"Es machte buff – und sie waren vorbei"

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Do, 25. April 2013

Kreis Emmendingen

Im Raserprozess beschreiben die Zeugen, wie sie die Fahrt der beiden Männer und den schrecklichen Unfall auf der B 3 nördlich von Denzlingen erlebt haben.

EMMENDINGEN/FREIBURG. Der heute 51-jährige Zeuge aus Waldkirch, der an diesem Tag im Raserprozess aussagt, hat am 23. Januar 2012 auf der Heimfahrt von der Arbeit in Freiburg das Glück gehabt, das einer 27-jährigen Frau versagt geblieben ist: Auf der B 3 sieht er bei der Abzweigung nach Waldkirch aus der Unterführung plötzlich einen Feuerball direkt auf sich zukommen. Er hat keine Zeit darüber nachzudenken, was das sein könnte. Er muss ausweichen. Auf der rechten Seite versperrt die Leitplanke den Fluchtweg. Also lenkt er nach links, in den Zwickel der Abbiegespur nach Emmendingen. In diesem Moment fliegt "das Ding" schräg vor seiner Frontscheibe über sein Auto. Er hört Gegenstände auf die Karosserie prasseln. Im Rückspiegel sieht er ein Feuer im Straßengraben. Kein Auto folgt ihm mehr auf der B 3.

Was den Zeugen an diesem Tag, übrigens seinem Geburtstag, knapp überflogen hatte, war kein außerirdisches Ding, sondern ein 670 PS starker Audi RS 6. Er war aufgrund viel zu hoher Geschwindigkeit aus der Rechtskurve der Gegenfahrbahn geraten und über dem dort in die Erde abgesenkten Leitplankenbeginn auf die Gegenfahrbahn in den Kleinwagen einer 27-jährigen Frau katapultiert worden. Die Frau und der 38-jährige Fahrer des Audis waren auf der Stelle tot.

Zeuge zog den Angeklagten vom brennenden Wrack weg

Der Zeuge war damals "fertig gewesen", wie er sagte: "Eine Sekunde früher, alles wäre vorbei gewesen." Nach einem kurzen Halt an der Tankstelle war er nach Hause gefahren und hatte dann die Polizei angerufen. Am Morgen sah er, dass sein Wagen ölverschmiert und von einigen Gegenständen getroffen worden war.

Ein 45-jähriger Autofahrer wurde Augenzeuge vom Aufprall des brennenden Audis auf den Opel Corsa direkt vor ihm: "Ich konnte gerade noch anhalten." Der Zeuge, dessen Wagen ebenfalls durch herumfliegende Trümmer schwer beschädigt worden war, kümmerte sich um einen Mann, der über die Straße zu dem lichterloh brennenden und auf dem Dach liegenden Audi rannte. Es handelte sich dabei um den jetzigen Angeklagten. Der wollte seinen "Bruder" aus dem Wagen ziehen. Das ging wegen der großen Hitze nicht mehr. Der Zeuge zog den total aufgeregten Mann zurück. Der rannte anschließend über die Fahrbahn und die Mittelleitplanke auf die andere Straßenseite. Auf die Frage, ob der Angeklagte damals den brennenden Opel Corsa gesehen habe, antwortete der Zeuge: "Ich meine, er hat den Corsa gar nicht gesehen, er war fixiert auf seinen Bruder."

War der wuchtige Zusammenstoß des Audis mit dem Opel das tödliche Ende eines illegalen Wettrennens zwischen zwei Freunden im Feierabendverkehr? Vor der Schwurgerichtskammer muss sich der Angeklagte, ein 25-jähriger Zeitsoldat aus Müllheim, verantworten. Vorsätzlicher Totschlag, das ist der Vorwurf gegen ihn als Lenker des zweiten Autos, eines 500 PS kräftigen Nissans. Der Grund: Er habe bei einer Wettfahrt mitgemacht und trage deshalb Verantwortung für den tödlichen Ausgang. Er selbst hat ein Rennen verneint.

Infernalischer Lärm der Motoren fiel allen auf

Zahlreiche Augenzeugen sehen das anders. Übereinstimmend berichten diejenigen, die zwischen Wasser und der Unfallstelle überholt worden sind, dass sie heftig erschraken. "Sind das Verrückte, fahren die ein Rennen?", hatte eine Zeugin ihren Beifahrer gefragt. "Es machte buff − und sie waren vorbei", erinnerte sich eine andere Zeugin und fügte an: "Ich habe gedacht, das geht nicht gut." Alle Zeugen sagen übereinstimmend, dass die beiden Wagen extrem schnell und ohne Sicherheitsabstand hintereinander her gefahren seien.

Die vom Nissan und Audi verursachte Druckluftwelle bei bis zu 226 Stundenkilometern − eine Black Box im Nissan hat das Tempo aufgezeichnet − war so heftig, dass sie sogar Fahrer in Fahrtrichtung Emmendingen deutlich spürten. Allen Zeugen war der infernalische Lärm der Motoren aufgefallen. Ein Zeuge, offensichtlich ein Mann mit Fachkenntnissen, erklärte: "Das war ein Volllastgeräusch. Am Abgasgeruch konnte ich erkennen, dass die Motoren im Volllastbereich fuhren."

"Empfinden Sie Schuld, sehen Sie eine Verantwortung an dem Tod der beiden Menschen?" Diese Frage stellte Philipp Rinklin, einer der beiden Anwälte der Mutter der getöteten Frau, dem Angeklagten am ersten Verhandlungstag. Der antwortete: "Klar tut es mir sehr, sehr leid. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Glauben Sie, ich bin ein Mensch, dem alles scheißegal ist?" Und dann brach es aus ihm hervor: "Wenn ich könnte, am liebsten würde ich sie (die Mutter, Anmerk. d. Red.) in den Arm nehmen, weil es mir genauso weh macht." Dabei kämpfte der 25-Jährige mit Tränen.

Am Donnerstag, 2. Mai, werden weitere Zeugen gehört werden.