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02. Mai 2009

"Wie Fremde im eigenen Land"

Die "Aktion Demenz" will den rund 9000 demenzkranken Menschen in der Region Freiburg zu mehr Lebensqualität verhelfen.

FREIBURG/LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, besagt ein afrikanisches Sprichwort. Ähnliches gilt für die Betreuung der wachsenden Zahl demenzkranker Menschen. "Sie und ihre Angehörigen verdienen unsere Solidarität", wirbt Professor Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg als Mitbegründer der "Aktion Demenz".

Die breit angelegte "Initiative für ein besseres Leben mit Demenz in der Region Freiburg" will, gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung, bis Mitte 2010 mit einer Reihe von Veranstaltungen und Aktionen dazu beitragen, dass "die Thematik in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt und sichtbar wird". Den Auftakt macht am 15. Mai eine Veranstaltung in der Freiburger Katholischen Akademie.

"Menschen mit Demenz sind wie Fremde im eigenen Land", beschreibt Klie, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) ist, deren Situation. Der Bäcker, der Friseur, die Bankangestellte, der Gastwirt oder der Taxifahrer sind verunsichert, wenn sie mit dem merkwürdig erscheinenden Verhalten eines verwirrten Kunden konfrontiert sind. Die meisten reagieren mit Abwehr und Berührungsängsten. Dabei ginge es auch anders, wie der Fall einer demenzkranken ehemaligen Kaufhausmitarbeiterin aus Esslingen zeigt: Täglich ging sie zu ihrem ehemaligen Arbeitsplatz und kaufte eine Handtasche. Das gab ihrem Tag einen Sinn und eine Struktur.

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Statt ihr Verhalten zu unterbinden, spielten alle das Spiel mit: Am Ende der Woche brachten die Angehörigen die gekauften Handtaschen einfach zurück, und alles begann von Neuem. "Wir sammeln phantasievolle und menschenfreundliche Geschichten davon, wie das Leben mit Demenz gelingen kann." Dabei ist laut Klie die gesamte Bürgerschaft gefragt. "Es wäre ein kulturelles Versagen, wenn wir die Problematik allein an Pflegeheime und Angehörige delegieren würden."

Dagegen sprechen allein schon die Zahlen: Rund 1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Bis 2030 soll sich deren Zahl verdoppeln. Treffen kann es jeden, und das Risiko steigt mit zunehmendem Alter. Etwa 9000 Erkrankte zählen die Stadt Freiburg und die benachbarten Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen. Zählt man die Angehörigen hinzu, ist von etwa 40 000 Menschen in der Region auszugehen, die direkt oder indirekt von der Krankheit betroffen sind.

Selten waren laut Ursula Konfitin vom Seniorenbüro der Stadt Freiburg denn auch an einer Initiative so viele Akteure beteiligt wie an der "Aktion Demenz": Stadt Freiburg, die beiden Landkreise und die jeweiligen Seniorenräte, evangelische (EH) und katholische Fachhochschule (KFH), das Zentrum für Geriatrie und Gerontologie (ZGGF) der Uniklinik, Caritasverband und Katholische Akademie und viele mehr. Neue Mitstreiter aus Handel, Gastronomie und sonstigen Bereichen des öffentlichen Lebens seien willkommen. Angestoßen worden war die Initiative durch die Robert-Bosch-Stiftung, um deren Projektförderung sich 150 Antragsteller beworben hatten.

"Wir haben jede Menge Spaß miteinander"

Das Bündnis aus der Region Freiburg gehört zu den 40 Auserwählten und wird mit 15 000 Euro von der Stiftung bezuschusst. Neben der ohnehin schon vorhandenen Infrastruktur wie Pflege- und Besuchsdiensten, Qualifizierung von Ehrenamtlichen oder Wohngruppen für Demenzkranke hat sich die Aktion Demenz zum Ziel gesetzt, einen Rahmen für mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu schaffen wie Gottesdienste, Tanzveranstaltungen, Theater oder Filmvorführungen. Und es will das Wissen über die Krankheit vermehren, um Unsicherheiten im Umgang damit abzubauen. Nicht zuletzt wird die Politik gefragt sein: In Wahlprüfsteinen vor der Kommunalwahl sollen alle Listen aufgefordert werden, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und zu positionieren.

Dass geistesverwirrte Menschen von speziellen Angeboten ohnehin nichts mehr mitbekommen, weist die Gerontologin Margrit Ott vom ZGGF als unzutreffend zurück: Ihr emotionales Gedächtnis lasse keineswegs nach. Rituale wie in einem Gottesdienst könnten es wieder an die Oberfläche spülen. Die Sensibilität für Atmosphärisches, für Zuwendung und Beziehungen könne sogar wachsen.

KFH-Professor Karl-Heinz Menzen etwa macht beste Erfahrungen in der Kunsttherapie mit Demenzkranken im ZGGF. Das Erkennen und Gestalten von Farben und Formen lasse darauf schließen, dass Hirnregionen aktiviert würden, die zuvor brachgelegen haben. Und vor allem: "Wir haben jede Menge Spaß zusammen."

Autor: Anita Rüffer