"Stinknormale" Beziehung?

Georg Voss

Von Georg Voss

Sa, 13. Juni 2015

Kreis Emmendingen

VOR GERICHT: Aussage steht gegen Aussage im Prozess um Körperverletzung und Vergewaltigung.

EMMENDINGEN. Dritter Verhandlungstag vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Emmendingen wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und Körperverletzung. Angeklagt ist ein 55-jähriger Versicherungskaufmann, der mit einer Frau aus dem Landkreis eine Fernbeziehung unterhielt und diese bei einem Besuch im März 2014 in ihrer Wohnung geschlagen, gewürgt und verletzt habe, so die Anklage. Er soll sie vergewaltigt haben, obwohl sie krank war. Es steht Aussage gegen Aussage.

Während am ersten Verhandlungstag der Angeklagte, die ersten Zeugen und die Frau in nichtöffentlicher Sitzung vernommen wurden, ging es beim zweiten Prozesstag um die Frage, was im Vorfeld der Tat in der Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem vermeintlichen Opfer vorgefallen war – und wie die Beziehung zwischen den beiden insgesamt zu beurteilen ist. Die Frau sei oft auf den Mann eifersüchtig gewesen, hieß es, außerdem neige sie zu Gewaltausbrüchen. Rechtsanwalt Philipp Rinklin legte neue Beweise vor. So wurde der Mitschnitt einer Mitteilung der Frau auf den Anrufbeantworter des Angeklagten Gegenstand der Verhandlung. Die Tonqualität dieses Beweismittels ließ aber zu wünschen übrig, so dass nur Teilaussagen der Frau zu Protokoll genommen wurden. Zudem fehlen bei beiden Gesprächen die Jahresangaben.

Beim ersten Gespräch nannte sie den Angeklagten "Arschloch", mehrmals fiel das Wort "gevögelt". Sie fragte: "Warum tust du mir das an?" und sagte: "Das Vertrauen ist einfach weg." Beim zweiten Gespräch sagte die Anruferin sinngemäß: "Ich brauche Zuwendung, Liebe, Zärtlichkeit und Sex", "Ich möchte nicht, dass Du morgen bei meinen Eltern auftauchst" und "Viel Spaß bei deinen Geschäften" – das Wort Geschäft ironisch betonend.

Als weiteren Zeugen hatte Rinklin den Gastwirt aus einer Nachbargemeinde ins Spiel gebracht. Er bestätigte, dass er schon häufiger mit dem Angeklagten "geschwätzt" habe. Am Tag vor der Tat habe er das Paar getroffen und sei mit ihnen später in eine andere Wirtschaft gegangen, um Fußball zu schauen. Auf die Frage von Richter Günter Schmalen, ob ihm Unstimmigkeiten zwischen Frau und Mann aufgefallen seien, antwortete er mit Nein, die Stimmung sei "stinknormal" gewesen.

Als weitere Zeugin wurde eine Polizistin vorgeladen, die die Frau vernommen hatte. Insgesamt gab es zwei Vernehmungen von unterschiedlichen Beamten, deren Schilderungen nicht deckungsgleich sind. Die Zeugin bestätigte dem Richter, dass sie ihre Vernehmung unterbrochen habe, damit die Frau den Bericht der ersten Vernehmung durchlesen konnte. Zudem sei sie als Beamtin geeigneter für die Vernehmung. "Der Vorwurf des sexuellen Übergriffs war nicht Gegenstand meiner Vernehmung", sagt die Zeugin – das sei vielmehr die Beziehung der beiden untereinander gewesen.

Bis zur Eskalation am Nachmittag sei es ein schöner Tag gewesen. Vor der Tat habe sich die Frau im Wohnzimmer eingeschlossen und auf der Couch geschlafen. An nächsten Morgen habe der Angeklagte sie am Arm gepackt und ins Schlafzimmer gezogen. "So habe ich es notiert, so hat sie es gesagt", antwortet die Zeugin auf Rinklins Vorhalt. Der Angeklagte habe die Frau zunächst gestreichelt, dann die Beine auseinander gedrückt – und aus Angst habe sie es über sich ergehen lassen.

Ein weiterer Vorfall konnte am dritten Verhandlungstag nicht geklärt werden. Ein Zeuge hätte die beiden im Vorfeld der Tat nachhause gefahren. Dort hätten sie zu dritt Alkohol getrunken, bis irgendwann der Mann auf den Zeugen eingeschlagen hätte, als er die Frau und ihn zusammen gesehen hätte. Dieser Vorwurf konnte aufgrund der Aussage des Zeugen nicht bekräftigt werden, da er nicht darlegen konnte, ob er nun von dem Angeklagten geschlagen wurde oder gegen etwas gelaufen sei. Er hätte auch keine Ahnung, was die Frau an jenem Abend gemacht habe.

Der vielleicht letzte Verhandlungstag, falls keine weiteren Beweisanträge gestellt werden, soll mit der Befragung von weiteren Zeugen in etwa zwei Wochen stattfinden.