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24. Dezember 2011

"Die Tafel ist mein Zuhause"

Die vier Tafelläden im Landkreis Emmendingen werden immer bekannter / Erweiterungen in Herbolzheim und Endingen geplant.

  1. Foto: Friederike Marx

  2. Der Tafelladen in Waldkirch Foto: Friederike Marx

  3. Foto: Friederike Marx

  4. Der Tafelladen in Waldkirch Foto: Friederike Marx

  5. Foto: Friederike Marx

KREIS EMMENDINGEN. Mit größtem Vergnügen verzehren viele Menschen zum Weihnachtsfest Gänsebraten oder ähnliche Schlemmereien. Wer jedoch in einem der Tafelläden im Kreisgebiet einkauft, der kann allenfalls bei Gnocchi mit Soße auf bessere Zeiten hoffen. Mehr als 2500 Kunden kaufen in Herbolzheim, Endingen, Emmendingen und Waldkirch zum größten Teil Nahrungsmittel ein, die sonst weggeschmissen werden müssten.

Eine Schar von rund 130 Ehrenamtlichen, einige Bürgerarbeiter und sogenannte 1-Euro-Jobbern engagieren sich in den Tafelläden, zahlreiche Sponsoren unterstützen sie finanziell.

Man findet die Tafeln abseits des Trubels der Konsumgesellschaft: Wer sich schämt, hier einzukaufen, kann so seine Hemmschwelle eher überwinden. Arbeitslose, arme Rentner, Menschen mit und ohne deutschen Pass gehören zu den Kunden. Aber auch jene, deren karger Lohn nicht zum Leben reicht, sind berechtigt, hier einzukaufen.

In Herbolzheim begann 2006 die Geschichte der Tafeln im Kreisgebiet

Als Erstes wurde 2006 die Tafel in Herbolzheim am Konrad-Adenauer-Ring 1 (ehemaliges Bundeswehrareal) gegründet. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Zahl der ausgegebenen Kundenkarten von 850 auf 1000. "Die Tafel wird bekannter", begründet Ladenleiter und Tafelvereinsvorsitzender Thomas Ruddies diesen Anstieg. "Die Menschen überschreiten ihre Hemmschwelle, weil sie keinen anderen Weg mehr sehen", fügt er hinzu. Zusammen mit seiner Frau Lilli engagiert sich Ruddies unermüdlich. Die Kraft dazu holt er sich in seinem christlichen Glauben. "Man muss alles können und darf nur nicht müde werden", so seine Erfahrung. Seit drei Jahren sucht Ruddies vergeblich einen stellvertretenden Ladenleiter, damit er endlich mal länger als eine Woche am Stück Urlaub machen kann. Auch hofft er darauf, dass die Tafel bald erweitert werden kann. "Derzeit suchen wird nach der günstigsten Lösung", so Ruddies.

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Noch sind die Kunden nicht da, und doch wirkt es bereits eng in den drei kleinen Verkaufsräumen, die nur 15 Quadratmeter Fläche haben. Heike Peter sortiert gerade Joghurt ins Kühlregal. Sie sagt: "Hier bleibe ich, hier bin ich froh. Die Tafel ist mein Zuhause." Ihre Anstellung ist jedoch wie bei den anderen sechs Bürgerarbeitern auf drei Jahre befristet.

Unerlässliche Helfer der Tafel sind die sechs Fahrer, deren Arbeit um sieben Uhr beginnt. Sie holen auf einer großen Tour die Lebensmittelspenden ab und bringen sie zur Herbolzheimer Sammelstelle. Ehrenamtliche prüfen die Ware und verpacken sie zum Teil neu. Anschließend bringen die Fahrer einen Teil der Lebensmittel in die Tafel nach Endingen, aber auch zu alten Menschen in die AWO-Seniorenwohnanlagen in Riegel und Herbolzheim.

Endingen: Bald sollen auch Kleider aus zweiter Hand verkauft werden

Als jüngster Laden im Kreisgebiet wurde 2009 die Tafel in Endingen an der Carl-Loesch-Straße als Außenstelle von Herbolzheim gegründet. Zehn Helfer engagieren sich hier und versorgen die Menschen mit Lebensmitteln und gespendeten Weihnachtsgeschenken. Auch in Endingen plant der Verein eine Erweiterung: Bald soll es hier auch ein Kleiderlager geben. Im Haus wäre dafür noch Platz genug, jedoch müsste die Stadt als Eigentümerin die Räume der Tafel zur Verfügung stellen und es müsste ein wenig umgebaut werden. Thomas Ruddies hatte gehofft, dass der Gemeinderat noch in diesem Jahr die Entscheidung darüber fällen würde, doch das Projekt wurde aus Zeitgründen vertagt auf nächstes Jahr.

Emmendingen: "Wir sind hier nur die Spitze des Eisbergs"

Auch in Emmendingen ist die Tafel seit ihrer Gründung 2007 gewachsen. Sie zog 2009 von ihrem beengten vorläufigen Standort in der Markgrafenstraße im Zentrum der Stadt, wo sie mehreren benachbarten Geschäftsinhabern ein Dorn im Auge war, in ein hübsches Haus an die Karl-Friedrich-Straße 71. Hier fällt die Warteschlange vor dem Laden nicht mehr so auf im Stadtbild. 1240 Personen haben mittlerweile eine Kundenkarte für den Laden, wo die Lebensmittel 10 bis 20 Prozent des normalen Preises kosten. Doch der Tafelvereinsvorsitzende und Ladenleiter Peter Dreßen weist auf eine traurige Tatsache hin: "Wir sind hier nur die Spitze des Eisbergs". Er verdeutlicht dies anhand der bundesweiten Zahlen. 880 Tafeln in Deutschland versorgen 1,3 Millionen Menschen. Insgesamt gebe es aber 12 Millionen Bedürftige.

In Waldkirch leitet Friedhelm Wölker die Tafel seit ihrer Gründung im Jahr 2007. "Niemand wollte damals den Job übernehmen, also habe ich es getan, und die Arbeit macht mir auch nach vier Jahren noch Spaß", erzählt er. Im Gegensatz zu den anderen Tafeln hat er einen Rückgang der Nachfrage festgestellt. "Wir können nur vermuten, dass mehr Menschen mehr Geld haben oder wieder einen Job gefunden haben", sagt er. Allerdings sieht Wölker langfristig keine Besserung: "Die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter auseinanderdriften", sagt er. Sein Herbolzheimer Kollege Ruddies sieht in den Tafelläden ein Mittel, um langfristig den sozialen Frieden zu erhalten.

Die Tafeln sind auf Spenden dringend angewiesen

Wer den Tafelläden helfen möchte, kann dies durch seine Arbeitskraft tun oder Geld oder Lebensmittel spenden. Es mangelt an haltbaren Nahrungsmitteln wie Zucker, Mehl, Teigwaren oder Konserven. Verderbliche Ware wie Obst, Gemüse und Brot bekommen die Tafeln von Supermärkten, Bäckereien und anderen Geschäften, die durch ihre Spenden ein gutes Werk tun, aber auch einen Nutzen daraus ziehen: Sie sparen einen kleinen Teil ihrer Müllgebühren.

Auch der Lehrer im Ruhestand Wolfgang Wimmer hat in der Emmendinger Tafel mit angepackt, in der zur Zeit 50 Helfer arbeiten. Doch dass auch die Betreiber der Tafelläden unverkaufte Lebensmittel wegschmeißen müssen, machte ihm so sehr zu schaffen, dass er sein Engagement nach knapp drei Jahren beendete. In seinem Buch "Handeln im Widerspruch", das im vergangenen Jahr erschien, kritisiert er, dass die Ehrenamtlichen in den Tafelläden wenig in Frage stellen und nach Antworten suchen. "Man muss sich dafür einsetzen, dass sie geschlossen werden können", sagt er. Wimmer fordert: "Die Tafeln müssten den Bedürftigen nicht nur Brot, sondern eine Stimme geben, viel lauter als bisher."

Spendenkonten:

Tafel Herbolzheim: Konto-Nr. 493 442 01, BLZ 682 900 00, Volksbank Lahr

Tafel Emmendingen: Konto-Nr. 12 584 806, BLZ 680 501 01, Sparkasse Freiburg Nördlicher Breisgau

http://www.emmendinger-tafel.de www.herbolzheimer-tafel.de

Autor: Friederike Marx-Kohlstädt