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25. April 2009

"Patientenwohl steht oben"

Vortrag von Professor Giovanni Maio über das Gesundheitswesen und die Gesetze des Marktes.

EMMENDINGEN. Überaus kritisch hat sich Professor Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Freiburg, zur marktwirtschaftlichen Orientierung im Gesundheitswesen geäußert. Medizin dürfe nicht auf die Anwendung von Technik reduziert werden, sagte der Wissenschaftler am Mittwoch vor Medizinern aus dem Landkreis. Nötig sei ein Gegenüber, "das im Kranken eine einzigartige Person erblickt".

Wie gut tut die marktwirtschaftliche Orientierung der Medizin? Kann ein Patient Kunde, das Angebot der Mediziner die Ware sein? Professor Maio skizzierte in seinem Referat im Hotel Windenreuter Hof Antworten, die aktuellen Akteuren der Gesundheitspolitik kaum gefallen dürften. Veranstalter waren der Kreisverein der Ärzte und der Hartmannbund.

Man müsse sich fragen, was das für eine Gesellschaft sei, die alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ausrichte, so Maio. Im Gesundheitswesen hätten "zunehmend nichtärztliche Entscheidungsträger das Sagen". Dass ökonomisches Denken identitätsstiftend werde, müsse man "kritisch hinterfragen". Um Altruismus geht es nicht: Was Ärzte täten, sei "existenziell notwendig" und müsse entsprechend honoriert werden. Medizin gänzlich ohne ökonomisches Denken sei unmöglich, sie würde Verschwendung Vorschub leisten. "Jeder Bürger hat ein Recht darauf, dass Geld sinnvoll eingesetzt wird", so der Professor.

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Der Wissenschaftler machte klar, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient nicht die eines Kunden zum Anbieter sein könne. Patienten seien auf den Arzt angewiesen. "Die ärztliche Antwort kann nur im Schutz und nicht in der Ausbeutung liegen", das Arzt-Patienten-Verhältnis lasse sich nicht auf ein sachliches Vertragsverhältnis reduzieren. Das Wettbewerbsdiktat der Politik ist für Maio die Unterhöhlung seiner Vorstellung vom Arztsein. Vertrauen, fügte Maio hinzu, "wird sich nicht einklagen lassen"; es sei aber "entscheidend für die Genesung". Die Implementierung marktwirtschaftlicher Kriterien bedeute die Ignorierung ethischer Grundlagen.

Dass Maios Diagnose im Bezug auf die Frage, ob die Arbeit der Ärzte als Ware verstanden werden kann, ähnlich ausfiel, war nicht überraschend. Das Entwickeln von Behandlungsplänen sei nicht nur die Anwendung einer Technik, sondern ein Akt der Hilfe. Der Wert des Dienstes am Menschen (Caritas) könne nicht im Begriff der Ware aufgehen, es bestehe die Gefahr, "dass die Medizin auf die Anwendung von Technik reduziert wird". Für Maio brauche es aber "ein Gegenüber, das im Kranken eine einzigartige Person erblickt". Dabei seien die Ziele des Marktes und die der Medizin "grundsätzlich unvereinbar".

Maio plädierte dafür, das Wohl des Patienten wieder an die erste Stelle zu rücken. Es gehe um eine sinnvolle Rangfolge, der Markt habe darin eigentlich bloß eine dienende Funktion. "In der Realität ist das umgekehrt, das ist das Problem," stellte Maio fest. Gegenwärtig werde die Medizin in existenzielle Engpässe getrieben. Eine Medizin, die nur noch Markt wäre, so Maio, "wäre für Gesunde". Medizin könne sich aber "der Verpflichtung für das Wohl der Kranken nicht entziehen".

Die sich anschließende, lebhafte Debatte im Kreis der Mediziner zeigte, dass die Änderung solcher Zustände schwer ist. Patienten wollten vor allem gesund gemacht werden, hieß es. Zu viele hätten sich zwischen Arzt und Patient geschoben. Zu sehr werde mit dem Scheckheft "herumgespielt". Ob Maios Vorschlag, den Abend als Impuls zu nehmen, Niederschlag finden wird, bleibt abzuwarten.

Autor: Frank Berno Timm