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21. Oktober 2011

Kürzung an falscher Stelle

Langzeitarbeitslose arbeiten als Ein-Euro-Jobber in Secondo-Kaufhäusern / Besuch von Andreae.

  1. Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae (Mitte) wird vom Vorsitzenden von Inova, Joachim Walz, und Silvia Mayer durch das Einrichtungshaus in Umkirch geleitet. Foto: Michael Saurer

UMKIRCH. Einige soziale Einrichtungen könnten bald schlechtergestellt sein. Durch eine kürzlich verabschiedete Gesetzesreform werden die Mittel zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen stark beschnitten. Ein solches Projekt, das in Zukunft den Gürtel wohl enger schnallen muss, sind die Secondo Kaufhäuser, die Gebrauchtwaren und –möbel annehmen und günstig weiterverkaufen. Die Freiburger Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae erkundigte sich in Umkirch über die Auswirkungen der Kürzungen.

"Frau von der Leyen kürzt hier an genau der falschen Stelle", betont die Bundestagsabgeordnete der Grünen. Als Vertreterin der Opposition ist es natürlich ihre Aufgabe, gegen das neue Gesetz zu sein, das ihrer Meinung nach die sozialen Gräben vertiefe und vielen Langzeitarbeitslosen den Rest an Perspektive und Hoffnung auf eine bessere Zukunft nehme. Es sei ihr aber auch ein persönliches Anliegen, sich für das soziale Projekt einzusetzen, betont sie ausdrücklich.

Drei Secondo-Kaufhäuser gibt es im Land. Neben dem in Umkirch noch jeweils eines in Titisee-Neustadt und Donaueschingen. Ihnen allen ist gemein, dass sie gebrauchte Möbel, Haushaltsgegenstände, Bücher, Spielwaren und Kleidung aus Haushaltsentrümpelungen annehmen, sie – falls notwendig – etwas aufbereiten und dann günstig verkaufen. Davon profitieren nicht nur die vielen Kunden mit einem schmalen Geldbeutel, sondern auch die 23 Langzeitarbeitslosen, die in den Kaufhäusern als so genannte Ein-Euro-Jobber aktiv mitarbeiten und so eine neue Perspektive erlangen sollen.

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Seit 15 Jahren gibt es bereits den gemeinnützigen Verein Inova, der hinter den Geschäften steht. Doch nun steht er womöglich vor schwierigen Zeiten. Vor wenigen Wochen erst wurde von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen das neue Gesetz zur Instrumentenreform, das unter anderem eine Deckelung von Maßnahmen zur Förderung von Langzeitarbeitslosen wie den Ein-Euro-Jobs vorsieht, im Bundestag verabschiedet. Vorangegangen war eine Rüge des Bundesrechnungshofes, der die mangelhafte Vermittlungsquote der Ein-Euro-Jobber in den primären Arbeitsmarkt moniert. Dahinter steckt aber auch die Sorge, dass die Ein-Euro-Jobs reguläre Arbeitsverhältnisse verdrängen könnten.

"Beide Vorwürfe sind aber völlig unberechtigt", meint Peter Braun, der Geschäftführer von Inova. Vielmehr stecke hinter dem Gesetz die grundlegend falsche Prämisse, dass das Ziel von Ein-Euro-Jobs die Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt sei. Eine Annahme, die an der Realität vorbeigehe, betont Braun ausdrücklich. Vielmehr sei ein Großteil der Menschen in Arbeitsgelegenheiten, wie die Ein-Euro-Jobs im Fachjargon heißen, durch psychische Erkrankungen oder Suchtproblematiken eigentlich nicht mehr wirklich in den regulären Arbeitsmarkt integrierbar. "Wir müssen uns endlich von dieser Illusion verabschieden", betont Braun ausdrücklich. Nur bei gut zwanzig Prozent sieht er reelle Chance für die Aufnahme in den primären Arbeitsmarkt. Bei der Mehrzahl der Beschäftigten sei das Ziel von Secondo aber nicht die Vermittlung, sondern wenigstens ein Mindestmaß an sozialen Kontakten und gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen.

Das Arbeitsministerium sieht dies offenbar anders und führt noch ein anderes Argument an: Durch die staatliche Unterstützung der Ein-Euro-Jobs hätten Geschäfte wie die Secondo-Kaufhäuser einen staatlich subventionierten Wettbewerbsvorteil. Kerstin Andreae möchte dieses Argument nicht gelten lassen. "Die Politik muss endlich anerkennen, dass wir diese Menschen haben und wir uns auch mit ihnen beschäftigen müssen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu einem öffentlich geförderten Arbeitsmarkt."

Auch Joachim Walz, der Erste Vorsitzende von Inova stimmt dem zu. Die Secondo-Kaufhäuser seien schließlich keine gewinnorientierten Unternehmen, sondern verfolgen primär soziale Zielsetzungen, sowohl gegenüber den oft finanziell schwierig gestellten Kunden als auch gegenüber den Beschäftigten.

Ob diese Geschäftsphilosophie angesichts der angekündigten Reformen weiter aufrechtzuerhalten ist, werden die kommenden Monate zeigen. Kerstin Andreae versprach aber, sich weiter für Secondo einzusetzen und empfahl auch, sich an die Stuttgarter Landesregierung zu wenden. "Dass viele Menschen hier wieder eine Perspektive finden, hat ja auch etwas mit Menschenwürde zu tun."

Autor: Michael Saurer