Panische Reaktionen des Zweijährigen könnten auf Taten hinweisen

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Fr, 13. Oktober 2017

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Im Prozess um den sexuellen Missbrauch eines Kleinkinds sagt dessen Großmutter aus / 36-jähriger Angeklagter verbüßt zurzeit eine Haftstrafe.

BAD KROZINGEN/FREIBURG. "Das war nicht mehr der Bub, den ich kannte", seufzt die Zeugin. Sie ist die Großmutter des Kindes ihres Sohnes, das, folgt man der Anklage der Staatsanwaltschaft, in den Jahren 2014 und 2015 vom neuen Freund der Kindsmutter äußerst rigide behandelt und in drei Fällen sexuell missbraucht worden sein soll. "Das Kind war stupide und distanzlos. Das Leuchten aus seinen Augen war verschwunden und es hat nur noch beobachtet", fährt die Großmutter in ihrem Bericht vor Gericht fort.

Angeklagt ist ein 36-jähriger Kaufmann. Zum Prozess trägt er schwarze Kleidung. Aufmerksam folgt er den Worten der Zeugin. Die Verteidigung wird wohl für Freispruch plädieren, denn der 36-Jährige hat alle Vorwürfe der Anklage beim Prozessauftakt weit von sich gewiesen (BZ vom 29. September).

Mehrfach muss die Zeugin während ihrer Aussage mit den Tränen kämpfen. Sie kann nicht sagen, was dem Zweijährigen in der Wohnung des Angeklagten, die er mit der Kindsmutter und weiteren Prostituierten in Bad Krozingen teilte, zugestoßen ist. Sie kann nur berichten, was sie mit ihm erlebt hat, was sie in ein Büchlein aufgeschrieben hat, wie es ihr vom Jugendamt geraten wurde. Heute lebt der Bub bei ihr im Hochschwarzwald. Ihr Sohn ist Vater des Kindes. Er hat mit dessen Mutter das Sorgerecht. Ein Paar sind die Eltern nicht mehr. Die Kindsmutter war vor der Festnahme des Angeklagten mit ihm zusammen. Damals lebten eine Nebenbuhlerin und weitere Frauen mit in der Wohnung. Die Frauen gingen damals anschaffen. Der 36-Jährige verbüßt zurzeit eine Haftstrafe wegen Menschenhandels, Zuhälterei und Zwangsprostitution. Manche der Frauen haben ihn nach seiner Festnahme 2015 des sexuellen Missbrauchs des Kinds beschuldigt.

Sexuelle Handlungen in der gemeinsamen Wohnung

Die Wohnung wird kein geeigneter Ort für ein Kind gewesen sein, obwohl die Frauen dort keine Freier empfingen. Die Gespräche sollen sich um Sexualität gedreht haben, auch soll es zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Folgt man der Aussage einer Zeugin, dann hat der Angeklagte keine Rücksicht auf das Kind genommen und es sexuell attackiert. War sein mutmaßliches Handeln eine Machtdemonstration des 36-Jährigen oder entsprang es einer Pädophilie? Dazu wird noch ein psychiatrischer Gutachter gehört. Ein Mann, der Augenzeuge einer Tat geworden sein soll und diese nicht verhindert habe, hat sich als Zeuge abgemeldet. Er will nicht aussagen und er muss es nach dem Gesetz nicht, wenn er sich selbst belasten würde. Das Gericht hat mit Einverständnis von Staatsanwalt und Verteidiger auf ihn als Zeugen verzichtet.

Als die Oma den Enkel im Frühjahr 2015 gebracht bekam, war er nicht nur ungepflegt, sondern krank. In seinem Mund hatten sich eitrige Pusteln gebildet. Ein Kinderarzt diagnostizierte Mundfäule. Kauen und Schlucken müssen äußerst schmerzhaft gewesen sein. Von sich aus redete der Bub damals kaum, ließ sich schweigend ins Bett legen. Doch verließ die Oma das Zimmer, fing er hysterisch an zu schreien und beruhigte sich erst, als er zwischen den Großeltern schlafen durfte. Gegen das Abbrausen der Haare wehrte sich das Kind mit aller Kraft. Hängt das damit zusammen, dass der Angeklagte, wie ihm vorgeworfen wird, das angekleidete Kind zur Strafe zehn Minuten unter die kalte Dusche gestellt hat? Von rigiden Erziehungsmethoden ist allgemein die Rede in der Anklage. Ist das der Grund dafür, dass der Bub, wenn ihm bei Tisch etwas umfällt, wie ein Blitz mit angsterfülltem Blick unterm Tisch Deckung sucht, wie die Großmutter berichtet? Und warum reagierte der Junge panisch, als der Oma bei Tisch einmal aus Spaß ein Stück Pizza in den Mund geschoben werden sollte? Hat ihn dies an den sexuellen Missbrauch erinnert? Die Mutter gebe ihr auf Fragen, was dem Kind passiert sei, keine Antworten, sagt die Zeugin. Am Freitag soll der psychiatrische Gutachter gehört werden.