Wurde Mutter zum Sex mit ihrem Sohn gezwungen?

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Do, 29. September 2016

Kreis Emmendingen

Jugendschutzkammer des Landgerichts verhandelt seit Mittwoch.

FREIBURG. Was bringt eine allein erziehende dreifache Mutter und Sozialarbeiterin dazu, ihren zeitweise schlafenden schulpflichtigen Sohn vor dem laufenden Kameraauge ihres Laptops rund zehn Mal sexuell zu missbrauchen? Antworten auf diese und viele weitere Fragen sucht seit Mittwoch die Jugendschutzkammer des Landgerichts in Freiburg.

Auf der Anklagebank, drei leere Plätze voneinander getrennt, sitzen zwei Angeklagte. Beide wohnen in einer Gemeinde des Landkreises Emmendingen, er ist mit einer anderen Frau verheiratet und hat drei Kinder, sie war nie verheiratet, lebt seit Jahren getrennt vom wesentlich älteren Vater ihrer drei Kinder. Auf der Realschule haben sich die Angeklagten vor mehr als drei Jahrzehnten kennengelernt und wieder aus den Augen verloren − bis sie einander in einem sozialen Netzwerk im Internet erneut begegneten. Sie begannen zu chatten. Folgt man der Anklage der Staatsanwaltschaft, wurden die per Web-Cam in Echtzeit übertragenen Gespräche und Handlungen bald intim. Die Ermittlungen ergaben, dass die Angeklagte ausgeführt haben soll, was der gleichaltrige Angeklagte ihr an sexuellen Handlungen vorgeschlagen haben soll.

Warum aber ging die Frau soweit, dass sie sich an ihrem schlafenden Buben vergriff, ihn nicht nur vor laufender Kamera am ganzen Körper streichelte, sondern mit ihm in zwei Fällen auch den Geschlechtsverkehr ausgeübt haben soll? Die Anklage unterstellt dies. Wurde sie dazu gezwungen, weil ihr Chatpartner damit drohte, Bilder von ihr mit sexuellen Inhalten im Internet zu veröffentlichen?

Es war der Junge, der sich im Sommer 2014 seinem Vater offenbarte. Er erzählte von den sexuellen Handlungen der Mutter, wie er davon wach wurde und sich dennoch weiter schlafend gestellt habe. Wie er sich schäme, dass er sich nicht gewehrt habe, dass er sich aber auch für seine Mutter schäme. Der Vater stellte daraufhin die Mutter zu Rede. Die soll sich Rat bei einer Organisation für sexuell missbrauchte Menschen geholt und sich dann an das Jugendamt gerichtet haben. Die Behörde reagierte sofort. Die drei Kinder kamen in Pflegefamilien, später kamen zwei zum Vater. Die Mutter ging zur Polizei und erstattete Selbstanzeige. Daraufhin sprach die Polizei beim jetzigen Mitangeklagten vorbei, durchsuchte seine Wohnung, beschlagnahmte Computer und Festplatten. Da er ein ehemaliger Kollege der Fahnder gewesen sei, der sich nach zwei Jahren Ausbildung bewusst durch die Prüfung fallen ließ, um aus dem Polizeidienst entlassen zu werden, wie er vor Gericht sagte, sei ihm unterstellt worden, dass er wisse, wie man Beweise verschwinden lassen könne.

Die Öffentlichkeit wurde mehrfach ausgeschlossen

Anfang 2015 kamen die Beiden für jeweils drei Wochen in Untersuchungshaft. Sie verloren ihre Arbeitsstellen. Zwischenzeitlich arbeiten sie wieder in ihren Ausbildungsberufen, sie als Sozialarbeiterin, er als Mechaniker. Ihre Arbeitgeber wissen angeblich um das Strafverfahren.

Für die Aussagen zur Sache hat das Gericht auf Antrag der Verteidiger die Öffentlichkeit ebenso ausgeschlossen, wie für die Plädoyers. Im Gericht ließ sich dennoch heraushören, dass der Angeklagte bestreitet, die Frau zu sexuellen Handlungen erpresst zu haben. Und sie soll bislang den Vorwurf zurückgewiesen haben, mit ihrem Sohn zwei Mal beim Chatten geschlafen zu haben.

Ein vom Vorsitzenden Richter vorgeschlagener Deal zur Abkürzung und zur Vermeidung einer Vernehmung des Jungen ist gescheitert. Die Staatsanwaltschaft strebt vorläufig Verurteilungen von je fünf Jahren an, die Verteidiger fordern Bewährungsstrafen. Bis 20. Oktober hat das Gericht drei weitere Verhandlungstage vorgesehen. Ein psychiatrischer Gutachter wird dabei zur Schuldfähigkeit der Angeklagten Stellung nehmen.