Unklare Aussagen werfen Fragen auf

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Sa, 08. Oktober 2016

Kreis Emmendingen

Wie und weshalb missbrauchte eine Mutter ihren Sohn? Der Fall scheint weniger eindeutig als in der Anklageschrift formuliert.

FREIBURG. Irrt die Anklage im Fall einer dreifachen Mutter und Sozialarbeiterin, wenn die Staatsanwaltschaft Freiburg behauptet, dass der mitangeklagte Bekannte sie mehrfach zum Sex mit ihrem schulpflichtigen Jungen gezwungen habe? Folgt man der Aussage des polizeilichen Sachbearbeiters im zweiten Verhandlungstag vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Freiburg, dann hat er bei der Vernehmung des Jungen nicht nachgefragt, worin der Zwang bestanden haben soll.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit haben die in einer Gemeinde im Landkreis Emmendingen lebenden Angeklagten und der Junge am ersten Prozesstag (BZ vom 29. September) ausgesagt. Mehrere Stunden dauerte die Befragung des Jungen. Von der Glaubwürdigkeit seiner Aussage wird abhängen, ob die Angeklagten verurteilt werden, und wenn ja, zu welcher Strafe. Fünf Jahre hat der Staatsanwalt für beide bei Prozessbeginn ins Auge gefasst.

Der Angeklagte, selbst Familienvater, will die Angeklagte zu nichts gezwungen haben. Das Wort "gezwungen" stammt aus einer Aussage des Jungen. Doch wie meinte er das? Wollte er damit seine Mutter in Schutz nehmen, für das, was sie ihm vor laufender Kamera ihres Laptops auf Anweisungen ihres Chatpartners und jetzigen Mitangeklagten angetan hat? Der habe seine Anweisungen schriftlich gegeben und die Mutter habe sie laut vorgelesen und ausgeführt. Angeblich im Glauben, dass ihr Junge schlafe.

Der sagte bei der Polizei und einer Amtsrichterin aus, dass er jeweils wach geworden sei. So habe er den Laptop, das Bild des Chatpartners und die Anweisungen sehen können. Von der Willfährigkeit seiner Mutter enttäuscht, hatte er gesagt: "Sie hätte doch nein sagen, einfach den Laptop zuklappen können."

Jetzt, mehr als zwei Jahre nach den Taten, die zwischen Februar und August 2014 stattgefunden und im Oktober 2014 angezeigt worden waren, weicht die jüngste Aussage des Jungen von älteren ab. Sie stimmen auch nicht mit dem überein, was die Mutter bei der Polizei eingestanden hat. Die Anklage geht von zehn Missbrauchsfällen aus. In zwei Fällen soll die Mutter auf Geheiß des Mitangeklagten den Geschlechtsverkehr mit ihrem schlafenden Sohn vollzogen haben. Das streitet die Mutter jedoch ab. Ihr Junge ist zwischenzeitlich unsicher, ob sie dazu ein oder zwei Mal auf ihm gesessen habe. Auch nannte er jetzt Details, die er im bisherigen Verlauf der Ermittlungen noch nie erwähnt hatte.

Im August 2014 hatte sich der Junge seinem Vater anvertraut. Der stellte die Mutter zur Rede, drohte angeblich mit einer Anzeige. Die Mutter ging zu einer Beratungsstelle und wurde zum Jugendamt geschickt. Dort riet man ihr zur Selbstanzeige, andernfalls müsse das Jugendamt die Polizei informieren. Nach einer sofort anberaumten internen Besprechung sah das Jugendamt keine Wiederholungsgefahr und beließ die Kinder bei der Mutter.

Pflegemutter: Kinder empfanden Scham und Furcht

Erst als sie rund zwei Wochen später eine mehrwöchige Kur antreten musste, schickte das Jugendamt die drei Geschwister in eine Pflegefamilie. "Den Kindern war der Boden unter den Füßen weggezogen, die waren verzweifelt. Die wollten nicht zu uns und mussten doch", berichtete die Pflegemutter dem Gericht. 80 Prozent der Pflegekinder, die sie seit 1995 als gelernte Jugend- und Heimerzieherin in ihrer Familie betreut habe, seien sexuell missbraucht worden. Dies sei der erste Fall gewesen, in dem die Mutter die Täterin gewesen sein soll. Die Pflegemutter berichtete, wie schambesetzt die Situation für die Kinder gewesen sei, nicht mehr bei der Mutter wohnen zu dürfen. Sie hätten Furcht vor Fragen der Mitschüler, Nachbarn, Bekannten gehabt. Und dass der Vater gegen die Pflegefamilie gearbeitet habe. "Es war schwer, die Kinder über den Alltag zu bringen." So schwer, dass zwei Kinder im ersten Halbjahr 2015 in Absprache mit dem Jugendamt zum sorgeberechtigten Vater zogen.

Lange dauerte auch die Vernehmung des Vaters. Der verstand offenkundig manche Frage nicht und antwortete oft mit einer langen Erzählung. Dass er es mit seinen Kindern gut meint, wurde ebenso deutlich wie seine Abneigung gegenüber der Pflegefamilie. Die Mutter seiner Kinder beschrieb er als abhängig vom Lob anderer Menschen. Sie sei deshalb leicht beeinflussbar.

Der Sachbearbeiter der Polizei, der auch die Mutter vernommen hatte, konnte als mutmaßliches Tatmotiv keinerlei Bedrohung des Mitangeklagten erkennen. Die Mutter habe ihm zu verstehen gegeben, dass die das von ihrem Bekannten Verlangte getan habe, um die Freundschaft mit ihm aufrechtzuerhalten, um sich mit ihm treffen zu können. Dass sie deshalb ihr Kind sexuell vor der Kamera missbraucht haben soll, das war für den Ermittler nicht nachvollziehbar: "Ich war schockiert."

Die Verteidiger haben angesichts der unterschiedlichen Angaben des Jungen angekündigt, einen Antrag auf Begutachtung der Glaubwürdigkeit seiner Aussage stellen zu wollen.