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16. Januar 2009
Der anziehende Mut zur totalen Offenheit
"Theater Unkraut": Debüt im Waldkircher Orgelbauersaal.
WALDKIRCH. Es klopft. Eine Frau ruft von draußen. Aber Hausherr Felix (Uli Großmann) ist schon im Bett. Doris (Melanie Metzger) lässt sich aber nicht abweisen. Also nimmt Felix den Schlüssel vom Tischchen und öffnet. Doris – einschlägig gekleidet – stürmt herein, lässt eine wüste Schimpfkanonade voller gröbster Unflätigkeiten los. Felix, der sich mit einem Buchhandelsjob durchschlägt und versucht, als Schriftsteller zu arbeiten, hatte seine Nachbarin, die als Prostituierte gearbeitet hat, an den Hauswirt verpfiffen und der warf die Mieterin hinaus. Doris – ohne Job, Geld und Wohnung – zieht mit Sack und Pack bei Felix ein.
Wilton Manhoffs Stück "Die Eule und das Kätzchen", das sich Melanie Metzger und Uli Großmann für ihre erste gemeinsame "Unkraut"-Produktion (Regie: Robert Klatt) ausgesucht haben, dreht sich nur oberflächlich betrachtet um die Frage, ob die beiden auf Dauer zueinander kommen. Schaut man tiefer, wird offenbar, dass beide anfangen, ihr bisheriges Leben zu überdenken und zu überprüfen. Sie spüren die Anziehung, müssen zugleich erkennen, in welch verschiedenen Welten sie leben. Felix versucht sehr unbeholfen, Doris zu "erziehen". Logik, doziert er, sei seine Religion. Doris ihrerseits kann nichts mit Poesie anfangen, die der Überprüfung in der Wirklichkeit nicht standhält – sie ist allenfalls für einen kapitalen Wutausbruch (derlei gelang Melanie Metzger gleich mehrfach wunderbar) gut. Also packt Doris ihre Sachen und geht – kommt aber wieder.
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Der andere Pol ihrer Beziehung ist das gemeinsame Bett, in dem beide immer wieder landen. Doris will ihren Liebsten schließlich im Freitod nicht allein lassen – mit dem gewichtigen Argument, das sich die Zeitungen doch viel mehr für einen gemeinsamen Selbstmord interessieren würden als für das einsame Abtreten eines kleinen Dichters. Sie testen sogar, ob sie ihre Köpfe gemeinsam in das Backrohr des Herdes stecken und sich mit ausströmendem Gas töten könnten. Dazu kommt es am Ende nicht: Das Paar erkennt, dass es nur dann eine gemeinsame Zukunft hat, wenn es alle Lebenslügen abwirft und den Mut zu totaler Offenheit findet.
Das alles fand auf einer sparsam möblierten, in den Orgelbauersaal hineingebauten Bühne statt. Musik und Einspielungen (eines über den Krach schimpfenden Nachbarn, der die Polizei holen will) wurden klug eingesetzt, das Licht sollte die vergehenden Tage und Nächte illustrieren. Manche Übergänge wirkten lang, denn dass diese oder jene Szene "im Bett" außerhalb der Bühne endete, war nicht immer überzeugend. Uli Großmann gelang sein Felix plausibel täppisch und unbeholfen, Melanie Metzger – auch das einleuchtend – war gelöster, zuweilen entfesselt und unglaublich präsent. Robert Klatts Inszenierung ließ die (leider nur sehr wenigen) Zuschauer in sehr direkter, privater Weise am mühevollen Zueinanderfinden dieses Paars teilhaben.
Sehr sehenswertes Theater – auch im übertragenen Sinn, weil sich jeder und jede im Geschehen gut wiederfinden kann. Die nächste Vorstellung des "Theaters Unkraut" findet am heutigen Freitag, 16. Januar, 20 Uhr, ebenfalls im Orgelbauersaal, Jäger & Brommer, am Gewerbekanal, statt.
Autor: Frank Berno Timm
