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17. Februar 2016

"Du hast einen sozialen Fimmel"

EINE MITTAGSPAUSE MIT ... (2): Sabine Wölfle will für die SPD wieder in den Landtag einziehen .

  1. Sabine Wölfle Foto: Patrik Müller

WALDKIRCH. Was sind das für Leute, die für den Landtag kandidieren? Um das herauszufinden, haben wir beschlossen, eine Mittagspause mit ihnen zu verbringen, die Details haben wir den Kandidaten überlassen. Heute: Sabine Wölfle, SPD.

Sie hat in Toronto gelebt, auf Kreuzfahrtschiffen, im Elztal. Dort wohnt sie immer noch, im Waldkircher Ortsteil Siensbach. Handschlag auf dem Bären-Parkplatz, in ihrem Auto geht es weiter. Sabine Wölfle lenkt den Wagen flott durch enge Kurven bergauf. Kurz vor dem Waldrand hält sie an, beim drittletzten Haus vor der Schranke zum Kandelwald. "Wenn ich aus Stuttgart komme und aus dem Auto steige, bin ich geerdet", sagt sie.

Der Himmel ist grau, ein kalter Wind weht. Wölfle schlägt eine schnelle Runde vor. Weiden, Wiesen, eine leere Futterkrippe. Vor dem Haus, in dem sie mit ihrem zweiten Mann lebt, steht ein großer Holztisch mit Bank, in die Wand sind jede Menge Steckdosen eingelassen, Wölfle erzählt von einem WLAN-Verstärker und davon, dass sie im Sommer gerne mal an der frischen Luft arbeitet − oder Yoga-Übungen macht, bei zwitschernden Vögeln und aufgehender Sonne.

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Sabine Wölfle war schon als Kind viel unterwegs, die Eltern der gebürtigen Wuppertalerin fuhren gerne weg, ans Meer und in die Berge. "Ich hatte nie Bodenhaftung und bin ungern wieder nach Hause. Die Reisen waren mir eigentlich immer zu kurz."

Sie wollte schreiben, Schriftstellerin oder Journalistin werden und weiter reisen. Nach dem Abitur überlegte sie zu studieren. "Meine Eltern sagten: Gerne. Aber dann bleibst du hier wohnen." Wölfle entschied sich zur Ausbildung in einem Reisebüro. "Am Tag nach der Prüfung bin ich nach Freiburg gezogen", sagt sie. "WIr haben Verwandte in Prechtal, Freunde in der Gegend − ich habe Wurzeln hier."

Es hielt sie nie an einem Ort. Sie heuerte auf Kreuzfahrtschiffen an, koordinierte Showbandauftritte und Landausflüge. Sie lernte einen Kanadier kenne, heiratete, zog nach Toronto. "Ich habe bei der Lufthansa mit Kollegen aus 30 Nationen gearbeitet", sagt sie. "Kanada ist ein Einwanderungsland. Trotzdem gibt es eine angelsächsische Basiskultur. Und wir reden davon, dass wir unsere verlieren, wenn wir zwei Millionen Flüchtlinge aufnehmen."

Bei ihren Reisen sei ihr eines aufgefallen: Den Deutschen gehe es gut. In Kanada unterschrieb sie einen Arbeitsvertrag, in dem von drei Tagen Urlaub die Rede war. "Ich sagte: Entschuldigung, da fehlt eine Null − aber es war so."

Wölfle kommt aus einer sozialdemokratisch geprägte Familie. "Bei uns zu Hause wurde immer politisiert, ich fand das toll." In der Schule bekam sie mit, wie Gastarbeiterkinder ausgegrenzt wurden. "Ich fand das schlimm. Meine Mutter sagte immer: Du hast einen sozialen Fimmel." Wölfle engagierte sich im Jugendhaus, organisierte Discos und diskutierte in Vorstandsteams.

Juso war sie nie. Der SPD trat sie 1986 bei − und beim Auswandern wieder aus. Die Ehe mit dem Kanadier scheiterte, über Düsseldorf kam Wölfle zurück ins Elztal und machte sich selbstständig, verkaufte Reisen, ihre Kunden fand sie per Mundpropaganda.

Sie trat wieder in die SPD ein, wurde Ortsvereinsvorsitzende, Mitglied im Landesvorstand und Stadträtin. Die frühere Landtagsabgeordnete Marianne Wonnay heuerte sie in Teilzeit als Pressereferentin an. Vielleicht mit Hintergedanken. "Sie überlegte aufzuhören und fragte mich, ob ich mir das vorstellen könne. Ich habe lange mit meinem Mann gesprochen und gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Bei der Nominierungsversammlung hatte sie zwei Gegenkandidaten. Männer. "Es war nicht einfach", sagt Wölfle. "Frauen wählen nicht automatisch Frauen. Mein jüngster Sohn war zwölf. Viele haben gesagt: Was macht die dann mit ihrem Kind? Mein Mann hat sich dann hingestellt: Das kriege ich hin." Sie lacht. Wölfle wurde gewählt. In eine Regierungsfraktion. "Das hat mich überrascht, ich war auf Opposition gepolt", sagt die 56-Jährige. Jetzt will sie es wieder wissen. Wölfle: "Ich habe gute Chancen."

Autor: Patrik Müller