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24. Dezember 2009

Europäische Kulturhauptstadt

Das Ruhrgebiet: Ein Pott Kultur

Gestatten, Europas Kultort 2010: eine Fünf-Millionen-Fünfzehn-Großstädte-Stadt, der man Kultur kaum zutraut. Zu Unrecht.

  1. Jürgen Lodemann Foto: Klett-Cotta

  2. Fördertürme zu Leuchttürmen! Wo die Zechen Funken sprühen Foto: dpa

Oft fragen mich hier in Süddeutschland wohlmeinende Leute: Essen und das Ruhrgebiet – Europas Kulturhauptstadt? Was wundert sie da? Vom Welt-Dichterclub PEN gibt es in Berlin 196 Mitglieder, in Hamburg 30, in Frankfurt 35, in Freiburg 7, in Essen – so groß wie Frankfurt – keinen einzigen. Dummsdorf wird Kulturhauptstadt? Ich habe mir angewöhnt, das Ruhrgebiet vom Süden her zu sehen, mit den Blicken von Kulturbürgern (München hat 51 PEN-Menschen). Nur mühsam leuchtet ein, warum sich der Schweizer Dichter Adolf Muschg in der entscheidenden Jury so stark machte für das Ruhrgebiet, so sehr, dass er glaubwürdig war und Erfolg hatte.

Den Titel "Europas Kulturhauptstadt" empfinde ich als wundersamen Akt einer späten Gerechtigkeit. Das Ruhrrevier gilt weiterhin, mit Bölls Worten, als grau, als "Pott", als gesichtslos, geschichtslos. "Pott" mag liebevoll gemeint sein, ist aber als Beschreibung grundfalsch. Für mich ist keine Stadt so sorgfältig gegliedert wie zum Beispiel der zentrale Ort im Revier, Essen. Und nirgends drängt sich deutsche Geschichte so auf wie zwischen Duisburg und Dortmund, neueste wie älteste Historie, sogar vorhistorische, vor allem aber blutig fatale aus der Industrie- und Weltkriegszeit, als Essen stolz darauf war, "Waffenschmiede des Reiches" zu sein.

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Das Ruhrgebiet – ein immer getäuschtes und missbrauchtes Durchgangsland, berstend vor Geschichte und bis heute: fremdbestimmt. Dass Dortmund seine Bürgermeisterwahlen wiederholen muss, das entschied man im Örtchen Arnsberg – wegen verheimlichter hundert Millionen Miese in Dortmunds Stadtkasse – ein altes Drama: Halbmillionenstädte wie Bochum und Dortmund werden von einem vormaligen Feme-Nest an der oberen Ruhr verwaltet und kujoniert. "Ahnsberch, dat ahnze ganich, wo dat liecht", so hieß das schon 1980 in der Musikkomödie "Ahns-berch" in Peymanns Bochumer Ensemble, wo dann auch zu hören war: "Ruhr schreibt man wie Aufruhr." Im Spiel "Ahnsberch" träumte die Ruhr davon, von Arnsberg-Kontrollen endlich frei zu kommen, ging es um Selbstbestimmung für die Bewohner des größten deutschen Stadtgebildes, "Ahns-berch" proklamierte ein eigenes Bundesland Ruhr – bis heute ist die Ruhr nicht mal ein eigener Regierungsbezirk.

Adolf Muschg hat als Schweizer im Ruhrrevier so etwas gesehen wie ein Modell fürs künftige Europa und verglich das mit seiner eigenen Heimat. Schweiz und Ruhr haben je gut fünf Millionen Einwohner, haben beide kein Zentrum, sondern viele Zentren, sind beide vielsprachig, sind beide bereichert von Migranten, von sehr vielen und von überall her. Dass die Balance in der Schweiz immer neu gelingt, das ließ einen wie Muschg hoffen für das Revier, das seine Identität auch derzeit wieder neu finden muss, nun als ein Stück Europa-Zukunft. Es existiert da keineswegs eine "Ruhrstadt" – eine Stadt hat ein Zentrum, das Ruhrgebiet aber ist eine Fünf-Millionen-Fünfzehn-Großstädte-Stadt – einfacher ist dies Gebilde nicht zu benennen. Und mit dieser Struktur bleibt das Ruhrrevier auf unserem Planeten einzigartig, denn anderswo wuchsen Städte zusammen und wurden zu Paris, London oder Berlin – im Revier pflegt man hartnäckig die Eigengeschichten und lebhaftes Konkurrieren, oft mit Lähmung und Leerlauf. Immerhin, für die "Kulturhauptstadt" haben sich die alten Neider nun doch mal einigen können – zum Kulturwunder Ruhr?

Von Süddeutschland her gesehen entstanden die Ruhr-Städte in der Stahl- und Kohlezeit des zwanzigsten Jahrhunderts. Dass aber in Essen schon um 800 mit der Goldenen Madonna die älteste aller Marien-skulpturen entstand, dass es sich bei Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund um tausend Jahre alte Orte handelt, ist im Süden unbekannt. Dass die Reichsstadt Dortmund einst der englischen Krone aus finanzieller Patsche helfen konnte, unvorstellbar in Freiburg. Dass in Essen die ältesten Bibel-Eindeutschungen bewahrt oder hergestellt wurden (der "Heliand" in altsächsischer Sprache um 800 als Helden-Epos, der Codex Argenteus um 600 in gotischer Sprache) – unbekannt in Heidelberg oder Tübingen. Man weiß natürlich auch nicht, dass an der Ruhr Universitäten nie gegründet werden durften, weder unter den Wilhelms noch unter Hitler – erst, als unter US-Hochkommissaren Demokratie hatte sein müssen.

Und unbekannt blieb, dass eine gründliche Revision des Nibelungenlieds – nach ältesten Quellen – hohe Wahrscheinlichkeiten ergab dafür, dass die Geschicke Siegfrieds historisch im Tal der Ruhr begannen, die Abenteuer jenes Königssohns, der zur Völkerwanderungszeit von Xanten aus losgezogen sein soll, um die Schmiedekunst zu lernen – wo sonst hätte der sie lernen können dort (Xanten gehört 2010 tatsächlich zur "Kulturhauptstadt"), wo die Archäologie Zeugnisse des Schmiedezaubers in vorhistorischen Spuren zeigt, wo es im Ruhrtal uralte "Isenburgen" gibt (Eisenburgen), Ortschaften mit Namen wie Schwerte oder Steele (englisch "Stahl"), wo Wasserkraft, Erze und Anthrazitkohle (mit bester Heizkraft) seit je vorhanden waren und wo Essen vor tausend Jahren "Asnithi" hieß – "Eschen-Ort" – was auf das älteste sprechende Bild in der Mythologie der Kelten und Germanen verweist, auf die Esche, die als Weltenbaum im Sommer halb kahl steht – weil an ihren Wurzeln, so melden Handschriften, der Drache nagt mit dem Namen "Nidgir" – Neid und Gier. Der Drachenkampf ist der Kampf gegen unsere zeitlose Raffkraft, gegen das Horten, und sie sind nun ziemlich hilflos, die Siegfriede in Berlin oder Brüssel.

Auch in Bochum, im uralten "Buchenheim", in der Stadt der Buchen und der Bücher, erschien soeben (bei dtv) das "Ruhr.Buch. Das Ruhrgebiet literarisch", mit 53 Texten von Hemingway bis Goethe, von Joseph Roth bis Ralph Rothmann, von Max von der Grün bis Michael Klaus. Freilich, über das Ganze des Ruhrgebiets existiert kein Roman. Seine komplexe Struktur ist am ehesten zu spiegeln in vielen Kriminalromanen, seit "Anita Drögemöller" und "Essen Viehofer Platz" vermehren sie sich, die Ruhr-Krimis. Das Revier, die ideale Tatort-Landschaft.

An den Ufern der Emscher agieren gute Einzeltäter, gibt es den "Poesie-Palast" des tüchtigen Gerd Herholz, gibt es die literarischen deutsch-polnischen Aktionen des früheren Bergmanns Herbert Somplatzki, gibt es die Nazi-Entlarvungen durch den Bergmannssohn Ernst Schmidt, gibt es den vielgereisten guten Grantler Ulrich Straeter – die Reihe solcher Namen wäre sehr verlängerbar und die da nun auswählen müssen aus tausenden Angeboten, sind nicht zu beneiden.

Mein eigener wunderbarer Plan wurde abgewiesen. Ich wollte, dass eine unbekannt gebliebene, dass die einzige klassisch-romantische Oper, in der Arbeiter die Hauptrolle spielen, dass eine 1848 entstandene Freiheitsoper inszeniert würde im Aalto-Palast – laut Spiegel hat der "europäischen Rang". Es ging um eine Paulskirchen-Oper, um ein Dokument aus der Frühzeit der Industrieentwicklung und deutscher Demokratieversuche, die es denn doch auch gegeben hat. Als 1848 für wenige Monate Freiheit war von Polizei und Zensur, konnte der Komponist und Textschreiber Lortzing endlich statt Komik was dramatisch Politisches machen. Seine "Regina" beginnt in einer Fabrik mit Lohnstreik, mit ältester Arbeiter-Literatur, seine "Fabrik-Arbeiter" singen: "Es handelt sich um höheren Lohn, es handelt sich um noch weit mehr, beschlossen ist, zu Ende sei die Knechtschaft und die Tyrannei! Wir werden Recht uns jetzt verschaffen, wenn nicht mit Worten, dann mit Waffen."

Es folgen Brandschatzung, Kidnapping, Terror und Selbstmordterror. Leider kam ich damit nicht mal bis ans Ohr des Aalto-Intendanten, der ja nur einen seiner eindrucksvollen Verdis um ein Jahr nach hinten hätte schieben müssen. Bochums riesige stählerne "Jahrhunderthalle" wäre für die Arbeiter-Oper ideal – wenn schon fürs Stahlgewitter der "Soldaten" von Lenz/Zimmermann, warum nicht auch für die 1848 authentisch freiheitsberauschten "Arbeiter von allen Klassen" – Original-Zitat aus dieser solitären Oper "Regina".

Die Programme aus Bochum und Essen preisen die "Metropole Ruhr" – leider. Das Ruhrgebiet wurde seit je geschulmeistert und geplündert von "Metropolen", von Berlin aus oder vom Großdorf an der Düssel oder von der Metropole Arnsberg – die Ruhr muss sich nun nicht auch noch selber zur Herrschaftsstadt aufblasen. Die geschäftsführenden Pleitgen und Scheytt stehen vor einer enormen Aufgabe – 53 Orte mit Tausenden kunstbeflissenen Menschen. Würde "Ruhr 2010" scheitern, blamierten sich nicht nur die dortigen Großkonzerne, dann sänke das Fünf-Millionen-Revier zurück ins hirnlose Klischee vom Pott.

Das Projekt
Ruhr.2010 – unter diesem Namen tritt das Ruhrgebiet 2010 als Europäische Kulturmetropole an (http://www.ruhr2010.de Die Stadt Essen und das Ruhrgebiet gewannen den Wettbewerb am 13. November 2006 vor einer EU-Expertenjury. Das Prädikat Europäische Kulturhauptstadt geht zurück auf das Jahr 1985 und einen Vorschlag der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri. Ihr Vorschlag war, jährlich eine solche Kulturhauptstadt zu benennen, um die europäische Integration zu stärken. Im Zuge der EU-Erweiterung kam man überein, vorübergehend auch mehrere Kulturhauptstädte pro Jahr zuzulassen, darunter auch Städte in EU-Kandidatenländern. So tragen neben Essen und dem Ruhrgebiet 2010 auch die ungarische Stadt Pécs und Istanbul den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt.

Der Autor
Jürgen Lodemann wurde 1936 in Essen geboren, studierte in Freiburg Germanistik und Geographie und promovierte 1961 über Lortzing. Der spätere SWR-Fernsehjournalist, Dokumentarfilmer und Kulturredakteur lebt als freier Autor in Freiburg und Essen. 2008 war er "poet in residence" an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2007 leitet Lodemann den Landesverband Baden-Württemberg des Verbandes Deutscher Schriftsteller.

Autor: Jürgen Lodemann