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28. Juni 2011
Es droht ein Ärztemangel
In der Gesundheitskonferenz "Gesunde Zeiten" in Lörrach ging es auch um die Ärzteversorgung im ländlichen Raum.
LÖRRACH. Nicht nur Krankheiten behandeln, sondern die Gesundheit erhalten durch bewussten Lebensstil und Vorbeugung ist das Gebot in einer älter werdenden Gesellschaft. So jedenfalls sehen es die Teilnehmer der ersten Gesundheitskonferenz im Landkreis Lörrach, die am Sonntag im Rahmen der Messe "Gesunde Zeiten" stattfand. Zwei akute Handlungsfelder hat man dabei ausgemacht: Zum einen die überdurchschnittlich hohe Anzahl an Todesfällen durch Diabetes und zum anderen die Ärzteversorgung, insbesondere im ländlichen Raum.
Während in Brasilien oder Indien das Durchschnittsalter zwischen 25 und 29 Jahre beträgt, liegt es in Deutschland bei 43 Jahren, stellte Landrat Walter Schneider eingangs fest. Die alternde Gesellschaft werde gravierende Auswirkungen auf Wirtschaftsleben und den Gesundheitssektor haben, auf die man rechtzeitig Antworten finden muss. Gesundheit und Leistungsfähigkeit bezeichnete der Landrat neben Bildung als wichtige strategische Ressource. Um Gesundheit und Lebensstandard zu erhalten, müssen Veränderungen bei der Gesundheitsförderung und der Prävention angestoßen werden. Kommunale Gesundheitskonferenzen sollen sich des Themas annehmen, und der Landkreis Lörrach ist einer der ersten in Baden-Württemberg, der das auf den Weg gebracht hat, sagte Schneider. Zur Vorbereitung der jetzigen Konferenz gab es im Mai einen runden Tisch mit Experten, wo die beiden Schwerpunkte ärztliche Versorgung und Stoffwechselerkrankungen zur vorrangigen Bearbeitung festgelegt wurden. "Im Idealfall ergibt sich aus der Gesundheitskonferenz ein Gesundheitsförderplan des Landkreises", sagte Schneider.Werbung
"Gesund durch Lebensstil" lautet das Motto, das sich der Kreis auf die Fahnen geschrieben hat, wie Uwe Hoffmann, Fachbereichsleiter Gesundheit beim Landratsamt, berichtete. "Wir müssen die Einwohner in die Lage versetzen, gesundheitsgerecht zu leben", sagte er. Stoffwechselerkrankungen hat man deswegen besonders im Blick, weil die Statistik zeigt, dass in den vergangenen sechs Jahren im Landkreis Lörrach deutlich mehr Menschen an Diabetes starben als im Landesdurchschnitt. Bewegungs- und Ernährungsprogramme sowie die Veränderung der Lebensverhältnisse sollen Abhilfe schaffen, wofür man Ärzte, Kindergärten, Schulen, Volkshochschulen und die Betroffenen selbst gewinnen will.
Zweites Problemfeld ist die Infrastruktur. Ein Drittel der Ärzte im Landkreis ist älter als 60 Jahre, in fünf Jahren werden etwa 50 Ärzte fehlen, sagte Hoffmann. In Schopfheim sind schon heute mehr als die Hälfte der Ärzte älter als 60, in Bad Bellingen indessen gibt es auch viele jüngere Ärzte. Zum Sicherstellen der hausärztlichen Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum, müsse der Landkreis eventuell Praxen und Wohnräume zur Verfügung stellen, aber auch für Kinderbetreuung sorgen. Ein Problem sei, hieß es aus der Runde, dass Hausärzte auf dem Land aufgrund des höheren Aufwands oft nur halb so viel verdienen wie ihre Kollegen im Krankenhaus. Als Problem wurden in der Diskussion auch die langen Wartezeiten bei Fachärzten genannt. Allerdings wurde auch gesagt, die Ansprüche seien manchmal zu hoch und Menschen würden erwarten, wegen jeder Kleinigkeit fachärztlich untersucht und behandelt zu werden.
Sehr stark zugenommen haben die psychischen Erkrankungen, berichtete ein Konferenzteilnehmer. Das sei ein gesellschaftliches Phänomen, beispielsweise seien geschätzte drei bis vier Prozent der Bevölkerung behandlungsbedürftig internetsüchtig. Einig war man sich, das Gesundheit zu fördern statt nur Krankheiten zu behandeln der vielversprechendere Weg ist. "Wenn alle normalgewichtig wären und sich bewegen würden, hätten wir viel weniger Erkrankungen, insbesondere was den Stoffwechsel angeht", sagte ein Teilnehmer. Kreisrat Dietmar Ferger sprach sich dafür aus, auch Umweltbelastungen in die Betrachtung von Krankheiten einzubeziehen.
Dass Gesundheit auch ein Wirtschaftsfaktor ist, stellte Steffen Reinhold von der Universität Mannheim fest. 2030 wird es aufgrund des demografischen Wandels voraussichtlich 30 Prozent weniger Erwerbstätige geben und deswegen ein um 16 Prozent niedrigeres Bruttoinlandsprodukt, sagte er. Um Wohlstandsverluste zu vermeiden sollten die Menschen länger arbeiten. Die Rente mit 67 würde gegenüber heute einen um ein Jahr längeren Rentenbezug bedeuten, da in dem langen Zeitraum bis zur vollen Einführung des Rentenalters 67 die Lebenserwartung um voraussichtlich drei Jahre steigen wird. "
Autor: Thomas Loisl Mink
