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16. September 2010 15:39 Uhr

Uraufführung eines Oratoriums

Bezirkskantor Jörn Bartels wird an diesem Wochenende in Freiburg und Emmendingen sein erstes, größeres selbstkomponiertes Werk aufführen. Es beschäftigt sich mit Meister Eckehart. BZ-Mitarbeiter Frank Berno Timm hat mit dem Musiker über seine Komposition gesprochen.

  1. Bezirkskantor Jörn Bartels Foto: Frank Berno Timm

BZ: Wer ist Meister Eckehart?

Jörn Bartels: Ein großer Mystiker, der vor 750 Jahren geboren wurde. Man kann sagen, dass er eine religiöse Einheitserfahrung gemacht hat.

BZ: Was ist das, eine Einheitserfahrung?

Bartels: Es geht darum, das Göttliche auf eine ziemlich direkte Weise zu schauen; die Einheit der Dinge zu erfahren. So richtig lässt sich das nicht in Worte fassen.

BZ: Tritt an dieser Stelle die Musik ein?

Bartels: Sie hebt das, worum es geht, noch einmal auf eine andere Ebene, bringt eine andere Perspektive. So kommt man der Sache irgendwie näher.

BZ: Fragen wir anders: Sie sagten, Eckehart sei vor 750 Jahren geboren. Das ist ja eine Weile her. Was sagt er uns denn heute? Ist er – nicht nur im oberflächlichen Sinn – aktuell?

Bartels: In sehr vielen Büchern, die sich mit Tiefenpsychologie beschäftigen, ist von ihm die Rede. Leute unserer Generation kennen Erich Fromm: In "Haben oder Sein" oder "Die Kunst des Liebens" kommt Eckehart vor. Auch Aldous Huxley hat ihn sehr geschätzt. Eckehart gehört zu denen, die Theologie und Philosophie auf der gleichen Ebene behandeln.

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BZ: Nun haben Sie ein Eckehart-Oratorium komponiert. Verstehen Sie sich mehr als Komponist oder mehr als Musiker?

Bartels: Natürlich habe ich in meiner Arbeit als Kantor immer wieder mal etwas geschrieben – für den Kinderchor, für die Kantorei. Dieses ist mein erstes, größeres Werk. Ich verstehe mich aber mehr als Musiker, denn als Komponist.

BZ: Und wie muss man sich Musik vorstellen, die Meister Eckehart aufnimmt? Zwölftonklänge kommen da ja wohl weniger infrage, oder?

Bartels: (lacht). Die Musik ist stilistisch vielgestaltig und eher gemäßigt modern. Gregorianische, barocke, impressionistische und jazzige Elemente kommen zusammen. Der Text steht im Vordergrund. Wir wissen von Eckeharts Biographie relativ wenig. Es geht hauptsächlich um Predigten, die ich vertont habe. Vieles davon ist sehr verkopft, kompliziert und spitzfindig. Zugleich ist Eckehart ein großer "Schaffer" der deutschen Sprache gewesen. Und er war der erste, der vom "Sein" gesprochen hat. Zu seinen Zeiten war es üblich, dass auf Lateinisch gepredigt wurde. Eckehart wagte es, auf Deutsch zu predigen, das muss auch sehr mitreißend gewesen sein und hat ihm dann unter anderem den Vorwurf der Häresie eingetragen.

BZ: Rund 300 Jahre vor Martin Luther hat Eckehart auf Deutsch gepredigt?

Bartels: Genau! Es gibt noch eine Parallele: Auch Eckehart hat sehr deutlich gesagt, dass es nicht darauf ankommt, durch Werke Gutes zu tun. Man könne Gott nicht wie eine Kuh mit Blättern füttern, die dann zu einem bestimmten Zeitpunkt Milch gebe.

BZ: Wie kann ich mir das vorstellen – aus Predigten ein Oratorium zu "bauen"?

Bartels: Eckehart ist ein Schwerpunkt, Texte anderer Mystiker, Bibelstellen und Choräle kommen dazu. Wir haben fünf Teile: Geburt, Berufung, Lehrer, Verurteilung, Tod oder Ewigkeit. Im zweiten Teil gestalten wir die Berufung Elias’ auf dem Berg Horeb – dort wird ja deutlich, dass Gott nicht in Feuer oder Sturm, sondern im "schwebenden Schweigen" steckt. Das war für uns einer der Ausgangspunkte.

BZ: Was bedeutet das?

Bartels: Man kann nur im Loslassen der Ichbezogenheit, innerer Ruhe, Gelassenheit Gott erfahren, lernen wir bei Meister Eckehart. Wenn wir die Chance ergreifen, ein lediges Gemüt zu erlangen, wird sich Gott von selbst einstellen. Das schöne ist, dass Eckehart nicht sagt, dass wir das als Einsiedler tun sollten – mitten im Leben ist der richtige Platz.

BZ: Sie sprechen von "wir" – wer hat mitgearbeitet?

Bartels: Matthias Uhlich, lange Pfarrer in Freiburg und jetzt Religionslehrer in Waldkirch, hat die Textauswahl besorgt. Uhlich ist auch Zen-Lehrer und beschäftigt sich schon lange mit Meditation und Kontemplation. Die Emmendinger Kantorei wird singen.

BZ: Hat die Beschäftigung mit Eckehart Sie selbst verändert?

Bartels: Er liegt mir schon längere Zeit am Herzen. Ich befasse mich mit Tai-Chi und Taoismus – Meister Eckehart ist dazu kompatibel. Und natürlich bin ich Kirchenmusiker und entsprechend verwurzelt.

Info: Samstag, 18. September, 19 Uhr, Thomaskirche Freiburg-Zähringen; Sonntag, 19. September, 19 Uhr, Stadtkirche Emmendingen: Meister Eckehart – Uraufführung; Musik: Jörn Bartels, Textauswahl: Matthias Uhlich; mit Sybille Schaible (Sopran), Frauke Hoffmann (Mezzosopran), Susanne Otto (Alt), Christoph Waltle (Tenor), Hugo Pieri (Bariton), Georg Gädker (Bass), Instrumentalensemble Stringendo (historische Instrumente: Violine, Viola, drei Celli, Kontrabass), Kantorei Emmendingen, Leitung: Jörn Bartels



Autor: fbt