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22. August 2009

Ärzte und Alkohol

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr: Die Kölner "Tatort"-Kommissare ermitteln in einer Privatklinik

  1. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) am Tatort Foto: WDR

Gleich in der ersten Szene brummt Max Ballauf der Schädel. Der Kommissar hat zu tief ins Glas geschaut. Doch das sind nicht die einzigen Probleme, die Ballauf und seinem Kollegen Freddy Schenk Kopfschmerzen bereiten. Der Mord an der Frau eines prominenten Arztes führt die Ermittler in eine Privatklinik. In bekannter Manier greift auch der neueste Kölner "Tatort" soziale Missstände auf. Diesmal steht der Alkoholmissbrauch von Medizinern im Mittelpunkt – Tabuthema und Klischeefalle zugleich.

Regisseurin Maris Pfeiffer setzt auf bewährte Bilder, um die Folgen der Trunksucht zu illustrieren. Extreme Gegenlichtaufnahmen, die Konturen und Personen unwirklich verfremden, gehören ebenso zum Repertoire wie Schnitte, in denen Bewegungsabläufe in einzelne Sequenzen zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Und natürlich herrscht in dem Krankenhaus eine klare Hackordnung mit dem Chefarzt am oberen und den Krankenschwestern am unteren Ende der Skala. Dass der Film dennoch nicht an der Oberfläche bleibt, liegt im Wesentlichen an der darstellerischen Leistung von Roeland Wiesnekker. Er spielt mit beeindruckender Intensität den Mann des Mordopfers, der bei dem Überfall selbst verletzt wurde. Als Chirurg ist Julius Gann in der Klinik, die er zusammen mit seinem Geschäftspartner Thomas Bernstein betreibt, die alles beherrschende Figur. Um auch nach 40-Stunden-Schichten noch mit ruhiger Hand arbeiten zu können, greift er schon seit langem zur Flasche. In den stärksten Szenen wechselt Wiesnekker geradezu virtuos zwischen dem arroganten "Gott in Weiß" und dem ausgebrannten und von Selbstmitleid zerfressenen Alkoholiker. Nach seiner Haushaltshilfe gefragt, die als mögliche Zeugin der Tat vernommen werden soll, entgegnet er verächtlich: "Ich rette jeden Tag Menschenleben, glauben Sie im Ernst, ich wüsste den Namen meiner Putzfrau?" Doch zu Hause sinkt der selbstbewusste und fordernde Mediziner förmlich im Sessel zusammen und fängt immer wieder an, hemmungslos zu trinken.

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Ärzte haben in Deutschland laut Experten ein überdurchschnittlich hohes Risiko, in Abhängigkeit von Suchtmitteln zu geraten. Bundesweit sind nach Angaben der Ärztekammer 20 000 Mediziner davon betroffen. Natürlich kann ein Krimi dem Problem in seinen unterschiedlichen Facetten kaum gerecht werden. Aber die "Tatort"-Folge "Mit ruhiger Hand" zeigt doch etwas von den Zwängen, in denen sich viele Angehörige des Berufsstandes bewegen, und die einige von ihnen schließlich in den Alkohol treiben. Da ist der Dauerdruck durch überlange Arbeitszeiten, die Angst vor dem Versagen im OP, aber auch die Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung. Nimmt die Trunksucht zu, wächst zugleich die Isolation der Betroffenen. Im Film wird dieser Prozess symbolisiert durch die Villa des Chirurgen Gann, die ausschließlich aus vergitterten Fenstern zu bestehen scheint.

Mit einem Gefühl von Einsamkeit hat unterdessen auch Kommissar Ballauf zu kämpfen. Bislang gefiel sich die von Klaus J. Behrendt gespielte Figur eher als Einzelkämpfer – im Gegensatz zu dem von Dietmar Bär verkörperten Familienmenschen Schenk. So viel wird schnell klar: Der Abend in der Kneipe, an dessen Folgen Ballauf zu Filmbeginn leidet, war kein Einzelfall. Ob das Bier zum Feierabend einen gleich zum Alkoholiker werden lässt – "diese Frage haben wir uns natürlich auch am Set gestellt", bekennt Ballauf-Darsteller Behrendt. Letzten Endes, so die Botschaft des Films, führen viele Wege in die Abhängigkeit – keineswegs nur für Mediziner. Fast schon folgerichtig verzichten die beiden Kommissare am Ende der Folge auf ihr traditionelles Kölsch am Imbiss gegenüber dem Kölner Dom.

Autor: Joachim Heinz (KNA)