KRITIK IN KÜRZE

Sarah Nöltner

Von Sarah Nöltner

Mi, 10. Oktober 2018

Klassik

Freiburg: Bach-Kantate mit der Chapelle de la Vigne

Mit feinem, schlanken Klang aus der Wohlfühl-Idylle in Welt(-bild) erschütternde Abgründe und wieder zurück in himmlisch wonnige Sphären: Die Musiker der Chapelle de la Vigne bewältigten das herausfordernde Klangspektrum der Bach-Kantate "Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust" BWV 170 auf beeindruckende Weise. Pulsierend, voll dynamischer Abstufungen und fast gänzlich ohne Vibrato spielten die Instrumentalisten. Altistin Lena Sutor-Wernich spannte die Melodien mit klaren Linien. Fokussiert auf den emotionalen Gehalt der Kantate, die nur in der ersten Arie sanft wirkt und sich dann durch düsterste Stimmungsgefilde bewegt, bot Sutor-Wernich einen Eindruck von der bodenlosen Verzweiflung angesichts einer gleichermaßen erschütternden wie erschütterten Welt (im zweiten Rezitativ eindrücklich durch die Abwesenheit des Bassfundaments beschrieben). Dabei faszinierte die Helligkeit von Sutor-Wernichs Stimme, die auch an den dunkelsten Stellen zu verheißen schien, "es ist zwar gerade schlimm, aber es wird auch wieder besser." Kammermusikalisch, voll gegenseitiger Aufmerksamkeit, interpretierte die Chapelle de la Vigne unter Leitung von Bernhard Schmidt vornehm differenziert diese 18. Ausgabe der Freiburger Bach-Kantaten. Der Organist Sebastian Bausch registrierte die Partita "Ach, was soll ich Sünder machen" BWV 770 weich, stellenweise fast schmächtig, was zum Choral passte. Besonders heraus stachen die wenigen Stellen, an denen sich ein bisschen Mixturenschärfe in den zurückhaltenden Klang mischte und im langen Nachhall von St. Martin, der manche Artikulationen verwischte, klare Akzente setzte.

Nächster Auftritt der Chapelle de la Vigne: "Concert Spirituel" mit Werken von Lully, Delalande, Telemann. 23. Februar, Eichstetten; 24. Februar, Christuskirche, Freiburg.