend zum serbischen Sprachunterricht freitagmittags an der Pestalozzischule in Haslach. Die Schüler bis zur 8. Klasse unterrichtet der Freiburger Pfarrer Jovan Gataric selbst.

Gataric stammt aus Bosnien. Der heute 34-Jährige hat sich, auch wegen seiner aus dem Elsass stammenden Frau Vera, bewusst für den Dienst in der deutschen Diaspora beworben. Außer den Sonntagsmessen in der Thomaskirche und an monatlich zwei Abenden in Offenburg prägt die Betreuung der Familien seine Arbeit. "Mein Mann macht viele Hausbesuche, gerade vor Ostern, wenn Familien ihre Wohnung mit Weihrauch segnen und Weihwasser weihen lassen" erzählt Vera Gataric. Besonders wichtig sind die "Slava"-Feiern zu Ehren der Familienpatrone, die in der männlichen Linie über Generationen vererbt werden. Jovan Gataric trägt bei diesen Festen seine Soutane – die aber ist nun nicht mehr nur schwarz: Bischof Konstantin übergab ihm einen purpurnen Gürtel – Zeichen dafür, dass der junge Priester seine Arbeit gut macht.

Autor: Manfred Frietsch