Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. August 2012 00:02 Uhr

Bachelor- und Masterabschlüsse

Kritik an der Kritik der Hochschulrektoren

Was ist von den Bachelor- und Masterabschlüssen an den deutschen Hochschulen zu halten, die vor zehn Jahren eingeführt wurden? Ein Interview mit Stefan Grob, Deutsches Studentenwerk.

  1. Viele Studierende üben ebenfalls massiv Kritik an den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen. Foto: DPA

  2. Stefan Grob Foto: Kay Herschelmann

Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan lobt sie, Horst Hippler, Chef der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) kritisiert den Bachelor als Schmalspurstudium. Wulf Rüskamp sprach mit Stefan Grob, dem stellvertretenden Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks.

BZ: Herr Grob, der HRK-Präsident hat heftige Kritik geübt am Bachelor-Master-System. Überrascht Sie diese Kritik?

Grob: Diese Kritik überrascht mich sehr, weil es die Hochschulen selbst sind, die die konkrete Umsetzung der neuen Studiengänge Bachelor und Master in der Hand hatten und immer noch haben. Mich überrascht auch, dass die HRK jetzt sagt, es dürfe nicht nur sechssemestrige Bachelor geben, acht Semester müssten die Regel sein. Das sind zwar alles Kritikpunkte, die ich inhaltlich teile, aber das hätte man schon vor Jahren so laut sagen können und müssen, wenn man dieser Meinung ist. Die Hochschulen haben es selbst in der Hand, Bachelor- und Masterstudiengänge vernünftig zu konzipieren und auf Persönlichkeitsbildung oder den Blick über den Tellerrand Wert zu legen.

Werbung


BZ: Das System ist den Hochschulen übergestülpt worden. Erklärt das nicht ihre schlechte Laune gegenüber dem Projekt?

Grob: Richtig, die Umstellung auf Bachelor und Master wurde dem gesamten deutschen Hochschulsystem übergestülpt. Aber die Frage ist doch: Wie geht man damit um? Es wurde gerade von professoraler Seite in den Feuilletons eine unglaubliche Abwehrschlacht gegen die Bachelor-Master-Reform geschlagen. Ich hätte mir gewünscht, dass im Interesse der Studierenden gleich viel Kreativität und intellektuelle Energie auf gescheite Bachelorstudiengänge verwendet worden wäre. Man kann die Entscheidung zur Reform kritisieren. Aber als staatliche Hochschule hat man auch den Auftrag, die Studiengänge zum Wohle der Studierenden vernünftig zu konzipieren.

BZ: Hat die Umstellung Vorteile gebracht?

Grob: Vorteile und Nachteile halten sich ungefähr die Waage. Ein großer Vorteil ist, dass man heute sehr früh im Studium mit Leistungsanforderungen konfrontiert wird, so dass man sich selber sehr genau verorten kann: Schaffe ich das Studium, ist es das Richtige für mich? Die Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt ist für Bachelorabsolventen gut, sie kommen innerhalb von drei Monaten unter. Das Studium ist schneller geworden, es ist praxisorientierter, die Wirtschaft erhält die gewünschten jüngeren Absolventen.

BZ: Herr Hippler sagt, die Hochschulen wollten nicht nur Absolventen ausbilden, sondern Persönlichkeiten.

Grob: Das eine schließt das andere nicht aus. Aber die Reform der Studiengänge trat an mit drei großen Versprechen: Das Studium wird schneller, es wird modular, und es wird viel internationaler. Von diesen drei Versprechen ist nur eines wirklich eingelöst, nämlich die Modularisierung der Studiengänge, also in der Abfolge von Bachelor und daran aufbauend Master.

BZ: Laut Schavan ist die Mobilität der Studierenden gewachsen.

Grob: In absoluten Zahlen hat sich die Menge der Studierenden, die ins Ausland gehen, verdoppelt. Nur hat sich die Zahl der Studierenden in den vergangenen zehn Jahren ebenfalls stark erhöht. Der Anteil der Studierenden, die ins Ausland gehen, stagniert deshalb seit zehn Jahren. BZ: Die Zahl der Studienabbrecher ist zu hoch, sagt etwa Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

Grob: Das ist sie in der Tat. Neuere Studien sprechen von bis zu 48 Prozent Abbrecher in den Bachelorstudiengängen, während sie vorher bei 20 Prozent lag. Das halte ich für eine der größten, am dringlichsten zu behebenden Baustellen innerhalb der Studienreform.

BZ: Was muss ihrer Ansicht nach da geschehen?

Grob: Hört auf die Studierenden! Die Studierenden haben in den Jahren 2009 und 2010 massiv Kritik an den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen geübt. Die Hochschulen haben diese Kritik aus meiner Sicht sehr ernst genommen und sich mit den Studierenden zusammengesetzt. Das muss man weiter tun, man muss die Gründe für den Studienabbruch untersuchen und dann im Detail korrigieren.

BZ: Hat sich der Aufwand für diese Studienreform im Rückblick überhaupt gelohnt, wenn so viele Versprechen nicht gehalten wurden?

Grob: Wenn der Reformprozess jetzt stockt, wenn er nicht klug und im Dialog mit den Studierenden zu Ende geführt wird, dann wäre es eine Farce, dass man ihn überhaupt begonnen hat. Der Aufwand hat sich dann gelohnt, wenn die Studiengänge studierbar sind, wenn sie in acht Semestern zu einem guten Abschluss führen. Aber dazu muss man sich jetzt eingestehen, dass man das Reformziel noch nicht erreicht hat.
Zur Person

Stefan Grob, 46, ist bei St. Gallen geboren und lebt heute in Berlin. Er hat Kaufmann gelernt und dann ein Studium der Geschichte in Berlin angeschlossen. Vor seiner Tätigkeit als stellvertretender Generalsekretär und Pressereferent des Deutschen Studentenwerks war er Pressesprecher eines Wirtschaftsverbands.

Autor: Wulf Rüskamp


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Deutschland