Welche Landwirtschaft willst du?

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Di, 30. Oktober 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Fünf Interessensvertreter diskutieren in St. Ulrich über das Thema Lebensmittelproduktion und Vermarktung.

BOLLSCHWEIL-ST. ULRICH. Bio oder konventionell? Regional oder global? Mit oder ohne Label? Dass man diese Fragen kontrovers diskutieren kann, zeigte das Nachtcafé am Freitagabend in St. Ulrich. Fünf Akteure aus den Bereichen Landwirtschaft, Naturschutz, Handel, Politik und Verbraucher sprachen über die Kernfrage: Welche Landwirtschaft willst du?

Wer ist wer im Nachtcafé?
Das Nachtcafé ist eine Veranstaltung des Bildungswerks des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV), des Bildungshauses Kloster St. Ulrich sowie der Katholischen Landvolkbewegung. "Das Thema ist immer an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft", erklärte Bildungshausleiter Bernard Nägele. Eingeladen zum Mitdiskutieren waren an diesem Abend BLHV-Präsident Werner Räpple, Hieber-Seniorchef Jörg Hieber, Grünen-Politikerin und Landwirtin Martina Braun, Nabu-Vertreter Jochen Goedecke sowie Eckhard Benner von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Anne Körkel führte als Moderatorin durch den Abend.

Bio oder konventionell?
"Herr Räpple, wieso haben Sie noch nicht auf bio umgestellt?", wollte Anne Körkel vom BLHV-Präsidenten wissen. Gerade im Weinbau sei die biologische Bewirtschaftung eine "gigantische Herausforderung", sagte dieser. Er habe Kollegen, die "arbeitstechnisch nicht mehr fertig geworden sind", ihre Betriebe wieder rückumgestellt hätten. "Der Markt soll sich entwickeln. In der Regel ziehen die Bauern nach. Man darf es ihnen nicht aufdrücken", befand Räpple. Er meint: "Wir können voneinander lernen im bio- und im konventionellen Bereich. Und wir bewegen uns aufeinander zu." Auch Jochen Goedecke fand: "Es gibt viel im Zwischenbereich von bio und konventionell. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß."

Regional oder global?
Werner Räpple ärgerte sich, dass der Handel zur hiesigen Erdbeer-, Spargel- und Kirschenzeit ausländische Ware in die Regale genommen habe. "Wie bekommen wir ein besseres Miteinander zwischen Landwirtschaft und Handel hin? Wir verlieren diese Kulturen, wenn wir nicht zusammenkommen." Jörg Hieber argumentiere, dass der Handel "klare Belieferungsstrukturen" brauche. "Wir bieten so wenig wie möglich anderen Spargel vor dem heimischen an", sagte er. Aber: "Wir sind kein Wohlfahrtsunternehmen. Wir können nur so fair wie möglich mit unseren Partnern umgehen." Auf der anderen Seite berichtete er, dass sein Unternehmen krampfhaft versuche, regionale Gemüsebauern zu finden. "Wir sollen das abnehmen, was bei Hofverkäufen übrig bleibt. Das geht nicht", argumentierte er.

Zu viele Kennzeichnungen?
Wie groß ist die Verunsicherung der Verbraucher in Sachen Siegel und Label, die Lebensmittel kennzeichnen? "Hat das mit den ganzen Siegeln schon eine Absurdität erreicht?", fragte Anne Körkel. "Es wird immer wieder gefragt, was dieses oder jenes Label bedeutet", berichtete Eckhard Benner aus seiner Erfahrung bei der Verbraucherzentrale. "Es gibt siegelähnliche Kennzeichnungen wie Sand am Meer." Wenn keine Falschaussage in einem Siegel stecke, könne man gesetzlich aber wenig dagegen tun. Jörg Hieber bezeichnete Siegel als "absoluten Unfug". Viel mehr müsse man die Verbraucher wieder mündig machen, statt alles für sie zu regeln.

Landwirtschaft der Zukunft?
Wie sich die Landwirtschaft in Baden-Württemberg entwickeln soll, wollte Körkel von ihren Gesprächspartnern wissen. Werner Räpple sprach von Familienbetrieben, von Nachhaltigkeit, von Freiräumen und vergleichbaren Einkommen. Jochen Goedecke nannte einen schonenden Umgang mit Ressourcen – egal ob bio oder konventionell. Jörg Hieber denkt, dass sich Landwirtschaft wird spezialisieren müssen. Es dürfe kein Überfluss geschaffen werden. Laut Eckhard Benner muss die Landwirtschaft der Zukunft "vielfältige Bedarfe erfüllen", für Martina Braun muss sie "naturnah" sein. Einig waren sich alle Gesprächspartner darin, dass es für die Zukunft mehr Verständnis, Vernetzung und Vertrauen geben müsse.