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16. Juli 2012 00:02 Uhr

Trister 14. Juli

Krise: Frankreich landet hart

Die geplante Schließung der Peugeot-Autofabrik Aulnay bei Paris führt den Franzosen schlagartig vor Augen, dass die Krise kein abstrakter Begriff ist. Sie hat ihr Land voll erfasst.

  1. Hübsch anzusehen, aber schnell vom Winde verweht – die Farben der Trikolore am Himmel über Paris. Foto: dpa

Trister 14. Juli: Zwei Tage vor dem französischen Nationalfeiertag hatte der Autobauer Peugeot den Abbau von 8000 Stellen angekündigt. Für Frankreich war das ein Schock, wie Staatspräsident François Hollande am Samstag im traditionellen Interview des Staatspräsidenten zum 14. Juli erklärte. Der Schock sitzt tief, obwohl die Ankündigung erwartet worden war. Und obwohl der PSA-Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën verspricht, den Abbau ohne Entlassungen zu bewerkstelligen.

Trotzdem dröhnt der Peugeot-Paukenschlag den Franzosen in den Ohren. Er macht ihnen mit einem Mal klar, dass die Krise nicht an der Landesgrenze haltmacht, so wie das die Pariser Atombehörden 1986 mit der Tschernobylwolke behauptet hatten. In den vergangenen Wochen hatten schon die Fluggesellschaft Air France oder der Pharmakonzern Sanofi angekündigt, sie würden tausende von Stellen abbauen. Mit Peugeot wird nun aber der Kern der französischen Industrie erfasst, und das zu einem Zeitpunkt, da die Arbeitslosigkeit im Land die symbolisch wichtige Zehn-Prozent-Schwelle übersteigt.

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Vor dieser Wirklichkeit hatte Frankreich lange die Augen verschlossen. Alle vergleichbaren Nachbarländer führten wie Deutschland Arbeitsmarktreformen durch oder beschlossen wie Italien, Spanien und England drakonische Sparpläne; in Paris glaubte man jedoch, verschont zu bleiben. Vor den Präsidentschaftswahlen im Mai sprach nicht etwa eine französische Zeitung, sondern das britische Wirtschaftsblatt The Economist in London von der Realitätsverweigerung des gallischen Hahns. In Paris sträubte sich die Regierung noch im Juni, das Wort Sparpolitik in den Mund zu nehmen.

Jetzt "fallen die Masken", wie die Zeitung Le Monde zum Nationalfeiertag in einem Beitrag zu Peugeot kommentiert. Die meisten Ökonomen erklären, dass Hollande nicht mehr um drakonische Einschnitte herumkommt – schon gar nicht, wenn er seine erklärten EU-Defizitziele einhalten will. Der Präsident verspricht in einem traditionellen französischen Reflex einen Plan für die nationale Autoindustrie. PSA-Chef Philippe Varin lehnt aber Staatsgelder dankend ab: Die staatliche Abwrackprämie von 2009 bis Ende 2011 – mit 1000 Euro pro ausrangiertem Altwagen – habe die Nachfrage nur künstlich hochgehalten, meint er. Danach sei der Markt umso brutaler eingebrochen.

Automarken wie Peugeot, Citroën und Renault, einst der Stolz der französischen Industrie, sind nach miserablen Verkaufszahlen auf dem Boden der Realität gelandet. Hart gelandet. Varin spricht nun Klartext und meint, nur eine massive Senkung der Sozialabgaben mache die französischen Autobauer international wieder wettbewerbsfähig. Diese Abgaben liegen in Frankreich bei mehr als 22 Prozent, fünf Punkte über dem EU-Schnitt.

Das weiß auch die sozialistische Regierung. Ihre Denkfabrik Terra Nova verlangt eine Entlastung der französischen Firmen. Das ist leichter gesagt als getan: Die hohen Firmenabgaben sind der Ausfluss des gesamten französischen Sozialmodells – eines der besten und teuersten Europas –, das auch finanziert sein will. Hollande erklärte zum Nationalfeiertag, er wolle Budgetdisziplin wahren, die nationale Wettbewerbsfähigkeit steigern und Strukturreformen anpacken. Solche Worte hätte ein französischer Linkspolitiker vor kurzem nicht in den Mund genommen. Denn damit sind harte Konsequenzen verbunden: Der Staat wird abspecken, die Grande Nation auf kleinerem Fuß leben müssen.

Da Hollande noch fünf Jahre im Elysée bleiben wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine sozialistische Regierung die seit Jahren schärfsten Wirtschaftsreformen einleiten muss. François Hollande wollte kein Gerhard Schröder sein, er hat ein anderes Naturell, ein anderes Modell. Aber vielleicht bleibt ihm gar keine andere Wahl.

Autor: Stefan Brändle


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