Die Zeugen haben heute noch Angst

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Sa, 01. Februar 2014

Kreis Emmendingen

Zwei Jahre auf Bewährung für brutale Beziehungstat.

EMMENDINGEN. Das Amtsgericht hat einen 51-Jährigen aus einem Dorf im Landkreis wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Der Mann hatte am 26. Dezember 2011 seine damalige Freundin brutal zusammengeschlagen und gedemütigt – aber auch deren Schwester und Vater verletzt.

Am letzten Prozesstag sagen Charakterzeugen aus. Menschen, die nicht dabei waren in der Tatnacht, den Angeklagten aber schon früher gekannt haben. Die Ex-Frau zum Beispiel. 15 Jahre war sie mit ihm verheiratet. "Die Ehe war eigentlich immer in Ordnung", sagt sie. "Er war zuvorkommend, er hat sich um viele Sachen gekümmert, er hat sich in der Kirche engagiert." Gewalt? Habe sie nie erlebt. Das sagt auch der Sohn. "Er hat mich ein einziges Mal angeschrien", sagt er. "Dann hat er sich aber gleich entschuldigt."

Es ist ein völlig anderes Bild, als es der Staatsanwalt und die Zeugen am ersten Prozesstag geschildert haben. Der Angeklagte hat nach einem gemeinsamen Abendessen – es gab Raclette – seine Freundin angegriffen. Er hat ihr die Faust ins Gesicht gerammt, ihren Kopf gegen den Fließenboden geschlagen, ihr einen blutigen Lappen in den Mund gesteckt und ihr die Nase zugehalten. "Diese Nacht überlebst du nicht!", drohte er. Die Frau alarmierte ihre Schwester und den Vater. Der Angeklagte griff auch die beiden an – der Vater stürzte, brach sich das Becken und verletzte sich am Kopf.

Der Angeklagte und seine Verteidiger streiten das Geschehen nicht ab. Ihr Mandant, sagen sie aber, hätte nie vorgehabt, sein Opfer zu töten – trotz seiner Drohungen.

In dem Verfahren bleibt unklar, wie ein harmloser, friedliebender Mann für eineinhalb Stunden zum brutalen Schläger werden konnte. Sicher ist, dass es in seiner damaligen Beziehung nicht gut lief. Seine damalige Freundin soll an ihm herumgemäkelt haben, soll über ihn bestimmt haben – und er versuchte zwei Mal, sich umzubringen.

Ein Psychiater hat den Angeklagten untersucht. Er sollte überprüfen, ob der Mann krank ist – und deshalb nicht oder nur eingeschränkt schuldfähig. Ewald Hollerbach verneint das. "Die Diagnose Persönlichkeitsstörung lässt sich ausschließen", sagt der Arzt. "Maßgebend ist die normale biographische Entwicklung. Eine Persönlichkeitsstörung manifestiert sich nicht erst im Erwachsenenalter." Psychische Auffälligkeiten habe es jedoch gegeben – die seien jedoch erstmals mit Beginn der Beziehung zum Opfer aufgetreten.

"Es war ein

eineinhalbstündiges

Martyrium."

Ankläger Matthias Rall
"Ich möchte nicht, dass er bestraft wird" – das hatte die damalige Freundin des Angeklagten am ersten Prozesstag gesagt. "Der Wille des Opfers ist nicht relevant und das ist gut so", sagt Staatsanwalt Matthias Rall in seinem Plädoyer. "Es war ein eineinhalbstündiges Martyrium." Er fordert eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten – schließt aber auch aus, dass der Angeklagte jemanden habe töten wollen.

"Zwei Zeugen, gestandene Männer, haben heute noch Angst gegenüber dem Angeklagten", sagt Nebenklage-Anwältin Katja Ravat. Sie vermisst Reue beim Angeklagten, der ein halbes Jahr nach der Tat zu einer Nachbarin gesagt haben soll: "Es gehören immer zwei dazu." Ein konkretes Strafmaß fordert sie nicht.

"Hätte er den Wunsch gehabt, die Frau zu töten, hätte er andere Werkzeuge gehabt", sagt Verteidiger Philipp Rinklin. "Er hat den Lappen wieder aus ihrem Mund rausgenommen, es gab keine Würgemale am Hals." Auch den Vater des Opfers hätte der Angeklagte nicht töten wollen. "Er hat sich deutlich entschuldigt und gesagt, dass ihm die Tat leid tut", sagt er. Dann wirft er der Justiz eine "rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung" vor: Die Akte sei im Februar 2012 bei den Staatsanwälten eingegangen, das psychiatrische Gutachten aber erst im November in Auftrag gegeben worden.

Der Richter und die beiden Schöffen ziehen sich zur Beratung zurück. Nach einer halben Stunde verkündet Günter Schmalen das Urteil: Zwei Jahre auf Bewährung, dazu kommt eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 60 Euro. Zu Beginn des Verfahrens, erklärt er, hätte er angesichts der Tatvorwürfe nicht damit gerechnet, dass eine Bewährungsstrafe in Frage komme. "Aber dann hat sich Einiges getan", sagt Schmalen.

Auch er geht davon aus, dass der Angeklagte die Frau nicht töten wollte – immerhin habe dieser gleich nach der Tat bei der Polizei angerufen. "Das Gericht ist davon überzeugt, dass er keine strafbaren Handlungen mehr begehen wird. Darauf deutet die Zeit vor und nach der Tat hin."

Trotzdem bleiben Fragen offen. Auch für den Richter. "Ich verstehe nicht, wie sich aus einer friedlichen Situation so etwas entwickeln kann – aber es ist halt passiert."