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19. August 2017 09:01 Uhr

Vor dem Abriss

Künstlerinnen bringen Kunst in Freiburgs ehemaligen "Weiberknast"

Der ehemalige "Weiberknast" am Holzmarkt steht kurz vor dem Abriss. Jetzt haben Künstlerinnen 16 Zellen in dem alten Gefängnis gestaltet. Ein Blick hinter Gitter.

  1. Isolation, Depression und Einsamkeit sind die dominierenden Themen. Das Bild zeigt die Zelle, die die Künstlerinnen Christine Huss und Gül Keetmann gestaltet haben. Foto: Thomas Kunz

  2. andra Simone Schmidt hat sich mit unschuldig Inhaftierten beschäftigt. Foto: Thomas Kunz

  3. Gitterstäbe an der Zellenwand zeigen die Ausweglosigkeit. Foto: Thomas Kunz

  4. An Astrid Eichins Werk haben Flüchtlingsfrauen mitgestrickt. Foto: Thomas Kunz

  5. Einen „Ort der Ruhe“ hat Angelika Klemme entworfen. Foto: Thomas Kunz

  6. Die Leiter als Illusion einer Fluchtmöglichkeit haben Ria Hochmann und Michaela Höhlein-Dolde in Szene gesetzt. Foto: Thomas Kunz

Der ehemalige "Weiberknast" am Holzmarkt ist zu einem Kunstraum geworden: Beim Gedok-Projekt "Knastkunst" haben 22 Künstlerinnen Zellen mit Kunstobjekten gestaltet. Zur ersten Führung kamen etwa 50 Besucher ins alte Gefängnis, das im November abgerissen werden soll.

Gestaltung innerhalb von vier Wochen

Im Mai hatte die Gedok, die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstförderer, den Zuschlag für die temporäre Umgestaltung des Gefängnisses bekommen, erst Mitte Juli habe die erste Besichtigung stattfinden können, berichtet Ria Hochmann, eine der beiden Hauptorganisatorinnen. "Die Künstlerinnen haben sich maximal vier Wochen vorbereiten können." Die eigentliche Arbeitszeit in den 16 Zellen betrug dann zwei Wochen, in dieser Woche war Vernissage.

Entstanden sind sehr unterschiedliche Arbeiten, manche als Koproduktionen zweier Künstlerinnen, andere als Soloprojekte. Allen gemeinsam ist aber der Bezug zu den geschichtsträchtigen Räumen der ehemaligen Haftanstalt. "Es dominieren Themen wie Isolation, Depression, Einsamkeit", sagt Michaela Höhlein-Dolde von der Gedok.

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Der ehemalige "Weiberknast" am Holzmarkt wurde 1850 erbaut und steht unter Denkmalschutz. Zuletzt diente er für Häftlinge in Untersuchungshaft, seit 2004 wird er nicht mehr genutzt. Die Künstlerinnen sprechen von einer "nebelwandigen Kälte". Deswegen habe es auch eine Zeitlang gedauert, sich an den ungewöhnlichen Arbeitsplatz zu gewöhnen, erzählt eine Künstlerin.

Während ihrer Arbeit haben die Frauen auch für den einen oder anderen Aufruhr gesorgt: "Der Alarm ist noch scharf", berichtet Hochmann. Mehr als einmal seien die Künstlerinnen auf einen der Alarmknöpfe gekommen. Eine Künstlerin empfand den Geruch aus der Toilette als störend, betätigte deshalb die Spülung und sorgte so für einen Wasserschaden. Den Werken tat das keinen Abbruch.

Auseinandersetzungen mit Isolation und Zukunftsangst

In Zelle 102 haben sich Waltraud Brügel und Regina Pustan damit auseinandergesetzt, wie die Haftstrafe die Gefangenen verändert. "Sie häuten sich immer", sagt Waltraud Brügel. Die Künstlerinnen stellen das durch selbstgenähte Hüllen aus geöltem Seidenpapier dar, die einer zweiten Haut gleichen sollen. Auch die beiden Organisatorinnen Ria Hochmann und Michaela Höhlein-Dolde haben eine Zelle gestaltet. In ihrem Raum haben sie Gitterstäbe an die Wände gemalt, die die Ausweglosigkeit des Gefängnisses verdeutlichen sollen. Als Kontrast soll eine Leiter die Illusion einer Fluchtmöglichkeit verdeutlichen. "UnSchuldig" von Sandra Simone Schmidt ist eine Installation mit 30 QR-Codes, die zu Unrecht inhaftierte Menschen zeigen. Astrid Eichins hat mit "I See" eine Strickarbeit in Zusammenarbeit mit geflüchteten Frauen umgesetzt.

Die Gedok hat keine eigenen Räume und ist deshalb auf temporäre Arbeitsstätten wie das alte Gefängnis angewiesen. Fördergelder erhält die Gedok nach eigenen Angaben von der Stadt Freiburg sowie durch Spenden. Die Nutzung von Gebäuden, die vor dem Abriss stehen, sei für die Gedok kostenlos. Über den großen Zuspruch der ersten Führung ist Ria Hochmann erfreut. "Der Knast zieht wahrscheinlich mehr als die Kunst", sagt sie.
Die Ausstellung "Gedok Knast-Kunst" am Holzmarkt 2 kann nur bei Führungen besichtigt werden. Führungen werden am 22., 24., 29. und 31. August 2017 angeboten. Beginn ist jeweils um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht. Es wird um Anmeldung per E-Mail gebeten, unter m-dolde@t-online.de oder ria.hochmann@t-online.de.

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Autor: Jonas Volkert