Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. Dezember 2014

Wyhl und der Widerstand

AKW-Bauplatzbesetzung vor fast 40 Jahren / "s Eige zeige" : Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten.

  1. Vor der Ansicht eines Fotos von der Grenzblockade am 26. September 1974 am Sasbacher Rheinufer lesen Irmgard Schneider und Gerhard A. Auer Auszüge aus den Erinnerungen von Zeitzeugen. Foto: Marius Alexander

EMMENDINGEN. Es hatte einen Anflug von Klassentreffen. Ungewöhnlich viele Menschen kamen am Dienstagabend zur Vorstellung des neuen Kreisjahrbuchs "s Eige zeige" in die Emmendinger Steinhalle. Das Jahrbuch trägt den Titel "Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten". In ihnen erinnern sich Menschen an die Bauplatzbesetzung auf dem Gelände des geplanten Atomkraftwerks im Wyhler Wald vor nun fast 40 Jahren.

Nach Musik der Kaiserstühler Zupfmusiker auf vier, sechs und mehr Saiten umriss Landrat Hanno Hurth die Bedeutung des Widerstands gegen das geplante AKW, mit dem "mit einem Schlag Umweltfragen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit" gerückt worden seien. So habe das heutige Bemühen um eine Energiewende "ihre Wurzeln auch im Wyhler Wald". In dem Jahrbuch kämen ganz unterschiedliche Menschen zu Wort "mit unterschiedlich starker Einbindung in die Arbeit der Bürgerinitiativen".

Auszüge aus den Schilderungen der 37 Männer und Frauen, von denen an diesem Abend viele unter den Gästen weilten, lasen Irmgard Schneider und Kreisarchivar Gerhard A. Auer: Drei Beispiele.

Werbung


Rita Fischer (Amoltern)
"Ich bin ein friedliebender Mensch und verabscheue Gewalt. Aber da hatte man solche Emotionen, weil dieser Polizeieinsatz so furchtbar war. Ich hatte Angst. Richtige Angst. Und ich fragte mich: Was machst du, wenn du dich jetzt wehren musst? Damals dachte ich: Wenn es hart auf hart käme, dann könnte ich auch jemandem einen Stock über den Kopf hauen.− Man hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde − im Leben nicht!"

Jean-Jaques Rettich (Fréconrupt)
"Das Zusammenwirken von Gewaltlosigkeit und energischen Aktionen, das wir auch in Wyhl verwirklicht haben, hat gezeigt, dass dieser weg zu etwas führen kann. Aber es kommt natürlich auch auf den Gegner an.... Filbinger war von seinem Werdegang, von seiner Vergangenheit her und vielleicht auch von seinem Charakter her so strukturiert, dass die Sache Wyhl nicht hundertprozentig durchschauen konnte. Das haben am Anfang nicht einmal wir getan. Für uns war dieser Satz wichtig:, Wo Unrecht zur Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.’... Wir wollten zu dem Ziel kommen, zu dem wir am Ende kamen. Den Weg dahin kannten wir: Er hieß und heißt: Gewaltlosigkeit."

Albrecht Jäger (damals Sasbach)
"Einmal waren wir vom Badenwerk nach Südfrankreich eingeladen worden. Das war zu einer Zeit, als die Verträge mit den Firmen bald ausgelaufen wären − danach hätten sie wieder alle Arbeiten neu ausschreiben müssen und es wäre alles teurer geworden.... Abends hat die Führungsriege vom Badenwerk uns drei Bürgermeister Karl Nicola, Helmut Eitenbenz und mich (Jäger war Rathauschef in Sasbach, die Redaktion) in ein Separee zu einem Gespräch eingeladen. Da wurde uns gesagt: Wenn wir es schaffen, unsere Gemeinden davon zu überzeugen, dass sie das Projekt doch durchziehen können, kriegt jede Gemeinde so und so viele Millionen Deutsche Mark. Und das war mehr als eine Million pro Gemeinde."



− s Eige zeige. Jahrbuch des Landkreises Emmendingen für Kultur und Geschichte (29/2015). Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten. Herausgegeben von Hanno Hurth und Gerhard A. Auer. Emmendingen 2014, 347 Seiten. 19,80 Euro.

Autor: Marius Alexander