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14. Mai 2011

Interview

Imker: „Von einer Katastrophe in die andere“

BZ-INTERVIEW mit Michael Nutsch, dem Kreisvorsitzenden der Imker, über sein sehr sinnvolles, aber mitunter frustrierendes Hobby.

  1. Michael Nutsch mit Brutquartieren für Wildbienen Foto: Silvia Faller

MÜLLHEIM. Michael Nutsch (61) aus Müllheim ist der neue Vorsitzende der Kreisimkerverbände Freiburg und Breisgau-Hochschwarzwald und vertritt die Imker aus der Region auch im Landesverband Badischer Imker. Er löst den Freiburger Albert Mayer ab, der diese Ämter 24 Jahre lang innehatte. Nutsch will das Bewusstsein für die Bedeutung der Bienen für das Ökosystem und für die Landwirtschaft stärken, wie er im Interview mit BZ-Mitarbeiterin Silvia Faller betont. Nutsch, Leiter des Forstreviers Müllheim, ist auch Vorsitzender des Imkervereins Müllheim mit 95 Mitgliedern.

BZ: Herr Nutsch, seit Jahren jagt eine Schreckensmeldung die andere. Einmal sind es Parasiten, dann Krankheitserreger und zuletzt war es der Wirkstoff Clothianidin gegen den Maiswurzelbohrer, wodurch Bienenvölker umgekommen sind. Es scheint, die Bienenhaltung ist heute eine echte Herausforderung.

Nutsch: Dieser Eindruck ist richtig. Wir fallen von einer Katastrophe in die andere. Für einen Imker ist es furchtbar zu erleben, wie ganze Völker zusammenbrechen. Für die meisten ist es ja ein Hobby und der Honigverkauf deckt allenfalls die Kosten. Wenn man aber nicht einmal mehr Honig gewinnen kann, ist es schlimm.

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BZ: Waren Ihre Völker auch betroffen von der Clothianidin-Vergiftung?

Nutsch: Ja, im Sommer 2008 waren meine Bienenvölker so geschwächt, dass sie kaum noch produziert haben und auch im Jahr darauf war der Ertrag gering, weil sich die Völker erst wieder aufbauen mussten. 2010 war dann wieder normal mit einem mittleren Honigertrag von rund 30 Kilogramm je Volk.

BZ: Dann sind Sie ja sicher sehr erleichtert, dass die Landesregierung es aufgegeben hat, weiter mit chemischen Mitteln gegen den Maiswurzelbohrer vorzugehen und den Fruchtwechsel angeordnet hat?

Nutsch: Ja, das bin ich. Aber es geht mir nicht nur um die Bienen an sich und den Verlust des Honigertrags. Durch die Schäden an den Wirtschaftsvölkern ist die Giftigkeit des Wirkstoffs ja erst öffentlich geworden. Viele weitere Insektenarten waren betroffen. So gingen die Populationen von Schmetterlingen und Wildbienen schlagartig zurück. Die Folgen für die Ökosysteme wären unabsehbar gewesen, aber auch für die Landwirtschaft, denn die meisten Kulturpflanzen sind auf die Insektenbestäubung angewiesen. Vier Fünftel des Wirtschaftswertes der Bienenhaltung entfällt auf diese Wirkung. Bei Rapskulturen und auch bei Beeren- und Steinobst wären die Erträge ohne die Bestäubung weitaus geringer. Ich hoffe sehr, dass das Geschehen im Frühjahr 2008 das Bewusstsein wachsen lässt, dass ein kurzfristiger und einseitiger Vorteil für die landwirtschaftliche Produktion unter Umständen mit schweren Nachteilen erkauft wird. Und dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass es flächendeckend Imker gibt, die zum Nulltarif für die Bestäubung sorgen, jedoch hinnehmen sollen, dass ihre Völker derart beschädigt werden. Dieses Bewusstsein zu stärken, sehe ich als wichtige Aufgabe an für mich als Kreisvorsitzender.

BZ: Und wie wollen Sie das erreichen?

Nutsch: Indem ich mich gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik artikuliere, aber auch gegenüber den Landwirten, ihren Verbänden und der Landwirtschaftsverwaltung. Im Alten Land etwa, dem größten Obstanbaugebiet Niedersachsens, sind Kooperationen zwischen Imkern und Obsterzeugern angelaufen. Und auch wir haben eine solche Partnerschaft im Müllheimer Ortsteil Feldberg auf den Weg gebracht, wonach Imker Obsterzeugern Bienenvölker stellen. Wenn man sich kennt, voneinander weiß und gemeinsame Ziele verfolgt, handelt man eher so, dass es auch dem anderen nützt. In diesem Zusammenhang begrüße ich es auch sehr, dass der Bundesrat Mitte März die Aufhebung der Null-Toleranz für gentechnisch veränderte Organismen im Saatgut abgelehnt hat.

BZ: Was hat das mit Bienen zu tun?

Nutsch: Es ist so, dass Bienenhonig nach dem Lebensmittelrecht keine Pollen von gentechnisch veränderten Pflanzen enthalten darf. Selbst wenn nur minimale Anteile festgestellt werden, kauft der Staat den Honig auf und vernichtet ihn. Sollten über verunreinigtes Saatgut auch nur einige wenige Pflanzen in die Natur kommen, wären eine Verbreitung und damit auch eine Vermischung im Honig unvermeidbar. Wer wollte dann noch Bienen halten, wenn damit zu rechnen ist, dass sein Honig wie Sondermüll entsorgt wird? Das wäre das Ende der Imkerei.

BZ: Wie viele Völker haben Sie denn selbst?

Nutsch: Ich halte 20 bis 25 Bienenvölker. Sie überwintern hier an meinem Wohnort in Vögisheim, wo ich sie im Frühjahr dann auch ausfliegen lasse an die ersten Frühblüher. Dann setze ich sie an den Rhein um, wo die Bienen zunächst die Trachten der frühblühenden Akazien anfliegen. Später geht es in die Vorbergzone und letztlich in den Bergwald, um den Weißtannenhonig zu gewinnen.

BZ: Und was gefällt Ihnen an der Bienenhaltung?

Nutsch: Es ist ein sehr sinnvolles und schönes Hobby, das mir einen Ausgleich zum Beruf schenkt. Auch fasziniert es mich, wie sich ein Bienenvolk organisiert. Unbeeinflusst vom Menschen gehen die Bienen ihrem Ziel nach, das Volk zu vermehren. In der Hochzeit im Mai und Juni sind es bis zu 70 000 Individuen, die ein Volk bilden.

Autor: sf