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21. Juli 2008 12:18 Uhr

Eruptive Klangteppiche in der Emmendinger Maja

Kafkas "Prozess" wird zum Musikerlebnis

Eine Gruppe experimentierfreudiger Musiker wagte sich auf ungewohntes Terrain und setzte Kafkas Werk in Töne um.

  1. Innovatives Musikprojekt in der „Maja“ Foto: Frank Berno Timm

Viel braucht Isabel Eichenlaub nicht. Zum Violoncello hat sie in die "Maja" an der Steinstraße ein bisschen Technik mit gebracht, mit der sie die Klänge ihres Instruments ad hoc vervielfachen und verfremden kann. Dazu eine kleine Holzkiste, Mikro und ein Paar Pumps, die sie als Schlaginstrumente einsetzt; ab und an erhebt sie sich, singt, spricht zu ihrer Musik. "Wolkenschuhzeit" heißt ihr Vorprogramm zum eigentlichen Kafkaabend – Eichenlaub spielt, rhythmisch virtuos, im Vergleich zum Kommenden sehr tonal, fast eingängig improvisierend ein halbes Dutzend Nummern. Schubladen passen überhaupt nicht – ihre Musik hat von allem etwas: Singer-Songwriting auf Französisch und Deutsch, Rock'n Roll, fast Pop, kurz: Isabel Eichenlaub. Was sie macht, ist heiter und angenehm im besten Sinn – und dennoch nie belanglos. Allenfalls die aufwändige Bedienung diverser Fußtasten wünschte man sich eleganter geregelt.

"Zimmer in sich" heißt der Hauptteil des Programms in der "Maja": Frank Goos (Mundharmonika, Saxophone, Bassklarinette), Julius Helm (Gitarre), Mikko Huotari (Keybords), Tomppu Huotari (Elektronik) und Silvester Hösslin mit Sprachaufnahmen aus dem Off unternehmen eine musikalische Reise durch Franz Kafkas "Prozess". Schade, dass dieser Abend, von wenigen Ausnahmen im Publikum abgesehen, offensichtlich weitgehend in vertrauter Runde stattfindet. Unglücklich für die Veranstalter, dass im benachbarten "Theater am Steinbruch" zeitgleich eine Aufführung stattfand – eine bessere Koordination hätte sicher Vorteile gebracht.

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Kafka hat keine leichte Kost zu bieten. Schon die Lektüre weniger Seiten seines Romans lässt ein Gefühl der Beklemmung aufkommen. Minutiös beschreibend lässt Kafka aus dem zunächst völlig normal wirkenden Alltag die Katastrophe, das ungeheuere Ereignis, entstehen. Unwillkürlich beschleicht einen bei der Lektüre das Gefühl, keinesfalls in solche Situationen kommen zu wollen – Kafka zeigt aber, wie leicht es passieren kann, dass das eigene kleine Leben völlig aus den Fugen gerät.

Genau diesem Gefühl gibt die Kafka-Gruppe Raum. Um die (weitgehend) aus dem Off gesprochenen "Prozess"-Zitate werden Klangteppiche gelegt, die zumeist alles andere als schön im herkömmlichen Sinn sind. Nervöses, aufgeregtes Trommeln, dröhnendes Rauschen, brutale Keyboardtöne. Hoffnung ist nur selten, eigentlich so gut wie überhaupt nicht zu haben. Fast wirkt es so, als verließen die Akteure das, was das geübte Ohr mit dem Wort Musik verbindet – Verzweiflung, Wut, Ohnmacht entladen sich auf vielfache Weise. Die fünf Musiker liefern eine absolut überzeugende Ensembleleistung auf hohem Niveau.

Im Lauf des Abends ist allerdings nicht immer klar, ob ein Knistern in der Anlage zum Konzept gehört oder Hinweis auf technische Schwierigkeiten ist. Kurz vor Ende fällt die Technik offensichtlich aus: Keyboarder Mikko Huotari übernimmt das Lesen einiger Kafka-Zeilen selbst.

Gut, dass das Publikum mit einem Libretto ausgestattet war, also "mitlesen" konnte. Ergänzende Bemerkungen, auf wen das Konzept der sprachlichen Verfremdungen zurückging und wie man zum – gewiss überzeugenden – Gleichgewicht aus Improvisation und "Sprachkonserve" fand, wären kein Fehler gewesen. Dies schmälert aber keinesfalls den Gesamteindruck. Am Ende begeisterter Beifall.

Autor: fbt