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08. März 2016

Es gibt keinen Grund zum Ausruhen

Kreispolitikerinnen und –politiker sind sich einig: Der Weltfrauentag bleibt wichtig für berechtigte Forderungen zur Gleichstellung.

  1. So zufrieden, wie diese junge Ingenieurin in der Stahlindustrie aus der Röhre schaut, können längst nicht alle Frauen hierzulande sein, weil sie in der Arbeitswelt bisweilen noch immer benachteiligt werden. Foto: Patrick Pleul/dpa

LÖRRACH. Es wurde viel erreicht, aber der Weg zur Gleichberechtigung ist noch weit. Daher hat der internationale Frauentag, der heute, 8. März, begangen wird, auch mehr als 100 Jahre nach seiner Premiere seine Berechtigung. Darin sind sich die Politikerinnen und Politiker aus dem Landkreis Lörrach, die am Montag für diese Umfrage erreichbar waren, einig.

"Wir kämpfen seit unserer Gründung für Frauenrechte, Selbstbestimmung und eine geschlechtergerechte Gesellschaft", hält Heike Hauk, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Kreistag und des Kreisverbandes, fest. Für die Grünen seien denn auch Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch von Familie und Politik zentrale Aufgaben. "Zukunftsfähige Politik hat nur dann Erfolg, wenn Frauen gleiche Chancen und Rechte haben." Ähnlich äußert sich Margarete Kurfeß, Fraktionskollegin im Kreistag: "Wir brauchen die besten Köpfe – dazu gehören die vielen gut ausgebildeten Frauen im Land." Beide Politikerinnen machen Fortschritte aus: Hauk verweist auf die gestiegene Beschäftigungsquote von Frauen in Baden-Württemberg sowie "massive" Investitionen in Kleinkindbetreuung und Ganztagsschule; Kurfeß nennt das Chancengleichheitsgesetz, das den Frauenanteil in Führungsfunktionen des Öffentlichen Dienstes deutlich verbessern soll. Gerade in sozialen Berufen, die mehrheitlich Frauen ausüben, gebe es bei gleicher Qualifikation und vergleichbarer Tätigkeit noch nicht überall gleichen Lohn.

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"Der Weltfrauentag hat nach wie vor seine Berechtigung, wenn man sieht, wie Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt noch nicht als gleichberechtigt wahrgenommen werden", sagt die CDU-Kreisrätin und Rheinfelder Bürgermeisterin Diana Stöcker. Besonders gelte das für Bildung, Gesundheit, Arbeit und Selbstbestimmung. "Der Tag fokussiert und hält wach, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben." Auch in Deutschland dürfe man sich nicht auf Erreichtem ausruhen: Nachholbedarf sieht Stöcker bei der Bezahlung – Frauen verdienten in vergleichbaren Positionen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer – und bei der Besetzung von Führungspositionen.

Ihr Parteikollege und Bundestagsabgeordnete Armin Schuster sieht Deutschland bei der Gleichstellung "insgesamt auf einem guten Weg". Das Elterngeld Plus soll die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nochmals verbessern, indem es Väter und Mütter ermuntert, parallel in Teilzeit zu arbeiten und sich die Betreuung der Kinder zu teilen. "Wenn Eltern und Arbeitgeber einigermaßen flexibel sind, ist das für beide Seiten ein Gewinn", sagt Schuster aus eigener Erfahrung: Einer seiner Mitarbeiter gehört zu den ersten Nutzern dieses neuen Teilzeit-Modells. Aufgaben bleiben aber, ist Schuster überzeugt. Dass sich die Commerzbank mangels geeigneter Kandidatinnen für einen Mann als Konzernchef entschieden hat, findet er schade. In Zukunft bewerben sich Unternehmen bei den gut qualifizierten Frauen und nicht umgekehrt, ist der CDU-Politiker überzeugt. In der Politik habe Angela Merkel das Tor für die neue Frauengeneration weit aufgestoßen. Schuster informiert sich am heutigen Weltfrauentag mit der Integrationsbeauftragten seiner Fraktion im Bundestag, Cemile Giousouf über innovative Projekte für Migrantinnen in der Region. "Wenn Frauen und Mädchen neu ankommender Familien ihren Platz in Gesellschaft und Beruf finden, dann wird die Integration insgesamt eine Erfolgsgeschichte."

Der SPD-Kreisvorsitzende Michael Hitz erinnert daran, dass die SPD-Politikerin Clara Zetkin beim ersten Frauentag maßgeblich beteiligt und die SPD mit der Einführung des Frauenwahlrechts immer eine Vorkämpferin für die Rechte der Frauen war. "Gleichberechtigung ist noch nicht in allen Köpfen der Gesellschaft angekommen", weiß Hitz. Zudem stelle die Zuwanderung die Gesellschaft vor neue Herausforderungen beim Frauenbild. Vor allem bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei durch sozialdemokratische Politik viel erreicht worden. "Allerdings sind wir noch nicht am Ziel." So müsse die kostenlose und auf Wunsch ganztägige Betreuung von Kindern von der Krippe bis zur Schulzeit sowie in den Ferien dringend umgesetzt werden.

Auch Ulrich May, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Kreistag, sieht nach mehr als 100 Jahren Frauentag Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe von Frauen im Erwerbsleben und an politischen Entscheidungsprozessen immer noch nicht gegeben. Es sei daher gut, dass an einem solchen Tag berechtigte Forderungen deutlich formuliert werden: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gleiche Karrierechancen für Männer und Frauen. May ist sicher, dass "wir auf diesem Weg Schritt für Schritt, auch wenn nicht mit der erforderlichen Geschwindigkeit, vorankommen werden".

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten auf allen Ebenen vieles in die richtige Richtung entwickelt wurde, ist der Frauentag für Wolfgang Roth-Greiner, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, national und besonders international nach wie vor zeitgemäß und berechtigt. Für die Vereinbarkeit von beruflichen mit privaten und familiären Interessen gebe es heute zwar eine Reihe guter Modelle. Für viele mittelständische und kleinere Unternehmen seien diese aber nicht so leicht umsetzbar. Gar nichts hält Roth-Greiner von Quotenregelungen bei der Besetzung von Vorstands- und Aufsichtsratspositionen. "Hier müssen sich Einsatzbereitschaft und Befähigung auch ohne staatliche Bevormundung durchsetzen."

Autor: Daniel Gramespacher