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29. April 2011
Elektrizitätswerke Schönau: Vom Störfall zum Vorbild
Der GAU in Tschernobyl war der Geburtshelfer der Elektrizitätswerke Schönau und die beweisen nun seit 25 Jahren, dass Energiewende geht.
Aus Katastrophen lernen: Das ist eine dieser Floskeln, die Politiker, Manager, kurz Verantwortungsträger nach großen Unglücken gern bemühen – zumal wenn diese menschengemacht sind wie der GAU im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986. Andererseits gibt es genug Beispiele dafür, dass solche Sätze zwar leicht gesagt, aber praktisch schwer umsetzbar sind – die mühsamen und wenig erfolgreichen Versuche dieser Tage, die Auswüchse eines entfesselt agierenden globalen Finanzkapitals wirksam zu begrenzen, sind nur ein Beispiel. Aber es geht auch anders und vor allem von unten, nicht gegen sondern mit einer Mehrheit der Bevölkerung: Das beweisen die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) beziehungsweise deren Keimzelle, die Bürgerinitiative "Eltern für atomfreie Zukunft", nun seit 25 Jahren.
Am Anfang waren zunächst vor allem Betroffenheit und Ohnmacht angesichts des GAU und des radioaktiven Fallouts, der eben keine Grenzen respektierte. Verstrahlter Salat in den Vorgärten, radioaktiv belastete Milch, gesperrte Sandkästen und Spielplätze waren "eine Art Initialzündung", erinnerte EWS-Geschäftsführerin und Mitgründerin Ursula Sladek bereits vor fünf Jahren im BZ-Interview. Diese unmittelbaren Erfahrungen des vermeintlich nur theoretisch existierenden "Restrisikos", das sich so unversehens und spürbar in den Alltag drängte, stimulierte das Bedürfnis zu handeln, mehr zu tun als Strahlenbelastungen zu messen. "Ich will was machen", schilderte zum Beispiel Wolf-Dieter Drescher dieser Tage in einem Radiofeature im Deutschlandfunk sein Gefühl jener Tage.
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In kleinen Schritten und zunächst geleitet von dem Impuls Strom zu sparen, entwickelte sich aus diesem diffusen Tatendrang nach und nach die Initiative Netzkauf samt den Elektrizitätswerken Schönau. Ein "grüner" David, der sich dank des hohen persönlichen Einsatzes der hinter ihm stehenden Bürgerinitiative samt Hausbesuchen vor den Bürgerbegehren, mit Hilfe von Fantasie, zum Teil prominenten Unterstützern, aber auch mittels Ausdauer und Durchhaltevermögen letztlich behaupten und durchsetzen konnte gegen den "grauen" Goliath. Das war der damals in Schönau etablierte und zu der Zeit auch noch an Atomkraftwerken beteiligten Stromversorger, die Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR), sowie dessen Unterstützer in der Kommunalpolitik (Chronik). Wobei sich durchaus die Frage stellt, was geschehen wäre, wenn die KWR damals geschmeidiger auf die Ansinnen der Initiative reagiert hätten.
Das aber bleibt ein Feld für Spekulationen. Fakt dagegen ist, dass es der Bürgerinitiative gelungen ist, ihre Betroffenheit in ein langfristiges, konstruktives und nachhaltiges Projekt zu transformieren. Mittlerweile hat sich EWS vom skeptisch beäugten und belächelten Schmuddelkind aus der Öko-Ecke zu einem Vorzeigeunternehmen der regenerativ basierten Energiewirtschaft entwickelt und wächst weiter – nach dem neuerlichen GAU im japanischen Fukushima übrigens mit noch höherem Tempo. "Immer mehr wollen ihren persönlichen Beitrag zum Atomausstieg leisten", erklärt sich das Ursula Sladek. Nach eigenen Angaben versorgt das Unternehmen inzwischen bundesweit 115 000 Kunden mit sauberem Strom.
Anfang des Jahres hat es zudem weitere Stromnetze im Gemeindeverwaltungsverband Schönau (Chronik) übernommen und perspektivisch wolle EWS die Netze aller acht Kommunen des Verbands betreuen, bekräftigt die Geschäftsführerin weiter. Darüber hinaus wurde das Unternehmen dieser Tage von Titisee-Neustadt als Partner zur Neugründung von Stadtwerken ausgesucht – unter fünf Wettbewerbern. "Darauf sind wir stolz", sagt Ursula Saldek. Schließlich will EWS künftig neben dem Vertrieb und dem Verkauf auch die dritte Säule der Wertschöpfung, die Stromproduktion, ausbauen und sich an Windkraftanlagen in Baden-Württemberg und an Wasserkraftwerken in Norwegen beteiligen, kündigt die Geschäftsführerin an.
Aus dem "unkalkulierbaren Risiko für die Stadt Schönau", wie die Gegner den Erfolg der Bewegung nach dem zweiten Bürgerbegehren einst bezeichneten, ist längst ein mittelständisches Unternehmen mit rund 70 Millionen Euro Jahresumsatz geworden. EWS hat inzwischen alle Skeptiker widerlegt und wird international als Modell für die Machbarkeit der Energiewende wahrgenommen. Der Störfall, wie sich die Initiative in den Kampagnen der Bürgerentscheide einst ironisch selbst nannte, ist mithin zum weithin beachteten Vorzeigefall geworden. So wurde Ursula Sladek dieser Tage mit einen hochdotierten amerikanischen Umweltpreis ausgezeichnet und auch das russische Fernsehen fand schon den Weg nach Schönau. Das einst unterstellte Risiko entpuppt sich inzwischen also eher als Chance.
"Wir haben viel erreicht", lässt "die Mutter der EWS" die Entwicklung denn auch Revue passieren. Das gilt für das Unternehmen, das gilt aber auch für den Umbau der Energiewirtschaft. Inzwischen werden in Deutschland rund 17 Prozent des Stroms regenerativ erzeugt; Anfang der 90er Jahre waren es gerade vier Prozent. Andererseits sei aber auch "viel zu wenig passiert. Eigentlich hätte ein GAU genügen müssen, um aus der Atomenergie auszusteigen", findet die Geschäftsführerin. Wäre der Ausstieg konsequent verfolgt worden, "könnten wir weiter sein", steht für sie fest. Das betrifft übrigens nicht nur die Stromproduktion, sondern auch die Tarifsysteme. Denn die sind bei heute häufig so gestrickt, dass der persönliche Verbrauch eine fast vernachlässigbare Größe ist. Michael Sladek, einer der Vordenker der EWS, weist dagegen seit Jahrzehnten darauf hin, das sich Stromsparen auch im Geldbeutel niederschlagen müsse, dass die verbrauchsunabhängigen Grundpreise gesenkt und die verbrauchsabhängigen Arbeitspreise erhöht werden müssten – ein Modell, das EWS längst anwendet.
Zukunftsweisend ist aber auch eine weitere Säule der EWS-Philosophie: die Bürgernähe. Bis heute gehört das Unternehmen einer Genossenschaft mit mehr als 1000 Mitgliedern. Das Ziel sind keine hohen Renditen, diese sind gedeckelt bei sechs Prozent; stattdessen geht’s vor allem um nachhaltige, ressourcenschonenden Entwicklungen. Die aber, auch davon sind die Sladeks überzeugt, brauchen dezentrale, demokratische Strukturen. Überhaupt sei die Epoche von oben durchgesetzter Großprojekte vorbei. Global denken, lokal handeln, den Slogan, der 1915 in der Stadtplanung kreiert wurde, füllt EWS so immer wieder mit neuem Leben.
Dass das auch nach 25 Jahren noch den Charakter eines Inseldaseins hat – zumal im Blick auf die atomstrom-freundlichen Nachbarstaaten Schweiz und Frankreich – kann sie nicht erschüttern. Im Gegenteil: "Einer muss anfangen", sagt Ursula Sladek. Das aber war und ist das Prinzip, das der EWS seit 1986 innewohnt und das zumindest in Schönau weitgehend unumstritten ist. Selbst ein früherer Gegner wie Ulrich Schlageter, der EWS als CDU-Gemeinderat bekämpfte, sieht die Atomkraft heute kritisch, erzählte er im Deutschlandfunk dieser Tage. Und Ursula Sladek ist längst überzeugt, dass der Umbau der Energiewirtschaft auch ökonmisch eine Riesenchance ist – nicht nur für EWS
CHRONIK: Initiative wird zum Versorger
Die Entwicklung der Elektrizitätswerke Schönau und der unaufhaltsame Aufstieg einer Idee.
Als Reaktion auf den GAU in Tschernobyl gründete sich 1986 in und um Schönau die Bürgerinitiative "Eltern für atomfreie Zukunft". Von 1990 an verschärfte sich der Konflikt zwischen den lokalen Atomstromrebellen, die zum Beispiel ökologisch sauberen Strom aus reaktivierten Wasserkraftwerken in das Netz einspeisen wollen, und dem örtlichen Netzbetreiber, den Kraftübertragungswerken Rheinfelden, die später in der Energiedienstgruppe aufgingen, und eine vorzeitige Verlängerung des Konzessionsvertrags anstrebten. Ein Ansinnen, dem damals sechs Stadträte der CDU und einer der SPD im Gemeinderat zur Mehrheit verhalfen. In Folge kam es 1991 zum ersten Schönauer Bürgerentscheid in Sachen Stromnetz, den die politisch vor allem bei den Freien Wählern verortete Bürgerinitiative mit rund 57 Prozent für sich entschied. 1994 gründete die bürgereignen Netzkauf-Initiative dann die Elektrizitätswerke Schönau und diese erhielten Ende 1995 vom Stadtrat die Konzession zur Stromversorgung. Diese Entscheidung versuchten die Gegner in einem zweiten Bürgerentscheid 1996 noch zu kippen, aber auch dieser Wahlgang endete bei einer Beteiligung von 85 Prozent mit 52,4 Prozent zugunsten der EWS und der hinter ihr stehenden Bürgerbewegung. 1997 über nimmt EWS dann als erster Netzbetreiber, der aus der Anti-Atombewegung entstand die Stromversorgung einer Gemeinde, bietet den Rebellenstrom nach der Liberalisierung des Strommarktes von 1999 an dann bundesweit an und erreichte 2007 die Schwelle von 50 000 Kunden. Inzwischen betreut EWS auch das Gasnetz in Schönau und seit Anfang des Jahres 2011 auch die Stromnetze in Fröhnd, Wembach, Schönenberg und Tunau.
Autor: alb
Autor: Michael Baas


