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18. Februar 2016

"Wir sind alle gleich wichtig"

Beim Frage- und Diskussionsabend des Kreisjugendrings bewegen sich die rund 70 Gäste auf unterschiedliche Positionen.

  1. Körperlich positionieren sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu unterschiedlichen politischen Fragen. Eingeladen zur Veranstaltung „Du hast die Wahl!“ hatte der Kreisjugendring. Foto: Marco Kupfer

  2. Stellten sich den Fragen und Einschätzungen junger Menschen (von links): Marcel Schwehr (CDU), Sabine Wölfle (SPD), Alexander Schoch (Grüne), Oliver Pendzialek (AfD), Alexander Kauz (Die Linke) und Norman Schuster (FDP). Foto: Marco Kupfer

  3. Themen für Fragen schälen Jugendliche heraus. Foto: Marco Kupfer

EMMENDINGEN. "Du hast die Wahl!" hieß am Montag das Motto einer Abendveranstaltung des Kreisjugendrings Emmendingen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatten Gleichaltrige zu einer Infoveranstaltung zur Landtagswahl am 13. März eingeladen. Zu Gast waren die Wahlkreiskandidaten von sechs Parteien. Die anschließende, simulierte Wahl der Erstwähler gewann Sabine Wölfle (SPD) vor Alexander Schoch (Grüne), Marcel Schwehr (CDU) und Norman Schuster (FDP).

Es herrscht viel Bewegung im Pfarrsaal von St. Johannes im Emmendinger Quartier Bürkle-Bleiche. Etwa 70 politisch interessierte Menschen sind gekommen, um sich vor der Landtagswahl ein Bild von den Kandidaten und ihren Positionen zu machen. Das besondere an diesem Frage- und Diskussionsabend: Gut 90 Prozent der Anwesenden sind im jugendlichen Alter, unter ihnen befinden sich ganz genau 40 Erstwähler über 18. Es ist also keine Polit-Veranstaltung wie jede andere. Der Kreisjugendring hat eingeladen zu einem Forum für Jugendliche und ihren Anliegen.

Es liegen Karten mit stilisierten Stimmzettel-Kreuzen aus. Mit ihnen soll jeder seine Zustimmung zum Ausdruck bringen können – und wenn ihm etwas gar nicht gefällt, ist Kritik nicht nur in Ordnung, sondern auch erwünscht.

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Sechs Politiker von sechs Parteien sind gekommen. In einer schnellen Vorstellungsrunde sollen sie Sätze vervollständigen. Die sind nicht nur politischer Natur. Was machen die Kandidaten gerne in ihrer Freizeit? Dann aber wird es schnell politisch. "Es ärgert mich derzeit am meisten...", lautet der zu vervollständigende Satz. AfD-Kandidat Oliver Pendzialek macht in dieser Runde den Anfang. Ihn ärgert es, dass "hierzulande Gesetze nicht mehr eingehalten werden." Den Vertreter der Linken, Alexander Kauz, ärgert dagegen "die schräge Diskussion um Flüchtlinge und wie sie geführt wird." Auch FDP-Mann Norman Schuster findet, dass diese Debatte von "Ängsten und Hysterie beherrscht wird". CDU-Kandidat und Landtagsabgeordneter Marcel Schwehr schließt sich an: "Es wird zu plakativ über Flüchtlinge diskutiert" und SPD-Kollegin Sabine Wölfle beklagt, dass "die Chancen zu gemeinsamen Lösungen nicht genutzt werden." Alexander Schoch, Mitglied des Landtags für die Grünen, sieht das emotionale Thema "von Rechtspopulisten ausgenutzt."

Die Debatte über die Flüchtlingskrise und ihre Bewältigung bewegt die Gemüter der Politiker besonders – beim jungen Wahlvolk ist das nicht anders. Das Thema wird an diesem Abend neben der Bildungs- und Schulpolitik am längsten und heftigsten diskutiert. "Unsere Generation ist toleranter als andere", konstatiert ein Teilnehmer. Ein anderer warnt dagegen: "Die Presse wirbelt das Thema zu sehr auf, was bei vielen diese Toleranz zunichte macht." Eine etwa Gleichaltrige plädiert für Menschlichkeit: "Wir sind alle gleich wichtig, egal wo wir herkommen und wie wir aussehen. Jeder hat ein Recht zu leben und beschützt zu werden."

Udo Wenzl hatte die Idee zu diesem Infoabend und hat ihn ehrenamtlich mitorganisiert. Wenzl war lange Jahre im Landesjugendring aktiv und ist mit seiner Idee auf den Kreisjugendring zugekommen. "Er kennt die ganzen Politiker und hat den Kontakt zu ihnen hergestellt", erklärt Mitorganisatorin Judith Huber. Wenzl führt durch den Teil des Abends, am dem die Jugendlichen sich selbst positionieren. Das ist ganz wörtlich gemeint: Wer sich politisch gut repräsentiert fühlt, wählt die eine Seite des Raumes, wer vom Gegenteil überzeugt ist, die andere. Natürlich ist auch Platz für Zwischenpositionen. "Wir sind Pseudowähler, mit denen man sich gerne schmückt", übt ein Teilnehmer Kritik, "aber im Vergleich zu zum Beispiel Rentnern werden unsere Interessen zweitrangig behandelt." Jemand anderes sagt: "Politik ist Gesellschaft. Es ist schön, etwas verändern zu können." Bei den Raumbildern wird klar, dass die meisten Anwesenden bereits vor diesem Abend politisch interessiert waren. Die Mehrzahl ist in kirchlichen oder sozialen Verbänden aktiv. Woran sich zeigt: "Jugendarbeit ist Mehrwert" − ein Slogan, mit dem die Vertreter von sieben Jugendorganisationen auf ihre gemeinsame Kampagne hinweisen.

Am Ende des Abends steht eine simulierte Wahl zum Landesparlament. Abstimmen dürfen nur die 40 Erstwähler im Raum. Spannende Frage: Wer kann bei der jüngsten Wählerschicht am meisten Stimmen sammeln? 39 gültige Stimmen werden schließlich abgegeben bei der Testwahl. Sabine Wölfle (SPD) gewinnt den Wahlkreis mit 14 Stimmen. Elf Jugendliche stimmen für die Grünen, sechs für die CDU, fünf für die FDP, zwei für die Linke – und einer für die AfD.

Autor: Marco Kupfer