"Es könnte mir besser gehen"

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Von mzd, cch, gkv & hü

Di, 15. März 2016

Kreis Emmendingen

Am Morgen nach den Wahlpartys fällt die Bilanz der Landtagskandidaten unterschiedlich aus – richtig glücklich ist keiner.

KREIS EMMENDINGEN. Zittern, hoffen, rechnen, jubeln, fluchen: Der Sonntag war für die Landtagskandidaten eine aufreibende Sache. Markus Zimmermann, Christel Hülter-Hassler, Georg Voß, Ilona Hüge und Patrik Müller haben sich umgeschaut und umgehört – am Wahlabend und am Tag danach.

Grüne

Der Kandidat lässt sich spät blicken, will die ersten Hochrechnungen im stillen Kämmerchen abwarten. In Ruhe nachdenken. Rund 20 Minuten nach Schließung der Wahllokale betritt Alexander Schoch schließlich die Weinstube "Der Grieche" in Waldkirch. Die Gäste applaudieren brav, von überschwänglicher Freude ist wenig zu spüren: Die Grünen haben die Wahl gewonnen – trotzdem scheint die Enttäuschung groß zu sein, dass das Rekordergebnis die Verluste der SPD nicht wettmachen kann.

Schoch setzt sich und stärkt sich erst mal mit griechischen Speisen. Er zeigt sich zuversichtlich: "Mein Ergebnis lag immer über dem der Partei im Land", sagt er. Kurz vor 20 Uhr steht fest: Er hat es geschafft, er hat das Direktmandat gewonnen und den Wahlkreis Emmendingen der CDU abgejagt. "Ich bin glücklich über ein gutes Ergebnis", sagt er – aber auch, dass das gute Abschneiden der rechtspopulistischen AfD seine Stimmung drücke. "Das ist ein blödes Gefühl", sagt er am Tag nach der Wahl. "Es ist positiv, dass die AfD hier unter dem Landesschnitt liegt. Das Ergebnis ist aber noch hoch genug."

Dass der Wahlkreis Emmendingen jetzt nur noch zwei statt drei Abgeordnete stellt, ist für Schoch ein Verlust. "Wir haben toll zusammengearbeitet, auch überparteilich, zum Beispiel beim Ausbau der B 294", erklärt der 61-Jährige.

CDU

In Endingen prallen am Sonntag zwei Welten aufeinander: Draußen tummeln sich die gut gelaunten Besucher des Blütensonntags, im Nebenzimmer des Gasthauses Engel herrscht Schockstarre. Marcel Schwehr sitzt steif am Kopf des langen Tisches in der Mitte des Raumes, Auf dem Nebentisch liegt ein in Papier eingewickelter Blumenstrauß, den niemand ins Wasser gestellt hat. "Wichtig ist, dass es der Marcel schafft!", sagt Matthias Löffler. Der 30-jährige Endinger zeigt um 18 Uhr noch Zuversicht. Als gegen 19 Uhr die ersten Zahlen die Runde machen, kippt die Stimmung. CDU-Mitglied Yannick Winkler unterbricht die Sendungen des SWR fast im Minutentakt mit Wahlergebnissen aus den Kreisgemeinden. Es sind Hiobsbotschaften, die Marcel Schwehr Böses ahnen lassen. Der muss den Schock erst verdauen, bevor er Statements abgibt. Er redet wenig. Am Ende zeigt er sich als getroffener, aber fairer Verlierer: Er steht auf und bedankt sich bei allen mit sehr persönlichen Worten für ihre Unterstützung. Trotz der herben Niederlage, sagt er, stehe er nach wie vor hinter der Politik der Bundeskanzlerin.

"Es könnte mir besser gehen", sagt er am Morgen danach am Telefon. Der Grund für die Niederlage? "Wir kamen mit landespolitischen Themen nicht durch – und der amtierende Ministerpräsident Kretschmann war bis tief in unsere Kreise hinein sehr beliebt." Der Wahlkampf sei sehr polarisiert gewesen, sehr auf das Thema Flüchtlinge zugeschnitten. Der 49-jährige Endinger Schwehr steht nach zwei Amtszeiten ohne Mandat da – und ohne Job. "Das muss sich jetzt erst mal setzen", sagt er. "Dann werde ich weiterschauen."

SPD

Die Stimmung im Emmendinger Shamrock schwankt zwischen Fassungslosigkeit und Entsetzen. Einige üben sich in Galgenhumor: Die SPD, sagen sie, habe die Fünfprozenthürde souverän übersprungen, der SC Freiburg drei Punkte geholt. Auch der Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sie zählt drei Gründe auf für den Stimmenverlust: die Unzufriedenheit über die Flüchtlingspolitik, die Kannibalisierung durch die Grünen, der Erfolg der AfD. "Die Stimmung am Wahlstand war immer positiv", sagt sie noch.

Gegen 22.30 Uhr erfährt sie, dass es doch noch gereicht hat. Ihr Handy klingelt, ein Bekannter aus Stuttgart meldet sich. "Ich habe trotzdem gewartet, bis das Ergebnis auf der Internetseite des Statistischen Landesamtes steht", erzählt sie am Morgen danach. "So etwas will man Schwarz auf Weiß sehen." Die Genossen gratulieren ihr. Richtig freuen kann sie sich nicht: "Ich habe mehr als zehn Prozentpunkte verloren." Unklar ist, wie es weitergeht im Land. "Die Stimmung ist momentan in der Partei eher so, dass wir sagen: Wir wollen keine Regierungsbeteiligung", erklärt sie.

FDP

"Die Hürde liegt höher, aber die Basis ist gut", sagt FDP-Kandidat Norman Schuster bei seiner Wahlparty im Kenzinger Gasthaus Engel. Die erste Sorge ist schnell weg: Die FDP schafft die Fünfprozenthürde, zieht ins Parlament ein. Dafür aber steigen die Anforderungen an Schusters Ergebnis, um einen der Sitze zu bekommen. In seiner Heimatstadt Kenzingen hat er gut abgeschnitten, im benachbarten Weisweil sieht es schon anders aus, hat er am Telefon erfahren. Die Gäste seiner Wahlparty strahlen: "Gut gemacht", lobt einer. Am Ende des Wahlabends strahlen die Wunderkerzen der großen Torte für die FDP. Sie glänzen "Für die Freiheit" – das steht auf der Torte.

"Ich habe gerechnet: 943 Stimmen haben zum Zweitmandat gefehlt", sagt Schuster am Morgen danach. Der Kandidat zieht trotzdem ein positives Fazit: "Wir haben der FDP zu neuem Leben verholfen – und ich habe mich für einen Newcomer gut geschlagen", erklärt er.

Die Linke

Am Tag nach der Wahl muss er sich beschimpfen lassen. Alexander Kauz ist im Emmendinger Bürkle-Bleiche unterwegs und hängt Plakate ab, ein Pkw rollt langsam näher. "Eine Frau hat gerufen: Hängt eure Scheißplakate ab und verpisst euch", erzählt Alexander Kauz."Das ist der Stil, der uns manchmal begegnet. Das geht nicht nur uns Linken so, auch Leute aus der SPD wurden beschimpft."

Er sitzt im Emmendinger Schlosskeller. Dort hat die Wahlparty stattgefunden, am Tag danach hilft er beim Aufräumen. In einer kurzen Pause analysiert er das Ergebnis. "Es ist uns nicht gelungen, zwischen einer starken grünen Partei und einer rechten rassistischen Welle unsere Inhalte an die Menschen zu bringen", sagt er. "Wir konnten hier im Kreis in vielen Gemeinden zulegen – aber nicht so stark, wie ich es mir erhofft habe."