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15. Mai 2010
"Eine Chance für jeden"
Tag des Ausbildungsplatzes: Die Firma Schütte-Wicklein bekommt Lob für ihr Konzept.
HERBOLHZEIM. Nirgendwo in Baden-Württemberg werden mehr Dachdecker und Blechner ausgebildet als bei der Dach- und Fassadenbaufirma Schütte-Wicklein in Herbolzheim. Als am Tag des Ausbildungsplatzes eine Delegation von Stadt, Landkreis und Agentur für Arbeit das Unternehmen besuchte, trafen sie jedoch nur einen einzigen Handwerker-Lehrling. Die anderen arbeiteten fleißig auf nahen und fernen Baustellen, derweil die Gäste am Firmensitz Herbolzheim Chef Ralf Wicklein für sein Ausbildungskonzept lobten.
Jedes Jahr macht sich die Delegation auf zu einem Betrieb, der sich ihrer Meinung nach vorbildlich in der Ausbildung engagiert. Sie wollen dadurch nicht nur das Unternehmen der Öffentlichkeit vorstellen, sondern auch das Thema Ausbildung in den Fokus rücken und für neue Ausbildungsplätze werben. Diesmal waren Bärbel Höltzen-Schoh (Vorsitzende der Geschäftsführung Agentur für Arbeit Freiburg), Landrat Hanno Hurth, Thorsten Kille von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft und Herbolzheims Bürgermeister Ernst Schilling dabei.Werbung
Der Stolz steht dem geschäftsführenden Gesellschafter Ralf Wicklein ins Gesicht geschrieben, als er die Zahlen verkündet: Acht angehende Dach-, Wand- und Abdichtungstechniker, sechs Blechner und zwei Bürokaufleute lernen zur Zeit in seinem Betrieb. Damit kommen 16 Auszubildende auf insgesamt rund 90 Mitarbeiter. Im Landkreis Emmendingen gibt es durchaus Firmen, in denen die Quote noch höher liegt. Auf das Dachdecker- und das Blechnergewerk bezogen ist die Zahl von 14 Auszubildenden jedoch außergewöhnlich hoch. "Wir geben jedem Bewerber eine Chance. Auch demjenigen, der nirgendwo anders unterkommt", betont Wicklein. Für diesen Ansatz sei das Unternehmen mittlerweile bekannt. Jedoch müssen sich die Auszubildenden an Absprachen halten. Wer zum Beispiel Drogen konsumiere, bekomme vier Monate Zeit, davon loszukommen.
Ungewöhnlich ist auch, wie viel Wicklein den Auszubildenden zutraut. Seit einem Jahr schickt er sie auf Lehrlingsbaustellen, an denen sie eigenverantwortlich ein Projekt von Anfang bis Ende realisieren. Zur Zeit ist Bauleiter Kai-Uwe Neugebauer mit einer Gruppe in Heitersheim im Einsatz, wo ein neues Museumsgebäude entsteht. Wicklein hat die Lehrlingsbaustellen nicht ohne Eigennutz eingeführt: "Ich bin zuversichtlich, dass da Top-Leute bei herauskommen", versichert er. Die Auszubildenden lernen auf diese Weise besonders schnell, fügt er hinzu.
Kille und Hurth nutzen die Gelegenheit, um bei Wicklein für das Modell der gestuften Ausbildung zu werben, bei dem die Lehrlinge schon nach zwei Jahren einen Berufsabschluss erreichen können und danach die Möglichkeit haben, noch darauf aufzubauen. Beim Rundgang durch die Firma lernen die Besucher Michael Zakrent kennen, der in seinem ersten Lehrjahr ist. Konzentriert zeichnet der 17-Jährige Markierungen auf eine sogenannte Dachhaut aus Kunststoff. Das handwerkliche Geschick, die wichtigste Voraussetzung für den Beruf, liegt in der Familie: Sein Vater und sein Bruder seien Dachdecker, da habe auch er sich dafür entschieden. Eigentlich geht Zakrent lieber auf Montage, als mit Stift und Lineal Linien zu ziehen. Er erzählt schüchtern lächelnd, dass die Arbeit ihn schon bis auf eine Baustelle in Berlin gebracht habe.
Es gibt jedoch auch Arbeiten, die der Auszubildende bei Schütte-Wicklein nicht lernt, denn der Betrieb ist stark spezialisiert. "Wir verstehen uns nicht als traditionelles Handwerksunternehmen", betont Wicklein. Denn anstatt Wohnhäuser mit Ziegeln einzudecken, arbeiten die Herbolzheimer Handwerker an Industriebauprojekten, die im Schnitt eine Dachfläche von 500 bis 10 000 Quadratmetern haben. Unterschiedlichste Metalle, Kunststoffe und Bitumen, Beton und Stein kommen dort zum Einsatz.
Bei all dem Erfolg des Unternehmens gibt es allerdings ein Manko. Unter den Handwerkern findet sich noch keine einzige Frau. Der Firmenchef kann sich zwar vorstellen, am besten gleich mehrere weibliche Auszubildende auf einmal einzustellen."Die müssten allerdings wirklich tough sein", gibt er zu bedenken. Will sagen: Auf dem Bau braucht Frau neben körperlicher Kraft ein dickes Fell.
Autor: Friederike Marx
