Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. September 2016 17:56 Uhr

Alarmierende Entwicklung

Kreis Lörrach: Immer mehr Menschen droht Verlust der Wohnung

Im Landkreis Lörrach ist günstiger Wohnraum knapp – und er wird noch knapper. Immer mehr Menschen und Familien droht deshalb der Verlust der eigenen vier Wände. Gibt es Auswege?

  1. Auf dem Wohnungsmarkt im Kreis tun sich inzwischen auch bürgerliche Schichten schwer. Foto: Barbara Ruda

Wohnraum ist knapp im Kreis Lörrach, günstiger zumal. Eine tragische Facette dieser Entwicklung sind die Menschen, die die eigene Wohnung verlieren. In einer Studie der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (Giss) rangierte der Kreis da bereits im Herbst 2014 im roten Bereich, kam auf mehr als 2,2 Wohnungslose pro 1000 Einwohner. Seitdem dürfte sich die Lage weiter zugespitzt haben. Das jedenfalls legt der Bericht nahe, den Stefan Heinz als Leiter der Fachstellen Wohnungssicherung im Sozialausschuss des Kreistags präsentierte.

Der Wohnungsmarkt im Kreis ist leergefegt, die Situation "angespannt", wie Heinz sagt. Vor allem günstige Wohnungen sind rar und das inzwischen keineswegs nur im Ballungsraum um Basel, sondern auch tief im ländlichen Raum, der als Alternative ins Blickfeld geraten ist und vielerorts ebenfalls abgegrast scheint. "Alarmierend" nennt der Lörracher Oberbürgermeister Jörg Lutz die Wohnungsnot denn auch; zumal Betroffenheit längst nicht mehr auf die Kreise der Geringverdiener beschränkt sei, sondern vermehrt auch "bürgerliche Schichten" (Lutz) betroffen seien. Allein die größte Stadt im Kreis verzeichnet inzwischen mehr als 100 Haushalte, die nach Wohnungsverlusten ordnungsrechtlich untergebracht worden sind. Hochgerechnet entspricht das rund 280 Menschen; darunter nicht zuletzt Kinder, die aus ihrer Umgebung herausgerissen werden und – volkstümlich ausgedrückt – mit der Etikette der Obdachlosigkeit leben müssen.

Werbung


Prävention, Beratung und Notunterkünfte

Die Stadt Lörrach war denn auch die erste, die 2009 mit dem regionalen Ableger der AGJ Wohnungslosenhilfe der Erzdiözese Freiburg – bekannt ist diese vor Ort vor allen als Träger des Lörracher Erich-Reisch-Hauses – eine Fachstelle Wohnungssicherung gründete, ein Beratungsangebot, das präventiv angelegt ist und drohende Wohnungsverluste infolge von Zwangsräumungen verhindern oder alternativen Wohnraum erschließen will. 2014 folgte Weil am Rhein; parallel wurde das Aktionsgebiet mit Unterstützung des CDU-Bundestagsabgeordneten Armin Schuster zudem in einem bis Ende 2016 befristeten und vom Bund finanzierten Modellprojekt auf das ganze Kreisgebiet ausgedehnt.

An allen Stellen aber wiederholt sich die Erfahrung: Da, wo das Angebot existiert, steigt die Nachfrage (Grafik). Allein für das Bundesmodellprojekt, also das Kreisgebiet ohne Lörrach und Weil, verzeichnet Heinz bis einschließlich August eine Steigerung der Fallzahlen um rund 40 Prozent. Ein Indiz, für die Relevanz und eine sich weiter zuspitzende Lage am Wohnungsmarkt, die immer weitere Kreise zieht.

Bei 70 bis 80 Prozent aller Fälle wiederum gibt es einen Zusammenhang mit Mietschulden; bei einem Drittel gar mit genereller Überschuldung. Das bei Vermietern gefürchtete Mietnomadentum sei dabei indes kaum zu beobachten. Vielmehr lebten 2015 knapp 45 Prozent der Betroffenen von ihrem Einkommen, ergänzenden Sozialleistungen (Aufstocker), Arbeitslosengeld oder Rente; ein weiteres Drittel bezog Leistungen aus der Grundsicherung (Hartz IV).

Der soziale Wohnungsbau muss intensiviert werden

Die Ursachen der Entwicklung sind denn auch vielschichtig; da spielt einerseits die nach wie vor gute wirtschaftliche Entwicklung der Region und der Nordwestschweiz eine Rolle, die den Kreis weiterhin zu einem Zuzugsgebiet machen und angesichts des Schweizer Lohnniveaus einen Verdrängungswettbewerb befördert. Da gibt es aber auch hausgemachte Gründe, nicht zuletzt den von der Politik lange als Auslaufmodell behandelten sozialen Wohnungsbau. Dieser müsse "intensiviert werden", steht für Stefan Heinz denn auch fest. Tatsächlich sei dieses Instrument seit Jahrzehnten nicht ausreichend gepflegt worden, analysiert auch Landrätin Marion Dammann. Infolge offenbarten sich "gewisse Defizite", so die Landrätin durchaus kritisch.

Stefan Heinz aber geht noch weiter. Er plädiert auch im Kreis für klar definierte Mietobergrenzen. Ein Hebel, der durchaus Konfliktstoff birgt. Doch "Prävention allein hilft nicht", ist der Leiter der Fachstelle überzeugt. Zumindest die aber ist im Kreistagsausschuss schnell konsensfähig. "Wir brauchen das, das ist wichtig", betonte Gabriele Weber für die SPD; auch Ulrich May bewertete das Angebot für die Freien Wähler grundsätzlich als "positiv." Diana Stöcker betonte für die CDU zudem, dass Wohnungsverluste für Betroffene nicht nur existenzielle Krisen bedeuten, sondern oft Folgeprobleme mit sich brächten, für die später meist auch die Gesellschaft aufkommen müsse. Insofern empfahl der Ausschuss den Kreistag auch, das Modellprojekt weiterzuführen und dafür 25 000 Euro bereitzustellen.

Für die Fachstelle(n) indes ist das nur ein erster Schritt. Tatsächlich liefen auch Gespräche mit der Stadt Lörrach, das dortige Angebot auszudehnen, schildert Stefan Heinz. Darüber hinaus gibt es Bestrebungen in Rheinfelden in Kooperation mit der Stadt ebenfalls ein entsprechendes Angebot zu schaffen und mit Schopfheim wäre eine solche Kooperation aus seiner Sicht auch sinnvoll, betonte Heinz.

Mehr zum Thema:

Autor: Michael Baas