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14. August 2009
"Heute sind doch alle etwas grün"
BZ-INTERVIEW mit Karl Mennicken-Martensen, der bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Lörrach-Müllheim für die Grünen antritt.
LÖRRACH. Der Bundestagswahlkampf zieht an und die Parteien bringen sich in Position – mit einem Regierungsprogramm (CDU), mit Deutschlandplan (SPD) und -programm (FDP) oder "Green New Deals" (Grüne). Im Wahlkreis Lörrach-Müllheim bewerben sich sieben Kandidaten und Kandidatinnen um das Direktmandat. Vertreter und Vertreterinnen der fünf Parteien im Bundestag hat die BZ zum Auftakt der heißen Wahlkampfphase nach Motiven der Kandidatur, Schwerpunkten und Zielen befragt. Daniel Gramespacher sprach mit Karl Mennicken-Marstensen, dem Kandidaten der Grünen.
BZ: Herr Mennicken-Martensen, "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an" lautet einer der bekanntesten Schlager von Udo Jürgens. Das wird wohl kaum der Grund sein, weshalb Sie als Pensionär ein drittes Mal für die Grünen kandidieren?Mennicken-Martensen: Ein bisschen schon. Seit ich nicht mehr berufstätig bin, habe ich mehr Energie für solch ein Engagement. Vor allem bin ich aber ein überzeugter Demokrat. Damit Demokratie funktioniert, braucht sie Akteure. Schließlich geht es heute um nichts weniger als die Rettung der Welt – Stichwort Klimawandel. Und dazu versuche ich einen winzigen Beitrag zu leisten. Deshalb habe ich zugesagt, als der Kreisverband gefragt hat.
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Mennicken-Martensen: Dass ich 1972 der SPD beigetreten bin, lag an Willi Brandt, einer charismatischen Figur, und seiner Ostpolitik. Eine wichtige Rolle spielte zudem sicher das Elternhaus. Ich bin 1943 geboren und habe die Trümmer des Zweiten Weltkrieges in Köln noch gesehen. Meine Eltern gehörten keiner Partei an, distanzierten sich aber von den Nationalsozialisten; meine Familie wählte wohl mehrheitlich SPD; mein Vater hat es mit viel Geschick sogar geschafft, nicht Soldat zu werden.
BZ: Auch Sie wollten nie Soldat werden.
Mennicken-Martensen: Ja, seit 1960 bin ich Kriegsdienstverweigerer. Nach den Erfahrungen der Geschichte lehne ich eine Armee mit Wehrpflicht in Deutschland ab und trete für eine Berufsarmee ein. Lebte ich in einem anderen Land, etwa der Schweiz, hätte ich meine Dienstpflicht wohl erfüllt. Deutschland sollte aber mit dem Thema Militär sehr zurückhaltend umgehen.
BZ: Das sehen die Grünen etwas anders.
Mennicken-Martensen: Dass die Partei dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zugestimmt hat, war für mich der Grund, ihr vorübergehend den Rücken zu kehren. Denn ich mache nicht alles mit. Ich trete nach wie vor für einen schrittweisen Rückzug aus Afghanistan ein, während die Partei etwas schwammig einen Strategiewechsel fordert, aber trotzdem zur Verantwortung stehen will.
BZ: Wo liegen neben der Sicherheits- und Außenpolitik Ihre Schwerpunkte?
Mennicken-Martensen: Als Speditionskaufmann fühle ich mich vor allem in Verkehrsfragen kompetent. Ich plädiere für einen Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs und eine Verlagerung der Fracht auf die Schiene. Wobei der Ausbau der Rheintalstrecke Rücksicht auf die Anwohner nehmen muss. Atomkraftwerke müssen so schnell wie möglich stillgelegt werden.
BZ: Sie sind nicht auf der Landesliste, müssten also mit den meisten Erststimmen das Direktmandat am 27. September holen. Ist das realistisch?
Mennicken-Martensen: Ich bin natürlich kein Traumtänzer. Andererseits muss man sehen, dass Staatssekretärin Marion Caspers-Merk nicht wieder antritt und so alle Kandidaten Neulinge sind. Insofern haben alle fünf ihre Chancen. Wir Grünen brauchen uns nicht verstecken. Bei der Europawahl holten wir in Städten wie Lörrach oder Schopfheim mehr Stimmen als die SPD. Das lag natürlich auch an der niedrigen Wahlbeteiligung. Im Herbst werden die Sozialdemokraten ein besseres Ergebnis einfahren.
BZ: Was rechnen Sie sich konkret für die Grünen aus?
Mennicken-Martensen: Ich werbe dafür, dass die Wähler beide Stimmen den Grünen geben und die Partei so im Wahlkreis Richtung 20 Prozent kommt. In einzelnen Orten haben wir diese Marke bei der Wahl 2005 schon übertroffen.
BZ: Was macht Sie da so zuversichtlich?
Mennicken-Martensen: Die grüne Welle. Heute sind doch alle etwas grün. Selbst die Industrie hat begriffen, dass etwas passieren muss. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat offenbart, dass das bisherige System nicht weiter funktionieren kann. Obama will massiv ins Energiesparen, in erneuerbare Energie und Energieeffizienz investieren. Dem sollten wir uns anschließen, auch weil der Industriezweig enormes Wachstumspotenzial hat.
BZ: Und was hätte die Region davon, wenn sie Sie in den Bundestag wählt?
Mennicken-Martensen: Ich würde für einen umweltverträglichen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur eintreten, auf der Schiene, auf der Straße, zu Wasser und in der Luft, zudem für einen Ausbau der erneuerbaren Energie, beispielsweise mit Solaranlagen, aber auch mit großen und kleinen Wasserkraftwerken oder Windkraftanlagen, wo sie sich lohnen.
BZ: Wenn Sie die Wahl hätten, wie sähe die neue Bundesregierung aus?
Mennicken-Martensen: Meine Wunschkonstellation ist Rot-Grün-Rot, also eine Koalition von SPD, Grünen und Linken. Ich bin grün und ein bisschen links, aber offen für Gespräche mit allen. Die Krise ist so groß, dass die Farbenlehre nichts ausschließen darf. Schwarz-Grün dürfte aber beispielsweise daran scheitern, dass die CDU sich weigert, gesetzliche Mindestlöhne einzuführen.
BZ: Beeinflusse die Schulferien Ihren Wahlkampf?
Mennicken-Martensen: Nicht wirklich. Ich glaube aber, dass es in der zweiten Augusthälfte ein Sommerloch geben wird, bevor die heiße Phase beginnt.
BZ: Und wie sieht Ihr Wahlkampf aus?
Mennicken-Martensen: Ich bin mit Ständen auf den Marktplätzen präsent, weil ich den direkten Kontakt zu den Bürgern mag. Für Veranstaltungen haben bereits drei Bundestagsabgeordnete Termine zugesagt. Auch die Ortsvereine werden einiges auf die Beine stellen.
Autor: gra
