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06. November 2008
Von genauer Beobachtung zum Pathos
"Die Zeit fährt Auto": Anregende literarische Lesung in der Teninger Rebay-Gedenkstätte
TENINGEN. Kästner, Brecht, die immer wieder anrührende, vielleicht sogar zur Umgebung am besten passende Mascha Kaléko, dazu Alfred Döblin, Franz Werfel, Gottfried Benn: "Die Zeit fährt Auto" hieß der literarische Dienstagabend in der Hilla-von-Rebay-Gedenkstätte. Bettina Mühlen-Haas, Peter Haas und Thomas Steffens lasen vor vollem Haus. Viel spricht dafür, solche Abende zu wiederholen, vielleicht sogar zu einer festen Einrichtung zu machen – dann allerdings nicht ins Sujet einer angeblichen Generalprobe verpackt.
Gottfried Benns herb-schöne Hässlichkeiten, Bert Brechts Hin- und Herschwanken zwischen genauester Beobachtung und allzu großem Pathos, Joachim Ringelnatz in lebensmüder Pose ("an den Kanälen an den dunklen Bänken sitzen die Menschen, die sich noch ertränken"), Erich Kästners oft selbstironische, immer genial beobachtende Lyrik – all das ist immer wieder hörenswert. Mascha Kalékos "Sehnsucht nach einer kleinen Stadt" aus dem Jahr 1933 kann auch heute noch als Porträt mancher südbadischen Ortschaft durchgehen. Und nicht zuletzt ist Alfred Döblins "Alexanderplatz" das klassische Beispiel dafür, wie eine Stadt zur handelnden Person eines Romans wird.
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Nach der Pause wurde es zunächst journalistischer: Egon Erwin Kisch, genauestens beobachtend und wunderbar virtuos, schrieb über das Sechs-Tage-Rennen. Bert Brecht ließ seine Sekretärin mit Autoherstellern um einen Wagen verhandeln und bezahlte mit einem Gedicht. Irmgard Keun kam mit einem Ausschnitt aus dem kunstseidenen Mädchen zu Wort, Mascha Kaléko mit ihren "Mannequins" (gelesen von Bettina Mühlen-Haas). Ein Höhepunkt des Abends auch Kästners "Vorstadtstraßen", bei denen man unwillkürlich an manche Viertel in seiner Heimatstadt Dresden denkt; interessant auch das Antippen der Arbeiterliteratur (Leonhard und Schirmeier).
Dass man bei all diesen Texten den dann kommenden Wahnsinn der Nazis mitlesen muss, machte ein eingespieltes Tondokument am Ende des Abends deutlich – ein Ausschnitt aus einer Rundfunkübertragung von einer Bücherverbrennung. Zum Schluss viel Beifall.
Dass die Betreiber der Rebay-Gedenkstätte mit solchen Abenden um mehr Besucher in ihrem Haus werben wollen, versteht sich von selbst. Die Räume mit den Arbeiten Hilla Rebays und den Dokumenten von der Entstehung des Guggenheim-Museums in New York sind immer wieder einen Besuch wert – besonders am 30. November, dann soll eine Hausmusik mit Texten stattfinden.
Autor: Frank Berno Timm
