Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
20. Juni 2009
Neue Formen des Zusammenlebens
Der Förderverein für gemeinschaftliches Wohnen "Arche" plant in Gottenheim den Bau eines Mehrgenerationenhauses
GOTTENHEIM. Vera Kresin hat einen Traum: Sie will eigene Hühner halten. Das ist für Gottenheims Bürgermeister Volker Kieber die kleinste Hürde. Wie viel größer ist das Projekt, das Vera Kresin mit einem knappen Dutzend Mitstreiter im Gottenheimer Neubaugebiet Steinacker-Berg plant: das Mehrgenerationenhaus "Arche"-Haus Land. Die Gruppe sucht noch Mitbewohner und Sponsoren.
"Die Arche" – so nennt sich ein Förderverein für gemeinschaftliches Wohnen mit Sitz in Freiburg – hat schon zwei Häuser: Die Arche im Sonnenhof im Freiburger Stadtteil Vauban und den Arche-Ponyhof in Bad Krozingen. In beiden ist "ein gemeinschaftliches, selbstbestimmtes Wohnen mit Tieren und gegenseitige liebevolle Unterstützung" das Ziel. Diese Grundsätze gelten auch in Gottenheim, trotzdem wird hier vieles anders. Zum Beispiel dass die künftigen Mieter das Projekt selbst finanzieren, indem sie sich als Gesellschafter in der Arche-Land GmbH zusammenschließen.Wie das funktioniert, erläuterten Kresin und ihre Mitstreiter in einem Pressegespräch im Gottenheimer Rathaus: Jeder Mieter bringt 1400 Euro als Stammeinlage in die GmbH ein. Weitere 20 000 Euro gibt er der GmbH als Direktkredit, der mit bis zu drei Prozent verzinst wird. Jeder Mieter ist somit zugleich Hauseigentümer.
Werbung
Eine Kündigung wegen Eigenbedarfs oder abrupte Mieterhöhungen seien da ausgeschlossen, betont Kresin. Die monatliche Miete dient zur Tilgung der Kredite. Das sei auch für junge Leute interessant, betonte ein anderer und führte aus: "Man leistet einen vergleichsweise kleinen Sockelbetrag und investiert dann in seine eigene GmbH".
Dieses Modell hat bislang elf Ehepaare oder Alleinstehende, vor allem älteren Jahrgangs, überzeugt. So wie die verwitwete 64-Jährige, die ihren Kindern nicht zur Last fallen will und sich deshalb ein eigenes soziales Netz sucht. Viele aus der Gruppe hoffen, bis an ihr Lebensende in dem Haus bleiben zu können. Mehrere haben Erfahrung mit Sterbebegleitung. "Unsere Generation hat aber auch was zu geben", betonte eine 60-Jährige, die gemeinsam mit ihrem Mann einziehen will. Viele Familien seien manchmal am Rande ihrer Kräfte, hier könne die Hausgemeinschaft helfen, meinte sie.
Dass junge Menschen, am besten mit Kindern, einziehen, ist der Gruppe wichtig. Sie wollten "raus aus der Ecke des Seniorenwohnens", sagte Kresin und berichtete von einer jungen Familie und einer Mutter mit einer zwölfjährigen Tochter, die überlegen einzuziehen. 18 Wohneinheiten mit je 50 Quadratmetern sind in dem Haus geplant, davon einige wenige als Eigentumswohnungen. Bei Bedarf kann durch das Zusammenlegen zweier Wohneinheiten auch eine 96-Quadratmeter-Wohnung geschaffen werden. Sieben Wohneinheiten sind derzeit noch frei. Damit keine Einzugspläne am Geld scheitern müssen, sucht die Gruppe dringend noch Sponsoren, die das Projekt mit einem Direktkredit unterstützen. "Das ist eine ethisch-soziale Geldanlage", warb Kresin.
Wer sich für eine Wohnung bei ihnen interessiere, werde zunächst zu einem Kennenlern-Treffen eingeladen, sagte Peter Witz, Sprecher des Hausvereins. Nach einer Weile entscheide die Gruppe dann. "Mindestens 80 Prozent der Mitglieder müssen für den neuen Mitbewohner sein", so Witz. Die Hausgemeinschaft ist also schon am Entstehen. Auch ihre Arche Land GmbH ist inzwischen gegründet und im Handelsregister eingetragen. Jetzt will sie den Bauantrag auf den Weg bringen. Es sieht also so aus, als ob die Gemeinde endlich den Verkauf der beiden Grundstücke abwickeln könnte, die sie schon seit Juni 2008 für die "Arche" reserviert hat. Die Gemeinde wisse, dass das Projekt schwierig umzusetzen sei, deshalb habe sie bisher nicht auf Abwicklung des Kaufvertrags bestanden, sagte Kieber. Der Bürgermeister sieht in dem Arche-Haus "ein zukunftsweisendes Modell" für das Zusammenleben von Jüngeren und Älteren, gerade mit Blick auf den demographischen Wandel. Es gehe darum, "das Wir-Gefühl in der Gemeinde noch auszubauen", so Kieber. Er setze darauf, dass sich die Bewohner in die Dorfgemeinschaft einbringen und dass auch Gottenheimer in das Haus einziehen werden.
Damit rannte er bei der Gruppe offene Türen ein. Das bürgerschaftliche Engagement in Gottenheim sei "wie Musik" und werde ihnen die Integration erleichtern, schwärmte Kresin. Sobald der Kaufvertrag unterschrieben ist, wird der Architekt Wolfgang Frey den Bauantrag einreichen. Das planerische Grundgerüst steht schon länger, aber "die Planung ändert sich noch laufend", so Frey.
Auch später werde die Hausgemeinschaft ständig im Wandel sein, denn die Wohneinheiten lassen sich miteinander verbinden, was immer neue Formen des Zusammenlebens ermöglichen soll. Gebaut wird im Passivhausstandard, geheizt wird mit Erdwärme. Das Haus werde energieautark, so Frey.
Wenn der Architekt über das Projekt spricht, sagt er "wir". Für ihn ist es in einer weiteren Hinsicht zukunftsweisend: Weg vom bauträger- oder maklerorientierten Bauen, hin zu den Wünschen der Bewohner. Die Verwaltung bereitet eine Änderung des Bebauungsplans vor. Noch dieses Jahr soll Spatenstich sein, Einzugstermin wäre dann 2010.
Der Hausverein trifft sich jeden Monat, das nächste Mal wieder am Freitag, 17. Juli, um 18 Uhr im Gemeinschaftsraum des Sonnenhofs. Weitere Informationen bei Vera Kresin, Tel. 0761/403197, E-Mail: vera.kresin@gmx.de, oder Margret Drumm, Tel. 07665/95958, oder im Internet unter www.diearche-freiburg.de
Autor: Barbara Schmidt
