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11. Juli 2014

"Das Vertrauen wiederherstellen"

BZ-INTERVIEW mit Andreas Pfeiffer, Leiter des Atomkraftwerkes Leibstadt, zur Bohrloch-Panne in der Schutzhülle des Reaktors.

  1. Die Bohrloch-Panne ist nicht der einzige Vorfall im Akw Leibstadt; vor Jahren fälschte ein Mitarbeiter Sicherheitsprotokolle. Foto: dpa / Gerard

  2. Kernkraftwerksdirektor Andreas Pfeiffer Foto: Roland Gerard

KREIS WALDSHUT / LEIBSTADT. Am Montag wurde die Bohrloch-Panne im Akw Leibstadt publik, am Donnerstag wurde bekannt, dass die Löcher in der Schutzhülle bereits seit 2008 bestehen. Roland Gerard hat Andreas Pfeiffer, Leiter des Schweizer Atomkraftwerks Leibstadt gegenüber Waldshut gefragt, wie es dazu kommen konnte.

BZ: Wann haben Sie von dem Vorkommnis erfahren?
Pfeiffer: Nachdem ein Mitarbeiter die Bohrlöcher am 24. Juni 2014 bei einem Kontrollrundgang entdeckt hatte, wurde ich umgehend telefonisch informiert. Noch am gleichen Tag wurde der Befund auch der Atomaufsichtsbehörde ENSI gemeldet.

BZ: Was war Ihre erste Reaktion?
Pfeiffer: Ich war natürlich äußerst betroffen und konnte das zuerst nicht glauben. Ich bedauere, dass so etwas im KKL passieren konnte.

BZ: Wie wurden die Löcher entdeckt?
Pfeiffer: Wir haben die Befestigung von neu angebrachten Defibrillatoren kontrolliert. Diese waren an der Wand des Containments sachgerecht, das heißt magnetisch befestigt. Bei dieser Gelegenheit entdeckte unser Mitarbeiter die unsachgemäßen Befestigungen der Handfeuerlöscher.

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BZ: Wie lautete der Befund?
Pfeiffer: Es gab insgesamt sechs Bohrlöcher mit sechs Millimetern Durchmesser. Eines davon war offen, aber verdeckt durch die Feuerlöscher-Halterung. Die anderen waren durch Schrauben verschlossen.

BZ: Seit wann gibt es die Löcher?
Pfeiffer: Unsere bisherigen Abklärungen haben ergeben, dass die Feuerlöscher Ende 2008 durch Mitarbeiter einer Fremdfirma montiert wurden.

BZ: War den Mitarbeitern nicht bewusst, dass man an dieser Stelle nicht bohren darf?
Pfeiffer: Auch unsere Fremdmitarbeiter werden vor Tätigkeiten in der Anlage geschult. Wir müssen jetzt überprüfen, welche Vorgaben es damals gab und ob sie eingehalten wurden. Die Tatsache, dass eine Fremdfirma den Auftrag durchführte, entbindet uns nicht von unserer Verantwortung.

BZ: Warum konnten die Löcher sechs Jahre unentdeckt bleiben?
Pfeiffer: Es gibt andere Möglichkeiten der Befestigung wie Magnete oder Kleben. Deswegen war es nicht augenscheinlich, dass mit der Befestigung eine Beschädigung der Containment-Wand verbunden war.

BZ: Hätte das nicht direkt nach Anbringen der Feuerlöscher überprüft werden müssen?
Pfeiffer: Nach solchen Arbeiten muss eine Qualitätskontrolle durch eigene Mitarbeiter durchgeführt werden. Es muss jetzt überprüft werden, auf welche Weise dies damals geschah. Ich habe eine vertiefte Ursachenanalyse angeordnet, unterstützt durch unabhängige externe Experten.

BZ: Ein Loch war sogar völlig offen. War damit nicht die Umgebung gefährdet, im Normalbetrieb und erst recht bei Störfällen?
Pfeiffer: Sofort nach Entdecken dieses Befundes haben wir alle Löcher verschlossen und abgedichtet. Für diese provisorische Reparatur haben wir alle erforderlichen Sicherheitsnachweise erbracht inklusive Dichtheitstests. Wir konnten auch nachweisen, dass selbst bei sechs offenen Löchern und in einem schweren Störfall keine unzulässige Menge an Radioaktivität in die Umwelt gelangt wäre. Im Normalbetrieb herrscht im Containment Unterdruck, so dass keine Leckage nach außen gelangen kann. Zudem ist die Stahlwand nur eine von mehreren Barrieren.

BZ: Wie sieht es mit der Stabilität des Containments aus?
Pfeiffer: Unsere Analysen und Berechnungen haben gezeigt, dass die Integrität des Containments gegeben ist. Dies wurde auch von der Aufsichtsbehörde ENSI akzeptiert.

BZ: Wie steht es um die Sicherheitskultur in Ihrem Werk? Die Atomaufsichtsbehörde hat heftige Kritik geäußert und spricht von organisatorischen Defiziten.
Pfeiffer: Die Kritik des ENSI ist berechtigt. So etwas darf in einem Kernkraftwerk nicht vorkommen. Gleichzeitig müssen wir damit umgehen, dass Menschen Fehler machen können. Dafür gibt es in der Anlage aber genügend Sicherheitsbarrieren und Sicherheitsmargen, so dass ein Einzelfehler keine gravierenden Auswirkungen haben kann.

BZ: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem Vorfall?
Pfeiffer: Über konkrete Schritte können wir erst entscheiden, wenn wir uns genau im Klaren sind: Wo ist was passiert? Was sind die Ursachen?

BZ: Die Löcher sollen endgültig durch Schweißen verschlossen werden. Wie muss man sich das vorstellen?
Pfeiffer: Das ist ein sehr aufwändiger Prozess. Bevor wir die Reparatur ausführen, müssen Dokumente erstellt und Vorversuche an einem Testkörper abgeschlossen worden sein, die belegen, dass die Qualität der definitiven Reparatur gewährleistet ist.

BZ: Das ENSI hat Ihnen eine Frist bis 18. Juli gesetzt. Wird sie nicht eingehalten, müssen sie das Werk vorübergehend abschalten, damit drohen wirtschaftliche Verluste. Können Sie die Vorgabe einhalten?
Pfeiffer: Wir setzen alles daran, diese Frist einzuhalten. Wirtschaftliche Überlegungen stehen dabei aber im Hintergrund. Wir wollen eine Anlage, die der Auslegung entspricht.

BZ: Sind Ihnen vergleichbare Vorfälle aus anderen Atomkraftwerken bekannt?
Pfeiffer: Im Moment ist mir nicht bekannt, ob so etwas in einem anderen Werk passiert ist. Nach einem standardisierten Prozess melden wir den Vorgang an andere Werke weiter, damit dort entsprechende Überprüfungen stattfinden.

BZ:Wiederholt gab es in Leibstadt meldepflichtige Ereignisse. War das Durchbohren des Containments aus Ihrer Sicht der bisher schwerwiegendste Vorfall?
Pfeiffer: Von der Auswirkung auf die Anlage gravierender war ein Vorfall im Jahr 2007. Damals wurde bei Elektrik-Instandhaltungsarbeiten ungeplant eine Schnellabschaltung mit gleichzeitiger Druckentlastung ausgelöst. Schwerwiegend war auch vor vielen Jahren das Fälschen von Sicherheitsprotokollen durch eigene Mitarbeiter.

BZ: Müssen Sie nach dem Vorfall nicht Vertrauensverluste bei der Bevölkerung befürchten?
Pfeiffer: Ich muss damit rechnen, dass Teile der Bevölkerung sich überlegen, wie viel Vertrauen sie noch haben können. Dieses Vertrauen gilt es wiederherzustellen.

Andreas Pfeiffer stammt aus Villingen-Schwenningen und studierte an der Universität Karlsruhe Maschinenbau. 1992 promovierte er am Institut für Thermische Strömungsmaschinen der gleichen Hochschule. Ab 1993 arbeitete er als Entwicklungsingenieur bei der ABB Kraftwerke AG in Baden/Schweiz. Seit 2006 ist er bei der Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL) beschäftigt. In dem Schweizer Atomkraftwerk war er zunächst Leiter der Abteilung Maschinenbau, ab 2008 Vizedirektor. Im Januar 2010 übernahm er die Leitung. Der 56-Jährige ist verheiratet, hat drei Söhne und wohnt im Kreis Waldshut.

Autor: bz