Wenn jede Empathie verloren geht

Sabine Model

Von Sabine Model

Di, 01. Oktober 2013

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Ein offener Treff will Angehörigen von Menschen helfen, die an einer charakterzerstörenden Form von Demenz leiden.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Seit 2010 beschäftigt sich Waltraud Kannen, Geschäftsführerin der Sozialstation Südlicher Breisgau in Bad Krozingen, mit einer Krankheit, die bisher kaum jemand kennt: Frontotemporale Demenz (FTD), eine Veränderung der so genannten Fronto-Temporal-Lappen im Stirn- und Schläfenbereich des Gehirns. Sie geht mit besonders auffälligen Veränderungen der Persönlichkeit der Betroffenen einher, die vor allem auch für deren Angehörigen und Umfeld sehr belastend sind.

Landrätin Dorothea Störr-Ritter vermittelte die Förderung eines FTD-Projektes über die Stiftung "Daheim im Heim". Ergebnis: Die offiziell bundesweit 33 000 Diagnosen verharmlosen die Tragweite dieser Krankheit. Denn nur wenige Mediziner können bisher die Symptome richtig einordnen. Das Erscheinungsbild zeigt Verhaltensauffälligkeiten und Persönlichkeitsveränderungen auch schon in jüngeren Jahren. Anders als bei klassischer Altersdemenz kommen Sprach-, Orientierungs- und Gedächtnisstörungen, Wissensdefizite, Pflegebedürftigkeit, Muskelversteifungen und Inkontinenz erst später hinzu. FTD-Erkrankte wirken zunächst entweder auffallend apathisch und antriebslos oder auch rast- und ruhelos. Sie verwahrlosen körperlich und emotional, agieren wertfrei und enthemmt. Das äußert sich in Maßlosigkeiten unterschiedlichster Art.

Betroffenen fällt dabei schwer, Gefühle und Befindlichkeiten anderer wahrzunehmen und das eigene Verhalten zu steuern. Für Angehörige wird das Wesen der geliebten Menschen zunehmend fremd, sogar stressig und abstoßend.

Früher sei er die Ordnung, Rücksicht und Zurückhaltung in Person gewesen, erzählt die Frau eines erkrankten Akademikers. "Er war für mich immer Vorbild." Doch dann sei er nachlässig geworden, habe sich beim Essen die Hände an der Tischdecke abgewischt, sich für nichts mehr interessiert. Peinlichkeiten wie übermäßiger Alkoholgenuss oder Stuhlinkontinenz störten ihn nicht.

Appelle an den Verstand bleiben Erfolglos

"Manchmal werde ich richtig aggressiv", sagt seine Frau. "Da muss ich mich sehr zurücknehmen. Der Alltag ist eben ganz anders geworden." Besonders demütigend sei, wenn ihr Mann sich in ihrer Gegenwart sexuell selbst befriedige. "Er lächelt mich dabei an und macht weiter, als sei das so okay." Appelle an den Verstand bleiben erfolglos. Was Menschen in Beziehungen ausmacht, ist gestört, Empathie ersatzlos gestrichen.

Im November 2012 betrat die Sozialisation mit der Einrichtung der Betreuungsgruppe "Mosaik" in Schallstadt Neuland. Jeden Montag zwischen 10 und 16 Uhr werden hier von Fachkräften und qualifizierten Ehrenamtlichen bis zu sechs FTD-Erkrankte betreut. Das verschafft den Angehörigen ein paar Stunden, in denen sie Luft holen können. Als nächster Schritt wird jetzt jeden letzten Donnerstag im Monat ein kostenloser, offener Stammtisch für Angehörige eingerichtet. In vertrauensvoller Atmosphäre ist Kontakt, Austausch und Information zu Unterstützung und Entlastung gegeben, ohne jegliche Anmeldung.