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06. Oktober 2009

Mit Behinderungen selbstbewusst umgehen

"Alle(s) inklusive!": Veranstaltungsreihe der Lebenshilfe zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen / Kommenden Samstag Straßenaktion

  1. Das Lebenshilfe-Team (von links): Alexandra Schampers, Beate Himmelspach, Thomas Schrecker und Norbert Held Foto:  Mildenberger

FREIBURG / LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Unter der Überschrift "Alle(s) inklusive!" läuft derzeit bei der Lebenshilfe Freiburg eine Veranstaltungsreihe über die Integration von Menschen mit Behinderung. Sei es im Kindergarten oder in der Schule, sei es am Arbeitsplatz oder in Fragen des Wohnens – mit diesen Veranstaltungen soll den Bürgern bewusst gemacht werden, dass sie Menschen mit Behinderungen nicht nur zu tolerieren, sondern als normalen Bestandteil der Gesellschaft akzeptieren sollen. Inklusion heißt der dafür gebrauchte Begriff.

Geplant wurde die Veranstaltungsreihe von verschiedenen sozialen Organisationen zusammen mit Kindergärten und Schulen. Der Anstoß zu dem Großprojekt kam dabei aus zwei Richtungen. Zum einen ist seit März dieses Jahres die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten, welche die weit über 100 Unterzeichnerstaaten dazu verpflichtet, Maßnahmen zu treffen, Menschen mit Behinderungen einen angemessenen Lebensstandard und sozialen Schutz zu gewähren. Thomas Schrecker, der 1. Vorsitzende der Lebenshilfe Freiburg, scherzhaft: "Wir wollen ja nicht, dass die UN-Blauhelme nach Deutschland kommen müssen, weil wir das Gesetz nach zwei Jahren immer noch nicht umgesetzt haben." Die verschiedenen Aktionen sollen dafür sorgen "dass die Politiker schon jetzt ins Schwitzen kommen", so Schrecker weiter, und schnell reagieren.

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Zum anderen wird mit der Aktion reagiert auf die im Mai von Kultusminister Helmut Rau angekündigte Aufhebung der Sonderschulpflicht. Ins Rollen gebracht wurde das Thema durch ein Urteil des Freiburger Verwaltungsgerichts. Dies gab der Emmendinger Waldorfschule recht, die im vergangenen Schuljahr vier Kinder mit Behinderung eingeschult hatte. Lebenshilfe Chef Schrecker begrüßt dieses Urteil: "Es muss vollkommen normal sein, dass die nicht irgendwie weggesperrt sind." Laut diesjährigem Behindertenbericht der Bundesregierung gehen in Deutschland nur 15,7 Prozent der behinderten Schüler auf eine Regelschule, alle anderen gehen in die entsprechende Förderschule. "Die Deutschen sind Weltmeister im Sortieren: Wer nicht sehen kann, kommt auf eine Blindenschule, wer nicht hören kann, kommt auf eine Gehörlosenschule, wer nicht lernen kann, geht in eine Lernbehindertenschule und so weiter," kommentiert Schrecker. In der UN-Konvention ein Inklusionsgrad von 80 bis 90 Prozent festgeschrieben, so viele behinderte Schüler sollen also in eine Regelschule gehen.

Unter der Fragestellung "Eine Schule für alle in Freiburg und Umgebung?" haben die Organisatoren daher Ines Boban eingeladen. Sie ist Expertin für "inklusive Schulentwicklung", lehrt an der Universität Halle und wird am 19. November in der Staudinger Gesamtschule über die Realisierbarkeit der Idee referieren.

Um die Arbeitsmöglichkeiten Behinderter geht es bei einer Podiumsdiskussion in der Gewerbeakademie in Landwasser am 21. Oktober: Vertreter der IHK und der Freiburger Handwerkskammer werden mit Landrätin Dorothea Stör-Ritter und Freiburgs Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach über das Recht auf Arbeit sprechen. Reha-Vereine und Behindertenwerkstätten sollen nicht die einzige Beschäftigungsmöglichkeit für Menschen mit Behinderung bleiben.

Problematisieren möchte man auch die Frage des Wohnens mit einer Straßenaktion am kommenden Samstag, 10. Oktober, von 12 bis 20 Uhr auf dem Freiburger Kartoffelmarkt. Mit einigem Erfolg bietet die Lebenshilfe seit 2007 die Möglichkeit des unterstützten Wohnens an. Die Kunden der Lebenshilfe können sich dabei aussuchen, ob sie alleine, gemeinsam mit anderen behinderten Menschen oder in einer von aktuell fünf integrativen Wohngemeinschaften leben wollen. Die Nachfrage sei von beiden Seiten sehr groß und die Tendenz steigend. "Wohnen für Hilfe" heißt das Projekt, in dem hauptsächlich Studenten ihren Mitbewohnern im Alltag helfen. Zusätzlicher Anreiz ist eine Mietreduktion. Lediglich das Finden geeigneter Räumlichkeiten stelle wegen des Vorbehalts vieler Vermieter ein Problem dar.

"Es hat sich eindeutig ein Paradigmenwechsel vollzogen", sagt Alexandra Schampers von der Lebenshilfe, "die jüngeren Menschen gehen mittlerweile sehr offensiv und selbstbewusst mit ihrer Behinderung um. Mittlerweile sind wir sehr weit davon weggekommen, dass die Eltern sich für die Behinderung ihrer Kinder schämen. Wir müssen den Behinderten mehr Mut machen, raus in die Gesellschaft zu gehen, das ist auch der Sinn der Veranstaltungsreihe."

Die Lebenshilfe ist zuständig für Freiburg und den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Der gemeinützige Verein finanziert sich aus Spenden, Kostenerstattungen der Pflegekasse und Beiträgen. Rund 800 Ehrenamtliche und Mitglieder betreuen die etwa 650 Kunden.

Weitere Informationen und Termine: 0761-479998-0; www.lebenshilfe-freiburg.de

Autor: David Mildenberger