Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. Oktober 2010

Der Dogmatiker

PETER HACKS I:Wie der DDR-Dramatiker auch nach der Wende Recht behalten wollte: Die Protokolle der Akademie-Sitzungen.

Der große Autor und Marxist Peter Hacks, der in den 50er Jahren von München nach Ostberlin umsiedelte und dort die Rolle eines Dramatikers als marxistischer Poeta doctus bis über die Zeit der Wende hinaus einnahm, versammelte ab 1972 bis zum 7. Mai 1990, als die letzte Sitzung in der Akademie der Künste zu Fragen der Dramaturgie stattfand, seine Adepten um sich. Diese Kolloquien, in denen Stücke von Shakespeare bis zu Beckett auf der Agenda standen, wurden protokolliert und jetzt in fünf Bänden herausgegeben.

Hacks, der als scharfsinniger und handwerklich perfekter Schriftsteller im vereinten Deutschland inzwischen wieder hoch im Kurs steht, lernen wir als Rhetoriker und amüsant plaudernden Oberlehrer kennen, der seine Schüler mit Charme und Komplimenten, Selbstironie und auftrumpfendem Generalistenwissen in seine dogmatischen Einsichten einweiht. Die Schüler – Autoren, Dramatiker, Professoren und Filmregisseure – zeigen sich fasziniert von den Auftritten ihres Großmeisters, von seiner Autorität und seinem triumphalen Selbstbewusstsein. Kleiner gibt sich Hacks nur gegenüber den von ihm in Übergröße dargestellten Vorbildern.

Werbung


So erzählt er über Hegel, der schon alles gewusst habe, in der Akademiesitzung am 18. Dezember 1972: "Hegel interessiert sich nicht für schwankende Helden, für in sich zerrissene Personen. Ein Charakter steht bei ihm für eine Seite der Wahrheit. Deswegen verlangt er von ihm, dass er für diese Seite der Wahrheit steht. Ein schöner Satz lautet: ,Es ist die Ehre der großen Charaktere, schuldig zu sein.’" Die Rede klingt gesetzgeberisch. Um ihre Fragwürdigkeit wahrzunehmen, muss man sich nur Hamlet oder Richard III., Macbeth oder Don Juan und in Erinnerung rufen.

Die Schülerrunde um Hacks bemerkt das nicht. Nur Heiner Müller fragt, wie man denn dann Büchners Woyzeck einordne. Es ist eine verstiegene Diskussion oft, die in der Akademie in der DDR um den Selbstkult des Peter Hacks herum versucht wird. Die Leerstellen auf den Themenlisten der Sitzungen sind verräterisch für jeden, der Autoren wie Wedekind, Nestroy und Karl Kraus vermissen wird. Auch von großen Dramatikern des europäischen Auslands wie Pinter, Strindberg, Pirandello ist kaum die Rede. Dafür wird von mediokre n DDR-Autoren viel Aufhebens gemacht. Als einziger dem Marxismus bei bestem Willen nicht zuzuordnender Autor von Weltrang kommt Beckett zur Geltung.

Interessant im Blick auf die heutige Theatersituation ist die Beckett-Debatte trotzdem. Wie die Diskurse überhaupt dokumentarischen Wert haben. Es geht immer um den politischen Sinn und Auftrag des Theaters. Von dieser Anstrengung ist der allzu oft dem Amüsement gewidmete Betrieb heute weit entfernt.

Wenn es in der Sitzung am 24. Februar 1975 um Shakespeares "Sturm" geht, ist von Gediegenheit eines Hegel’schen Helden keine Rede mehr. Anna Elisabeth Wiede, Hacks Ehefrau, hält den Einführungsvortrag, in welchem sie die herrschenden Zustände in Europa aus ihrer historisch-marxistischen Perspektive nachskizziert. Sie verwandelt das heiter-abgründige Stück zwischen Himmel und Erde, Mythologie und Wirklichkeitshölle in ein Drama der Klassenkämpfe. Das ist zum Teil verblüffend, doch spielt das Erkenntnisinteresse für die eigene Position im Klassenkampf eine viel zu große poesiefremde Rolle.

Mit Mitteln der marxistischen Sophistik lässt sich einiges zur Rettung der DDR-Ideologie herausholen, bemerkt der Leser mit Staunen. Die Kolonisierten, repräsentiert durch Caliban, und der Bootsmann, eine Antizipation der Rolle des Proletariats, das Shakespeare als Klasse nur erahnen konnte, werden zu Gegenmächten Prosperos, des Herrschers im Sinne der Großbourgeoisie stilisiert. Friedel Solter, der Regisseur, der gerade den "Sturm" auf die Bühne gebracht hatte, meldet einen Fund an. Die Figur der Miranda sei verfälscht worden, sie sei kein Wunderwesen, sie sei die emanzipierte, kluge, "gesellschaftlich" unverdorbene Frauengestalt, wie es eine zweite auf dem Theater nicht gäbe. Angesichts dieser Deutungen verblüfft es dann doch, wenn Hacks dekretiert: "Eine Rolle wie des des Bootsmanns, die nicht umfangreich, aber weiß Gott von Kraft und machtvoll ist, lässt sich, wie jede andere, uminterpretieren, und zwar richtig, und alle anderen Interpretationen sind dann falsch."

Diese Meinung ist weniger ungewöhnlich als autoritär. Jeder Zweifel am Richtigen muss ausgemerzt werden. Wir wahren Erben der Tradition, wir Marxisten, heißt das im Subtext, liegen richtig und das können unsere Diskussionen beweisen. Dieser Problemlösungszwang liegt weniger auf Hacks als auf seinen Kombattanten, die von ihm anerkannt werden wollen.

Im Kapitel zur Dramaturgie Schillers und Kleists, worin "Maria Stuart" und "Prinz Friedrich von Homburg" untersucht werden, kommen unvermittelt die Kämpfe der Gegenwart zur Sprache. Was bei Schiller und Kleist als gesellschaftlicher Kampf gedeutet werden kann, obschon die Stücke im Blick auf die wahren geschichtlichen Kämpfe als unzulänglich empfunden werden und der Prinz sogar als eine "ekle Type" grob gescholten wird, ist dieser Kampf in der Dramatik der Gegenwart kaum mehr fassbar darzustellen. Dieses Problem der Sichtbarmachung der wahren Kämpfe auf dem Theater bildet den Leitfaden aller Diskurse bei den Akademiesitzungen im Zeitraum von fast zwanzig Jahren.

Am 1. Februar 1990, die DDR ist bereits zusammengebrochen, meint Peter Hacks schließlich, die heutigen Kämpfe spielten sich "in wahnsinniger Weise verdeckt ab, was für die Bühne ganz ungünstig ist. Wer will sich herausnehmen, die Geheimkabinette, wo Herr Brzinski Herrn Bush Ratschläge gibt, auf die Bühne zu bringen? Das alles ist furchtbar schwer. Trotzdem meine ich: Wir sehen das Ergebnis von Kämpfen, wir sehen Honecker im Kellerloch." Man einigt sich, die Möglichkeit, die heutigen Kämpfe auf die Bühne zu bringen, vereitelten die Medien, die das Publikum ablenkten vom Interesse an Geschichte und Theater. Das Ganze lande in den seichten Talkshows. Die Verwirrung draußen vor der Akademie macht sich drinnen als pure theoretische Ratlosigkeit breit.
–  Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen in fünf Bänden.
Hrsg. v. Thomas Keck und Jens Mehrle. Aurora-Verlag, Berlin 2010. 126 Euro.

Autor: Wilhelm Hindemith