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25. Februar 2016 09:11 Uhr

Infoabend

Neue Bürgerinitiative warnt vor Lärm an Kaiserstuhlbahn

Im Kreis Emmendingen befürchten Anwohner der Kaiserstuhlbahn, dass deren Modernisierung für Lärm-Probleme sorgt – so wie vor wenigen Jahren im Münstertal. Deshalb hat sich eine Bürgerinitiative gebildet.

  1. Die Zukunft des Schienenverkehrs am Kaiserstuhl? Der „Talent 2“ (hier am Bahnhof Endingen vor dem Einsatz auf der Münstertalbahn geparkt) oder technisch vergleichbare Fahrzeuge sollen es nach dem Willen von Bürgerinitiativen und Landespolitikern aus dem Kreis nicht sein. Foto: Archivfoto: Martin Wendel

  2. Infoabend zur Elektrifizierung der Kaiserstuhlbahn: Rund 120 Zuhörer kamen am Dienstagabend ins Endinger Bürgerhaus. Foto: Martin Wendel

Die Kaiserstuhlbahn soll in den nächsten Jahren elektrifiziert werden – als ein Baustein im Gesamtprojekt Breisgau-S-Bahn 2020. Doch viele Bürger, insbesondere unmittelbare Bahnanlieger, fürchten Lärm- und Erschütterungsprobleme wie an der Münstertalbahn. In Endingen hat sich eine Bürgerinitiative (BI) gebildet, die am Dienstag zu einem Infoabend eingeladen hatte – mit landespolitischer Beteiligung. Am Ende waren sich Bürger und Politiker einig, gemeinsam für den Einsatz geeigneter Fahrzeugtechnik zu kämpfen. Die SWEG hatte eine Teilnahme an der Veranstaltung abgelehnt.

Die Ausgangslage
Der Bahnverkehr rund um den Kaiserstuhl soll von Diesel- auf Elektrotriebwagenbetrieb umgestellt werden. Moderner und schneller soll der Schienennahverkehr werden – und bequemer. Kürzere Taktzeiten und durchgehende Züge statt Umsteigen – das Konzept verspricht klare Verbesserungen für die Fahrgäste. Doch vielerorts fürchten die Anwohner, dabei unter die Räder zu kommen. Der Grund: Massive Probleme mit Lärm und Erschütterungen im Münstertal. Dort wurde der Bahnbetrieb bereits 2013 elektrifiziert, doch die versprochene und erhoffte Minderung des Bahnlärms fand nicht statt – im Gegenteil. Die dort von der SWEG eingesetzten Züge vom Typ "Talent 2" sind in der Praxis vor allem in den engen Kurven der Münstertalbahn deutlich lauter als die zuvor eingesetzten Dieseltriebwagen.

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Starre Achsen, starke Reibung
Die Ursache ist nach Ansicht von Experten in der Fahrzeugtechnik zu suchen. Der "Talent 2" verfügt über Jakobs-Drehgestelle mit starren Achsen und Stahlvollräder. Ein vom Zweckverband Regio-Nahverkehr Freiburg (ZRF) in Auftrag gegebenes Schallgutachten bestätigt, was die Bürger beklagen: Der Bahnlärm hat zugenommen. Hörproben davon gibt es am Dienstagabend fürs Publikum. Die von den Gutachtern empfohlenen Änderungen an den Fahrzeugen erfolgen nicht; statt dessen werden Schienen in Kurvenbereichen geschliffen und geschmiert, um Reibung und damit Lärm zu reduzieren – nach Aussagen der Kritiker mit nur mäßigem Erfolg. Aus der "Pilotstrecke" für die Elektrifizierung sei eine "Referenzstrecke der Probleme" geworden, zitiert Ilga Richter von der Bürgerinitiative Münstertalbahn einen ZRF-Insider. Gemeinsam mit Christian Hausmann stellt sie an diesem Abend die Erfahrungen der Münstertäler vor, gratuliert zur BI-Gründung und ruft zum gemeindeübergreifenden Einsatz für bessere Zugtechnik auf.



"Unzumutbarer Lärm"
"Wir sind für die Elektrifizierung und wollen den Erfolg für das Projekt, aber wir wollen nicht die Probleme wie im Münstertal", umreißt Lothar Meyer von der vor wenigen Tagen gegründeten Bürgerinitiative Kaiserstuhlbahn die Situation. Die im Münstertal gemachten Fehler dürften sich am Kaiserstuhl nicht wiederholen, denn "Lärm macht krank". Unzumutbaren Lärm – vor allem nachts – beklagen die Anlieger des Bahnhofsbereichs in Endingen schon seit Jahren. Was ihnen schon heute zugemutet wird, verdeutlicht die Initiative mit Videos vom nächtlichen Rangierbetrieb. Laut ihren Messungen liegt der Lärm weit über den zulässigen Werten. Meyer: "Mit diesem Problem wollen wir nicht mehr leben." Mit den Elektrozügen befürchte man im Rangierbetrieb noch mehr Lärm, weshalb der Betriebshof zwingend raus müsse aus dem Wohngebiet. Dass die Stadt dafür schon Vorsorge getroffen hat, macht Bürgermeister Hans-Joachim Schwarz deutlich. Ob es aber dazu komme, hänge vom künftigen Betreiber und dessen Standortanforderungen ab. Der Betriebshof müsse ja nicht zwingend in Endingen liegen.

Streit um Grenzwerte
Doch welche Grenzwerte gelten, ist umstritten. Die SWEG sehe das Rangieren und Bereitstellen der Züge schon bisher als Teil des Fahrbetriebs, der lauter sein darf, erfahren Landespolitiker und Zuhörer. Für Thomas Wisser, ZRF-Geschäftsführer und an diesem Abend unter den Zuhörern, steht dagegen fest, dass nach geltender Rechtslage Elektrozüge in Endingen nicht abgestellt werden können. Denn deren Systeme verursachen – anders als bei Dieseltriebwagen – auch dann Lärm, wenn der Zug abgestellt ist. Das Abstellkonzept muss nach Wissers Einschätzung verhindern, dass in der Nähe von Wohnbebauung abgestellt wird. Das Thema Abstelllärm sei Teil des laufenden Planfeststellungsverfahrens zum Infrastrukturausbau durch die SWEG als Eigentümerin der Strecke. Hier werden auch die Bürger gehört, beim bevorstehenden Vergabeverfahren für den künftigen Betrieb dagegen nicht.

Eine Frage der Technik
Welche Fahrzeuge nach der Elektrifizierung rund um den Kaiserstuhl fahren werden, hängt vom Betreiber ab. Der wird für Kaiserstuhl-, Elztal- und Münstertalbahn zuständig sein, denn alle drei Strecken werden laut Auskunft des Verkehrsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der CDU gemeinsam ausgeschrieben. Deshalb fordern die Bürgerinitiativen vom Land klare Vorgaben bei der Ausschreibung zur Fahrzeugtechnik. Es müsse verhindert werden, dass Züge eingesetzt werden, die aufgrund ihrer Konstruktion für kurvenreiche Strecken gar nicht geeignet sind. Das Problem dabei: Viele Fahrzeugbauer setzen aus Kostengründen auf die Jakobs-Drehgestelle. Gefragt, ob das Land aufgrund des Lärmproblems Fahrzeuge ohne diese Technik fordere, teilte das Ministerium lediglich mit, die Anforderungen an die Lärmemissionen im Vergabeverfahren würden mit den Bewerbern entsprechend des Standes der Technik abgestimmt.

Land verweigert Einblick
Das ist nicht nur den Bürgern zu wenig. Auch die Landtagsabgeordneten Marcel Schwehr (CDU), Sabine Wölfle (SPD) und Alexander Schoch (Grüne) sowie FDP-Kandidat Norman Schuster fordern vom Verkehrsministerium klare Vorgaben bei der Ausschreibung, unabhängig von Fragen der Wirtschaftlichkeit für die Unternehmen, um ungeeignete Technik zu verhindern. Die passende Technik existiere ja, verweist Schuster auf Schweizer Züge, die auch auf deutschen Strecken verkehren. Schwehr berichtet, man verweigere ihm "aus wettbewerbsrechtlichen Gründen" den Einblick in die Vergabekriterien – nicht nur für ihn eine inakzeptable Situation. Man werde wie schon beim Thema Rheintalbahn parteiübergreifend in der Region zusammenarbeiten, versichert Wölfle. "Politisch brennt bis Herbst nichts an", bremst Thomas Wisser die längere Debatte darum, inwieweit die Landtagswahl den Vorstoß aus der Region behindern könnte.

Misstrauen
Die mangelnde Transparenz im Vergabeverfahren ist nicht der einzige Punkt, der für Misstrauen gegenüber dem Land sorgt. Laut einem Internetportal für Ausschreibungen im Schienenverkehr hat die SWEG mit Blick auf Bewerbungen um Betriebsaufträge eine Rahmenvereinbarung über 90 Elektrotriebzüge mit einer Option für weitere 40 Fahrzeuge geschlossen. Ihr Partner: die Firma Bombardier, Hersteller des "Talent 2". Für Skepsis sorgt auch eine Aussage des Verkehrsministeriums. Auf CDU-Anfrage, welche Konsequenzen man aufgrund der gutachterlichen Erkenntnisse zum "Talent 2" auf kurvenreichen Strecken ziehe, heißt es: "Die wesentliche Erkenntnis ist, dass es bisher keine ausreichenden gesetzlichen Lärmvorgaben für Kurvenfahrten gibt." Bei künftigen Vergaben werde man über den gesetzlichen Rahmen hinausgehende verschärfte Vorgaben machen, "sofern diese wirtschaftlich darstellbar sind, technisch und zeitgerecht umgesetzt werden können und nicht zu einer Einschränkung des Wettbewerbs unter den Herstellern führen".

Weitere Infos zum Thema auch unter bsb2020.de, bimuenstertalbahn.de und bi-kaiserstuhlbahn.de

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Autor: Martin Wendel