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21. April 2017 07:31 Uhr

BZ-Interview

So wirken die Spezialkerzen als Mittel gegen den Kältetod

Der Kälteeinbruch macht Obstbauern im Kreis zu schaffen. Das Ehepaar Siegel, das Felder zwischen Norsingen und Mengen bewirtschaftet, schützt die Blüten ihrer Obstbäume mit der Wärme von zahlreichen, speziell zu diesem Zweck angefertigten Kerzen. Darüber sprach Moritz Lehmann mit Gabriele Siegel, die das Obstgut zusammen mit ihrem Mann betreibt.

  1. Kerzen gegen den Frost: Beim Obstgut Siegel versucht man, die Obstbäume mit speziellen Kerzen vor dem Kältetod zu bewahren. Foto: Patrick Seeger (DPA)

  2. G. Siegel Foto: Privat

BZ: Wie sind Sie auf die Idee mit den Kerzen gekommen?

Siegel: Mein Mann, der für den Anbau zuständig ist, hat dies schon öfter gemacht. Die Kerzen stammen von einer Firma aus Frankreich. Mein Mann ist gebürtiger Franzose und hat in Frankreich auch schon als Obstbauer gearbeitet, daher kennt er das.

BZ: Das sind also ganz spezielle Kerzen?

Siegel: Ja, sie werden von einem Familienbetrieb hergestellt. Was da genau drin ist, ist ein Betriebsgeheimnis. Die Kerzen enthalten auf jeden Fall Paraffinöl.

BZ: Was ist das Besondere an diesen Kerzen?

Siegel: Die Kerzeneimer sind sehr hoch, umfassen etwa sechs Liter und sind etwa 30 Zentimeter hoch. Sie brennen sehr lange, sind stabil und geben viel Wärme ab, darum geht es ja. Mit kleinen Grabkerzen würden wir nicht weit kommen.

BZ: Wann kommen die Kerzen zum Einsatz?

Siegel: Es gibt natürlich auch andere Maßnahmen, die wir zuerst ergreifen, etwa das Gras mähen. Bei den Erdbeeren zum Beispiel ist es besser, abzudecken. Wenn alles andere nichts hilft, dann setzen wir die Kerzen ein, die sind allerdings nicht ganz billig – eine Kerze kostet neun Euro. Deswegen kann man die nicht einfach am Abend anzünden und die ganze Nacht brennen lassen. Da geht es um mehrere tausend Euro. Wir kontrollieren ständig die Temperatur bei unseren Bäumen.

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BZ: Ab welcher Temperatur wird es kritisch?

Siegel: Das ist je nach Pflanze und dem Stadium des Blütentriebs anders. Es gilt, genau abzuwägen, wie weit die Kultur entwickelt ist und wie viel Frost sie in diesem Stadium genau verträgt. Das heißt, dass bei jeder Kultur die Temperatur gemessen werden muss, um dann zu entscheiden, ob man die Kerzeneimer anzünden muss. Zwetschgen, Birnen und Pfirsiche sind sehr empfindlich. Daher waren die niedrigen Temperaturwerte in der Nacht auf Donnerstag schon sehr kritisch.

BZ: Wie lange dauert es, die Kerzen in Position zu bringen?

Siegel: Mein Mann und unsere Mitarbeiter sind seit Tagen dabei, die Kerzeneimer zu verteilen. Sie werden mit dem Traktor aufs Feld gebracht und dann per Hand aufgestellt. In der Nacht auf Donnerstag ist mein Mann zusammen mit zwei Mitarbeitern gegen 24 Uhr aufgebrochen, um die Temperatur der Bäume zu messen und Kerzen anzuzünden. Er ist die ganze Nacht viele Kilometer weit gelaufen und war erst gegen acht Uhr morgens zurück. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

BZ: Wie viele Fläche bewirtschaften Sie denn insgesamt?

Siegel: Alles in allem 70 Hektar, aber da sind auch Beeren und Gemüse dabei. Donnerstagnacht waren etwa 15 Hektar betroffen, im Schnitt benötigt man 120 Kerzeneimer pro Hektar. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag waren also etwa 1800 Kerzen im Einsatz.

BZ: Was sagen Ihre Kollegen zu den Kerzen als Mittel gegen Frost? Kennen Sie auch andere Landwirte in der Region, die solche Kerzen einsetzen?

Siegel: Es gibt inzwischen mehrere Kollegen, die die Kerzeneimer anwenden. In den letzten Tagen haben viele Landwirte bei uns angerufen und gefragt, ob wir noch Kerzen übrig haben. Die Bestellung der Kerzen braucht aber einigen Vorlauf, wir haben sie bereits im letzten Jahr bestellt. Und jetzt könnten wir selbst noch ein paar mehr gebrauchen.

BZ: Und hat es nun geholfen?

Siegel: Die Kerzen bringen erfahrungsgemäß einiges. Wir hatten in der Nacht auf Donnerstag allerdings knapp Minus sechs Grad, das ist schon sehr kritisch. Und die kommenden Nächte sollen zum Teil noch kälter werden, die verbliebenen Kerzen bleiben also weiter im Einsatz. Momentan sieht es für Birnen und Äpfel sehr schlecht aus, bei den Zwetschgen werden wohl 90 Prozent kaputt sein. Frühestens Freitagnachmittag wissen wir Näheres.
Das Material

Die Kerzen bestehen aus sechs Litern natürlichem Weichwachs, welches sich in einem Blecheimer befindet und dort gefahrlos abgebrannt werden kann, wie der deutschen Vertriebs-Homepage des französischen Herstellers Stopgel zu entnehmen ist. Eine Kerze kostet rund zehn Euro. Für einen Hektar Fläche werden circa 200 Kerzen empfohlen. Diese sollen die Pflanzen bis zu zwei Grad unter dem Gefrierpunkt frostfrei halten. Jedes weitere Minusgrad erfordere 50 bis 100 zusätzliche Kerzen pro Hektar. Die Dauer bis zum vollständigen Abbrennen beträgt dem Hersteller zufolge acht bis neun Stunden. Die Rauchentwicklung sei sehr gering. Polizei und Feuerwehr sollten vor dem Einsatz der Kerzen informiert werden, um Fehlalarmen vorzubeugen.

Die Methode

Philipp Hudelist von dem Beratungsdienst Ökologischer Obstbau e.V. hält solche Kerzen vor allem "für kleinere Anlagen in Frostlagen oder Senken" für sinnvoll. "Das rentiert sich, wenn es ab und zu brenzlig wird", erklärt er. Generell sei aber die sogenannte Frostberegnung besser für die Thermodynamik, die allerdings auch einen hohen Aufwand für Installation und Betrieb mit sich bringe.

Gabriele Siegel

Die gelernte Sozialarbeitern ist 37 Jahre alt. Seit 2009 betreibt sie gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Obstbachtechniker Joel Siegel, ökologischen Obst- und Gemüseanbau auf Feldern zwischen Schallstadt-Mengen und Ehrenkirchen-Norsingen. Vor etwa anderthalb Jahren wurde das Obstgut der Siegels ein Demeter-Betrieb. Bisher war der Betrieb auf Obst und Spargelanbau spezialisiert. Seit diesem Jahr bauen die Siegels auch Gemüse an, halten Hühner und betreiben einen kleinen Hofladen. Weitere Infos gibt’s im Internet auf der Seite http://www.obstgutsiegel.de

Autor: Moritz Lehmann