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17. Juli 2009
Das Drama des modernen Menschen
"Pessoassion", die "Stimmen"-Produktion mit A Filetta, Peter Schröder und Joana Aderi, nähert sich dem Dichter Fernando Pessoa
Wer war Fernando Pessoa? Einer der wichtigsten portugiesischsprachigen, ja europäischen Literaten der jüngeren Moderne, ein Chronist der Umbrüche in der Metropole Lissabon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ein literarisches Chamäleon, das ständig die Haut wechselte und in neue Rollen schlüpfte. Was aber bewegte diesen Dichter, der zu Lebzeiten kaum wahrgenommen wurde, als unscheinbarer Handelskorrespondent lebte, dem Alkohol zugetan war und 1935 an einer Leberzirrhose starb unter diesen Oberflächen? "Pessoassion", die "Stimmen"-Eigenproduktion, richtet ihre Spots in die Tiefen dieser schillernde Person.
Marion Schmidt-Kumke komponiert diese Schlaglichter mit Hilfe des korsischen Gesangsensemble A Filetta, der farbigen Musikerin Joana Aderi, des Schauspielers Peter Schröder und unter Verwundung von Thomas Warmuths Fotografien zu einer Collage; auf der Bühne entsteht eine Art Revue, die das Drama des modernen Menschen erzählt: Freigesetzt aus den unbefragt gültigen, sinnstiftenden Zusammenhängen unfreier Feudalgesellschaften und zurückgeworfen auf die Vielfalt einer offeneren Gesellschaft verheddert er sich immer wieder in dieser Macht der Möglichkeiten – und scheitert daran. "Ich brauche Wahrheit und Aspirin" heißt es leitmotivisch im Programmheft und auch zu Beginn in den ersten Sequenzen. Damit ist der dramatische Bogen der Inszenierung, definiert.
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Peter Schröders Pessoa und seine diversen Alter Egos sind hin- und hergerissen zwischen dem Drang nach Erkenntnis und dem Schmerz, den Erkenntnisse auslösen können. Darüber stolpern sie von Krise zu Krise, von Zweifel zu Zweifel. "Pessoassion" zeigt seinen in verschiedenen Figuren agierenden Protagonisten als indifferente, instabile Person, psychoanalytisch betrachtet als eine Borderline-Persönlichkeit. Pessoa und seinen Alter Egos entgleitet die Wirklichkeit bei dem Versuch, sie begrifflich zu fassen, zu erkennen, wie Sand zwischen den Fingern: Da verschwimmt die Selbstwahrnehmung ("Existiere ich oder bin ich vielleicht der Traum eines anderen."); da fließen Fantasie und Wirklichkeit ineinander ("Ich weiß nicht, ob Traum und Leben bei mir nicht sich vermischende Dinge sind.")
Diese Figuren oszillieren zwischen Gegensätzen, zwischen Unter- und Überforderung ("Ich weiß nicht, ob das Leben zu wenig ist für mich oder zu viel"), zwischen Selbstzweifel und Größenwahn, zwischen Dünkel und Demut, zwischen bewusster Abgrenzung und erlittenem Außenseitertum, zwischen Depression und Glück, zwischen idealisierter Erinnerung und schockierender Gegenwart.
Immer wieder aber werden sie von diesen Gegensätzen überwältigt, scheitern daran, diese zu integrieren. Auch die Einsicht, dass die Natur nur eine romantische Projektionsfläche ist ("Der Wind erzählt nur vom Wind"), erlebt Pessoa letztlich als frustrierende Entzauberung der Welt, die eine Leerstelle hinterlässt. Am Ende bleibt nur die Flucht in naive Erlöserphantasien. Die zwei Schlussbilder, in denen die A Filetta-Gesänge zunächst über Peter Schröder zusammenschlagen und ihn dann geradezu verschlucken, bringen diesen Weg vom bewegenden Subjekt zum bewegten Objekt eindrucksvoll auf den Punkt.
Diese permanente Selbstzerfleischung des Individuums und der Welt wird auf der Ebene der Fotos ergänzt und vertieft. Warmuths in den Bühnenhintergrund projizierte Schwarz-Weiß-Bilder versinnbildlichen den Realitäts- und Identitätsverlust ein ums andere Mal überzeugend – seien es die zerlaufenden Gesichter, seien es die sich verflüchtigenden Linien der Busse oder Lissaboner Straßenbahnen, sei es der verwaschene Hinterhof, seien es zerfließende Caféhaus-Szenen: Jede Aufnahme betont das Diffuse, die Grenzen auflösende Atmosphäre.
Auch die musikalischen Beiträge verdichten diese Dimensionen: Die polyphonen Gesänge von A Filetta erweitern sich phasenweise zur musikalischen Form Pessoa’scher Albträume; Joana Aderis eher sphärisch-zarter Gesang öffnet den Blick nach Innen, in spirituelle Regionen; die elektronisch angereicherte Beats und Sampels dagegen geraten zum expressiven Gegenstück, erzeugen eine klangliche Entsprechung zu dem wie ein Puching-Ball hopsenden Ich. Die Balance zwischen Provinzialität und ästhetischem Anspruch, die Eigenproduktion im Burghof mitunter nur schwer halten können, ist bei dieser Produktion jedenfalls gewahrt. Diese Leidenschaft für Pessoa steckt an und allein schon die Textauswahl lohnt sich: Phasenweise brennt da ein regelrechtes Feuerwerk zeitgenössischer Selbstreflexion ab. Fotos und Texte zum Stimmenfestival:www.badische-zeitung.de/stimmen
Autor: Michael Baas


